Am 01.06.1996 gründeten die Unfallchirurgen Sachsen-Anhalts nach mehreren Vorgesprächen einer Initiativgruppe den Interessenverband der Unfallchirurgen Sachsen-Anhalt.

Vor der Gründung stand die Frage im Vordergrund: Ist es sinnvoll, angesichts der Vielfalt der existierenden Verbände und Vereine, einen weiteren Verband ins Leben zu rufen? Wir stellten damals fest, dass wir uns als Unfallchirurgen ungenügend repräsentiert fühlten, wie z. B. in der bereits etablierten Chirurgenvereinigung Sachsen-Anhalt, wo der Schwerpunkt im Bereich der Viszeralchirurgie lag. Für berufspolitische Pro-bleme, die im Mittelpunkt standen, war auch die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie kein Ansprechpartner, bezogen auf unser Bundesland. Der Verband Leitender Unfallchirurgen in den Altbundesländern kannte die spezifischen Probleme der Unfallchirurgie in den neuen Bundesländern nicht. Darüber hinaus schienen diese, für das Tätigkeitsfeld des Gesamtverbandes, eine untergeordnete Rolle einzunehmen. Vor diesem Hintergrund war eine standespolitische Interessenvertretung der Unfallchirurgen Sachsen-Anhalts wichtig. Gleichzeitig war es dem IVU aber auch wichtig, Initiativen, Vorschläge und Anregungen aller Mitglieder aufzunehmen sowie wechselseitige Hilfestellungen bei Problemen zu geben.

Zum Gründungsvorstand wurden als 1. Vorsitzender Prof. Dr. W. Otto (Halle), als 2. Vorsitzender Dr. J. Mathè (Wittenberg), als Schriftführer/Pressesprecher Dr. P. Fürnberg (Lutherstad Eisleben), als Schatzmeister Dr. L. Kuhne (Merseburg) sowie als Geschäftsführer Herr Dr. M. Haferkorn (Hettstedt) gewählt. Viele Jahre später wurden die Mitbegründer, Herr Prof. Otto als das Herz und Herr Dr. Haferkorn als das Hirn des IVU bezeichnet.

Die Anfangszeit war bestimmt von unzähligen Gelegenheiten durch Gespräche, Briefe und auch Resolutionen, die Ziele des IVU bekanntzumachen, für ihre Umsetzung zu kämpfen. Der Vorstand und der Geschäftsführer hatten Termine im Ministerium für Arbeit, Soziales und Gesundheit bei der damaligen Ministerin Frau Dr. Kuppe, in der Ärztekammer Sachsen-Anhalt beim damaligen Präsidenten Herrn Prof. Dr. Brandstädter, in der Krankenhausgesellschaft des Landes Sachsen-Anhalt beim damaligen Vorsitzenden Herrn Dr. Wilms sowie im Krankenhausplanungsausschuss. Noch Mitte der 90er Jahre gab es keine flächendeckende hochspezialisierte, unfallchirurgische Versorgung, eigenständige unfallchirurgische Kliniken waren eher die Ausnahme. Ziel des IVU war von Anfang an die flächendeckende und qualitätsgerechte unfallchirurgische Versorgung.

Der gesundheitspolitische Grundsatz war und ist, dass jedem Unfallpatienten an jedem Ort und zu jeder Zeit die geeignete und umfängliche Behandlung garantiert werden kann. Es musste Krankenkassen und Krankenhausträgern bindend auferlegt werden, dass dieser Versorgungsauftrag auch umgesetzt wird. Die von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie erarbeiteten Empfehlungen zur Versorgung von Unfallverletzten in der Bundesrepublik Deutschland mussten inhaltlich umgesetzt werden und sollten Gesetzeskraft erlangen. Dieses Postulat wurde in einer Resolution der Mitgliederversammlung des IVU 1998 an den Bundesgesundheitsminister Seehofer gesandt.
Über all die Jahre waren neben den genannten Aufgaben stets der fachliche Austausch, die freundschaftlichen Treffen und die wissenschaftlichen Veranstaltungen Hauptanliegen des IVU. Wenn man die Gründungsjahre zusammenfassend beurteilt, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass die Etablierung einer eigenständigen Unfallchirurgie im Lande Sachsen-Anhalt, verbunden mit der Abnabelung von den Allgemein- und Viszeralchirurgen, welche Anfang der 90er Jahre noch den Hauptanteil der Unfallpatienten behandelte, nicht ohne Widerstand gelang. Von führenden Allgemein- und Viszeralchirurgen wurde unser Verband auch schon mal als „Kampfverband“ bezeichnet.

Auf der Mitglieder- und Wahlveranstaltung am 26.06.2003 in Quedlinburg wurden dann Herr Prof. Dr. S. Winckler (Magdeburg) zum 1. Vorsitzenden und Herr Dr. A. Mahlfeld (Magdeburg) zum 2. Vorsitzenden gewählt, dessen Funktion später Herr Dr. W. Seelbinder (Köthen) übernahm. Pressesprecher blieb weiterhin Herr Dr. P. Fürnberg, Schatzmeister Herr Dr. L. Kuhne. Zum Geschäftsführer wurde erneut Herr Dr. M. Haferkorn bestellt. Der neue Vorstand setzte die Arbeit des IVU ganz im Sinne des Gründungsvorstandes fort. Herr Prof. Dr. S. Winckler hat sich bleibende Verdienste im Hinblick auf die Facharztweiterbildung, die Weiterbildung zum Schwerpunkt Spezielle Unfallchirurgie und dann auch für die Belange des neuen Facharztes für Orthopädie und Unfallchirurgie erworben. Überdies war er viele Jahre Vorsitzender der Fach- und Prüfungskommission sowohl für den Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie als auch für die Schwerpunktbezeichnung spezielle Unfallchirurgie. In den kommenden Jahren wurden regelmäßige Treffen und wissenschaftliche Veranstaltungen durchgeführt.

Am 04.06.2010 wurden dann Dr. L. Lindemann-Sperfeld (Halle) zum 1. Vorsitzenden und Herr Dr. F. Draijer (Magdeburg) zum 2. Vorsitzenden des IVU gewählt. Kassenwart Dr. L. Kuhne und Pressesprecher Herr Dr. P. Fürnberg wurden im Amt bestätigt. Der Geschäftsführer blieb weiterhin Herr Dr. M. Haferkorn. Der neue Vorstand hatte es sich zur Aufgabe gemacht, neben der Fortführung aller genannten Aufgaben und Projekte, besonders die Belange von Fort- und Weiterbildung in den Fokus zu rücken. Seit 2011 haben wir ein monatliches Fortbildungscurriculum für Assistenzärzte organisiert, zu dem wir in den ersten Jahren ausschließlich Chefärzte der beteiligten Kliniken des Landes und über die Ländergrenzen hinaus als Referenten gewinnen konnten. Wir wollten somit die Qualität der Vorträge sehr hoch halten, was uns bis heute gelungen ist. Diese kostenlose Veranstaltung ist bei den Assistenzärzten, zuweilen sind auch erfahrene Oberärzte unsere Gäste, insbesondere wegen der fachlich qualitativ äußerst hochwertigen Vorträge und der sich anschließenden Diskussionen, sehr beliebt. Die Idee zu diesem Curriculum hatte unser Geschäftsführer Herr Dr. H. Siekmann (Halle). Gemeinsam mit Dr. L. Lindemann-Sperfeld wurden in den letzten fünf Jahren diese Veranstaltungen vorbereitet und moderiert.

Bei der letzten Wahlversammlung vom 26.09.2014 wurden die bisherigen Vorsitzenden im Amt bestätigt, Herr Dr. S. David (Wittenberg) wurde zum neuen Schatzmeister und Herr Dr. R. Löwenthal (Haldensleben) zum Schriftführer gewählt. Zum Geschäftsführer wurde Herr Dr. H. Siekmann (Halle) bestimmt.

Gut etabliert hat sich auch das Mitteldeutsche IVU-Traumaupdate, welches in den letzten drei Jahren in der Leopoldina in Halle stattfand und wo wir stets renommierte Experten als Referenten gewinnen konnten. Auch weitere wissenschaftliche Veranstaltungen finden unter dem Patronat des IVU statt, wie z. B. das bereits seit 10 Jahren durchgeführte Orthopädisch-Traumatologische Update in Köthen von Prof. Dr. Krüger und Dr. W. Seelbinder, das Magdeburger Interdisziplinäre Forum für Muskuloskelettale Chirurgie von Prof. Dr. F. Walcher sowie auch die Brennpunkte Orthopädie und Unfallchirurgie von Dr. S. David in Wittenberg.

Was hat der IVU in den letzten 20 Jahren bewegt und verändert?

Wir können rückblickend feststellen, dass die Unfallchirurgie eine große Selbstständigkeit erfahren hat und wir als Unfallchirurgen Korpsgeist entwickelt haben, der uns bei enger Nachbarschaft und unterschiedlichen Trägerschaften nie zur feindlichen Konfrontation geführt hat. Obwohl wir anfangs dachten, dass wir durch Bündelung unserer Interessen in berufspolitischer Hinsicht in den politischen Institutionen oder auch bei den Kostenträgern Einfluss nehmen können, zeigten derartige Aktivitäten nicht den gewünschten vollen Erfolg. Andererseits haben sich aus unseren Reihen immer wieder beispielgebende Lösungsvarianten in der Diskussion ergeben, die mitunter manchen Verwaltungsdirektor überzeugt haben, wie sich Unfallchi-rurgie anderenorts etablieren kann. Insofern verstehen wir unseren IVU als Selbsthilfegruppe mit Anleitung zur Selbsthilfe und Multiplikator guter Ideen und Lösungsvorschläge.

Eine neue Problematik ergibt sich durch die Änderung der BG-lichen Versorgung sowie durch den Zusammenschluss mit den Orthopäden. Wir wollen uns nicht von unseren orthopädischen Kollegen abgrenzen, haben jedoch derzeit partiell noch unterschiedliche Interessen und richten den Fokus unterschiedlich aus. Hier wird die Zukunft zeigen, ob eine engere Zusammenarbeit möglich ist. Einem späteren Zusammengehen mit den Orthopäden in berufspolitischer Sicht verweigern wir uns keinesfalls, die Rahmenbedingungen müssen jedoch noch festgelegt werden. Wir wollen zuvörderst Interessenvereinigung und Podium für angeregte Diskussionen und gemeinsam erarbeitete Lösungsvorschläge der angerissenen Problemfelder bleiben. Der IVU hat in den letzten 20 Jahren viel bewegt und erreicht, es gibt für die nächsten 20 Jahre aber noch eine Menge anstehender Aufgaben.

Dr. med. Lutz Lindemann-Sperfeld
1. Vorsitzender des Interessenverbandes der Unfallchirurgen Sachsen-Anhalts