Epileptische Anfälle entstehen durch eine fehlerhafte Informationsverarbeitung in den Gehirnzellen – vergleichbar mit einem Kurzschluss oder einem Gewitter im Gehirn. In manchen Fällen ist die Erkrankung genetisch bedingt, bei anderen Patienten sind Fehlbildungen, Stoffwechselerkrankungen, Entzündungen oder durch Sauerstoffmangel verursachte Schädigungen des Gehirns Ursache der Epilepsie. Die Bandbreite der Anfallssymptome bei jungen Patienten ist vielfältig. Nicht immer müssen die Anfälle mit Bewusstlosigkeit, Zucken, Speicheln, dem Verdrehen der Augen und Hinfallen einhergehen. Anfälle können sich auch als ein kurzes Innehalten oder eine ausbleibende Reaktion auf Ansprache zeigen. Im Alltag stellen Anfälle ein Risiko dar, zum Beispiel im Straßenverkehr oder beim Sport. Die Erkrankung kann, sofern sie nicht hinreichend gut behandelbar ist, auch die Entwicklung und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Die Ärzte der Kinder- und Jugendmedizin und der Kinderchirurgie am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara kennen verschiedene Therapieansätze, um die Lebensqualität der jungen Patienten und ihrer Familien zu verbessern.

Der erste therapeutische Schritt ist, bis auf wenige Ausnahmen, die medikamentöse Behandlung. Dabei ist das Ziel, Anfallsfreiheit mit nur wenigen Nebenwirkungen zu erreichen. Dies gelingt bei etwa 70 Prozent aller epilepsiekranken Kinder. In einzelnen Fällen schwer behandelbarer Epilepsien kommen auch spezielle Diäten oder ein hirnchirurgischer Eingriff zum Einsatz. Versagen Medikamente und Diäten und kommt keine Hirnoperation infrage, braucht es für diese schwer behandelbaren Epilepsien eine Alternative.

Im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara wird bei solchen Patienten die Vagusnerv-Stimulation eingesetzt. Bei diesem Verfahren wird im Brustbereich unter der Haut ein Stimulationsgerät, ähnlich einem Herzschrittmacher, implantiert. Dieses Gerät ist über eine Elektrode im Halsbereich mit dem Nervus vagus, einem Hirnnerven, verbunden und sendet regelmäßige elektrische Impulse an das Gehirn.
Dr. med. Peter Göbel, Chefarzt der Klinik für Kinderchirurgie und Kinderurologie, erläutert den Ablauf des Eingriffs: „Die Implantation erfolgt über zwei kleine Schnitte am Brustkorb und am Hals. Unmittelbar nach der Operation ist das Gerät so programmiert, dass die Dosis der Impulse schrittweise erhöht und so dem Auftreten der epileptischen Anfälle schonend und wirksam begegnet wird“. Programmiert und kontrolliert wird der Stimulator von außen. Der Patient oder seine Eltern haben außerdem die Möglichkeit, im Anfall zusätzlich Impulse auszulösen, indem mit einem speziellen Magneten über den Schrittmacher gestrichen wird. So kann ein Anfall bereits im Entstehen gestoppt oder verkürzt werden. In der neuesten Generation sind die Vagusnerv-Stimulatoren sogar „smart“: Über einen plötzlichen Anstieg der Herzfrequenz erkennt das Gerät einen bevorstehenden Anfall und sendet einen zusätzlichen Impuls aus, der den Anfall unterbrechen kann, bevor sich die Symptome zeigen. Die Behandlung mit Vagusnerv-Stimulation ist eine Gemeinschaftsleistung der Kinderchirurgen und der Mediziner der Abteilung für Neuropädiatrie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin unter der Leitung von Oberärztin Dr. med. Steffi Patzer.

Dr. med. Annika Wiederanders, Fachärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des katholischen Krankenhauses, betreut die betroffenen Patienten vor und nach der Implantation und betont die bewährte Funktionsweise der Geräte, die bundesweit an mehreren Kliniken eingesetzt werden. Die Erfahrung zeigt, dass die Vagusnerv-Stimulation bei mindestens der Hälfte aller Patienten eine Verbesserung der Anfallssituation bewirken kann: es treten weniger oder weniger schwere, langdauernde Anfälle auf, Medikamente können reduziert werden, Wachheitsgrad und Aufmerksamkeit können sich verbessern. Die Vagusnerv-Stimulation ist eine gut verträgliche Therapiemethode. „In den Sekunden, in denen der Stimulator Impulse sendet, kann es zu kleineren Auffälligkeiten, zum Beispiel einem Hustenreiz, Heiserkeit oder Schluckproblemen kommen“, so Wiederanders. In der Regel gewöhne sich der Patient bereits nach wenigen Wochen an diese  Begleiterscheinungen. Wenn die Therapie gut wirkt, bleibt das Gerät lebenslang im Einsatz, so dass lediglich etwa alle 3 bis 7 Jahre mit einem kleinen Folgeeingriff zum Batteriewechsel gerechnet werden muss.

| Pi Krankenhaus St. Elisabeth und S. Barbara Halle (Saale)
Foto: Krankenhaus St. Elisabeth und S. Barbara/Schweda