7. Sachsen-Anhaltischer Krebskongress am 10. und 11. März 2017 in der Nationalakademie Leopoldina in Halle

Die demographische Entwicklung in Deutschland, aber insbesondere in Sachsen-Anhalt, zeigt eine deutliche Zunahme des Anteils älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung. Zusätzlich steigt die Lebenserwartung weiter an. Da Krebserkrankungen häufiger bei älteren Menschen vorkommen, ergibt sich allein dadurch eine Zunahme der Inzidenz der Erkrankung. Konkret bedeutet das, dass in nicht allzu ferner Zukunft jeder zweite im Laufe seines Lebens an Krebs erkranken wird. Erschwert wird diese Situation zusätzlich durch die Tatsache, dass Sachsen-Anhalt sowohl bei der Inzidenz von Krebserkrankungen aber auch bei der Mortalität schon jetzt bundesweit einen Spitzenplatz belegt.

Die sich hieraus ergebende Aufgabe für unsere Gesellschaft ist immens. Natürlich müssen die Betroffenen einer optimalen medizinischen Versorgung zugeführt werden. Doch was bedeutet das? Krebs ist schon lange keine Erkrankung mehr, die von Einzelnen umfassend behandelt werden kann. Gefordert ist ein Team von Spezialisten, die sich interdisziplinär austauschen, um die beste Behandlungsmöglichkeit für den Betroffenen zu finden. Im besten Falle kann der Patient dadurch geheilt werden. Wir alle wissen aber, dass Krebs trotz optimaler Behandlung nicht immer heilbar ist. Auch diese Betroffenen müssen neben einer adäquaten Behandlung eine menschenwürdige Begleitung letztlich bis hin zum Tode bekommen. Neben medizinischen, supportiven Maßnahmen stehen hier psychologische, ggf. spirituelle und vor allem familiäre bzw. zwischenmenschliche Aspekte im Vordergrund, die nur in geringem Maße vom Team der Krebsspezialisten geleistet werden können. Hier ist die Gesellschaft gefordert, Bedingungen zu schaffen, die eine Betreuung unheilbar Erkrankter außerhalb der normalen medizinischen Versorgung in der Niederlassung oder in Krankenhäusern ermöglicht, sei es im Hospiz, häuslicher Krankenversorgung oder privater Betreuung der Betroffenen. All das wird sich nicht kostenneutral bewerkstelligen lassen.

Die Entwicklung neuer Medikamente verspricht eine Verbesserung der Prognose vieler Krebserkrankungen. So haben sich insbesondere durch Einführung der sogenannten zielgerichteten Therapien und besonders aktuell der immunmodulatorischen Medikamente erhebliche Überlebensvorteile gerade bei metastasiertem Leiden ergeben. Die gute Verträglichkeit dieser Therapien bewirkt zusätzlich eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen im Vergleich zu herkömmlicher zytostatischer Therapie. Allerdings entwickelt sich auch hier eine neue Preisspirale, da natürlich durch die Verbesserung der Prognose diese sehr teuren Medikamente länger und bei mehr Betroffenen zum Einsatz kommen werden. Hieraus ergeben sich neben volkswirtschaftlichen vor allem ethische Fragen, die zunächst von der Politik und den Kostenträgern beantwortet werden müssen. Natürlich wollen alle, dass alle Therapiemöglichkeiten allen Betroffenen uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Aber können wir uns das auf lange Sicht überhaupt leisten?

Das Thema Krebs spielt also nicht mehr nur hinter verschlossenen Türen der Krankenversorgungssysteme eine Rolle, sondern ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Insofern eine Herausforderung für alle.

Die sich aus dem oben beschriebenen Kontext ergebenden Fragen wurden im Rahmen des 7. Sachsen-Anhaltischen Krebskongresses ausführlich diskutiert. Schon in der Einführungsveranstaltung wurden Lösungsvorschläge angedacht, die letztlich aber wiederum neue Fragen aufgeworfen haben. Das neue Schlagwort heißt personalisierte bzw. individualisierte Medizin. Sowohl die stellvertretende Ministerpräsidentin und Gesundheitsministerin von Sachsen-Anhalt Frau Petra Grimm-Benne als auch der Präsident der Leopoldina Herr Prof. Dr. Jörg Hacker fokussierten in ihren Grußworten auf diese Thematik. So versprechen Analysen der aber letztlich auch Eingriffe in die individuelle Erbinformation neue Möglichkeiten der Prävention, Früherkennung aber auch der Therapie von Krebserkrankungen. Beispielsweise könnten Parameter definiert werden, anhand derer sich die Wirksamkeit oder aber Unwirksamkeit einer bestimmten Therapieform voraussagen läßt. Unnötige Behandlungen könnten somit vermieden werden, ein guter und wichtiger Ansatz zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.

Natürlich ergeben sich hieraus wiederum neue Fragen, deren Beantwortung letztlich aber der eigentliche Antrieb für ein weiteres Fortkommen im Umgang mit onkologischen Erkrankungen darstellt, so Dr. Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft. Interessante Einblicke in die politischen Strukturen ermöglichte Tino Sorge als Bundestagsabgeordneter der CDU Sachsen-Anhalt und Mitglied im Gesundheitsausschuss des deutschen Bundestages. In seiner engagierten Festrede referierte er über die Arbeit und Ziele des Ausschusses, wobei sich allerdings nur wenig Konkretes für den täglichen Umgang mit Krebserkrankungen ableiten ließ.

Neben diesen Themen gab es natürlich ein umfangreiches wissenschaftliches Programm. Die Idee des Vorstandes der Sachsen-Anhaltischen Krebsgesellschaft für diesen Kongress mit Herrn Prof. Wolfgang Schütte, Herrn Dr. Tilmann Lantzsch und meiner Person gleich 3 Präsidenten unterschiedlicher Fachzugehörigkeit zu ernennen, zahlte sich vor allem dadurch aus, dass es gelungen ist ein besonders ausgewogenes Programm zu erstellen. Mit weit über 100 Referenten aus Sachsen-Anhalt war nahezu jeder, der sich in den letzten Jahren im Land mit der Behandlung von Krebserkrankungen hervorgetan hat, im Programm vertreten. Eine gute Gelegenheit, auch mal über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen. Besondere Aufmerksamkeit galt der onkologischen Spitzenforschung in Sachsen-Anhalt in einer eigenen Sitzung und einer umfänglichen Posterausstellung mit Verleihung von 2 Posterpreisen.

Traditionell schloss sich auch dieses Jahr an das wissenschaftliche Programm wieder das große Patientenforum mit eigenen Vortragsveranstaltungen für Patienten an. Hier konnten Betroffene ausgiebig die Möglichkeit nutzen, mit Fachexperten persönlich ins Gespräch zu kommen. Eingeleitet wurde das Patientenforum durch eine sehr gut besuchte öffentliche Podiumsdiskussion mit dem Versuch der Beantwortung der Frage, warum die neuen Tumormedikamente so teuer sein müssen. Trotz intensiver Debatte zwischen Vertretern der Politik, Pharmaindustrie, Ärzten und Betroffenen, konnte die Frage nicht abschließend beantwortet werden. Prof. Dr. Hans-Joachim Schmoll, der als Vorsitzender der Sachsen-Anhaltischen Krebsgesellschaft die Diskussion moderierte, schloss mit der guten Nachricht, dass es aktuell im deutschen Gesundheitssystem keine Bestrebungen gibt, teure Therapieformen den Betroffenen vorzuenthalten. Wenn eine Therapie zugelassen ist, kann sie jeder Betroffene auch bekommen, egal was sie kostet. Selbst Therapien, die in Deutschland nicht zugelassen sind, können nach Einzelfallprüfung über Härtefallanträge auf Kosten der Krankenkasse bezogen werden.

Zusammenfassend blicken wir zurück auf den 7. Sachsen-Anhaltischen Krebskongress als erfolgreiche, gut besuchte und in sich stimmige Veranstaltung. Warum braucht Sachsen-Anhalt überhaupt einen Krebskongress? Der Krebskongress ist als einzige Veranstaltung in der Lage, alle an der Behandlung beteiligten Disziplinen wie Pflege, Psychologen, Rehabilitationsmediziner und Akutmediziner der unterschiedlichen Fachrichtungen des Landes unter einem Dach ins Gespräch zu bringen. Weiterhin ist er unverzichtbar als
Instrument das Thema Krebs in die Öffentlichkeit zu transportieren, diese zu sensibilisieren und zu informieren. Insofern freue ich mich auf den
8. Sachsen-Anhaltischen Krebskongress 2019 in Magdeburg.

Prof. Dr. med. habil. Florian Seseke
Klinik für Urologie, Krankenhaus Martha-Maria Halle-Dölau

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Foto: Krebsgesellschaft Sachsen Anhalt