„Macht und Ohnmacht“

Am 24. und 25. Februar 2017 fanden die 15. Hallenser Gespräche zu Psychotherapie, Religion und Naturwissenschaften statt, die sich dem Thema „Macht und Ohnmacht“ widmeten. Veranstalter des Symposiums waren die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara sowie die Katholische Akademie des Bistums Magdeburg. Namhafte Referenten sind der Einladung nach Halle gefolgt, so Herr Professor Dr. Martin Sack, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Traumatherapeut und Leiter der Sektion Traumafolgestörungen am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, Frau Professor Dr. Franziska Lamott, Soziologin, Psychologin und  Gruppenlehranalytikerin, Herr Dr. rer. med. habil. Martin Altmeyer, Psychologe und Publizist, Herr Professor Dr. Thomas Kliche, Politologe und Psychologe sowie Frau Professor Dr. Hildegund Keul, Theologin.

In den einleitenden Gedanken betonte Frau CÄ Dr. Bahn, dass das dynamische Wechselspiel von Macht und Ohnmacht all unsere Beziehungen bestimmt. Ziel des Symposiums sei es daher, sowohl intrapsychische als auch interpersonelle Aspekte der Thematik zu beleuchten und hierbei auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu berücksichtigen. Es folgte die musikalische Einstimmung auf die Vorträge durch Frau Juliane Tautz-Bernhard und Frau Susanne Baudach, welche die Sätze Largo und Allegro der Sonate für Cello und Klavier Nr. 3 von Antonio Vivaldi zu Gehör brachten.

Den Eröffnungsvortrag mit dem Titel „Opfer und Täter in einer Person – die Dynamik von Macht und Ohnmacht als Thema der Traumatherapie“ hielt Herr Professor Sack. Er erläuterte, dass Menschen, welche die Grenzen an derer verletzen und Gewalt ausüben, in der Regel selbst Opfer körperlicher Gewalt geworden sind. Die massive Bedrohung des Sicherheitsgefühles könne zur Entwicklung von Traumafolgestörungen führen, welche durch ein breites Symptomspektrum im psychischen und körperlichen Bereich gekennzeichnet sind. Hierzu zählen typischerweise Gefühle der Entfremdung – von sich selbst und von Anderen, eine gestörte Beziehungsgestaltung sowie eine unzureichende Selbstwahrnehmung. Psychotherapie ziele auf eine Reduktion der Traumafolgesymptomatik und helfe bei der Verarbeitung belastender Erinnerungen.

Bei Opfern von vorsätzlich ausgeübter Gewalt in der Kindheit sei es darüber hinaus wichtig, eigene täterhafte Seiten in den Blick zu nehmen und sich mit Gewaltphantasien oder aggressiven Emotionen (oder deren völligem Fehlen) auseinanderzusetzen. Anhand von Fallgeschichten stellte Herr Professor Sack sehr anschaulich und differenziert die Chancen, Schwierigkeiten und Grenzen der therapeutischen Arbeit mit Gewaltopfern dar.

Frau Professor Lamott sprach zum Thema „Destruktive Gruppenprozesse – zur Psycho- und Soziodynamik von Gewalt“. Am Beispiel einer tödlich entgleisten Situation in einem Jugendgefängnis erläuterte Frau Professor Lamott die destruktive Dynamik, welche sich innerhalb von Gruppenprozessen, vor allem im Kontext institutionell verankerter Gewalt, entwickeln kann. Frau Professor Lamott stellt als kausalen Faktor solch destruktiver Dynamik das Zusammentreffen der durch Vernichtungsangst und Hass gekennzeichneten individuellen Psychodynamik mit entsprechenden äußeren Zuständen (fehlender Repräsentanz von Grenzen, Fehlen sicherer und schützender Umweltbedingungen) heraus. Hierdurch werde innerhalb einer Gruppe die innere Gesetzlosigkeit zu einer äußeren.

Nach den einstimmenden Begrüßungsworten von Herrn Dr. Reinhard Grütz, Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Magdeburg, begann der 2. Tag des Symposiums mit dem Vortrag von Herrn Dr. Altmeyer, welcher über „Die Macht der Beziehung“ sprach. Herr Dr. Altmeyer erläuterte, dass sich die moderne Psychoanalyse offensichtlich in einer Phase des Übergangs vom Trieb- zum Intersubjektivitätsparadigma befindet. Diese sei unter anderem auf Ergebnissen der Säuglingsforschung begründet, welche zeigen, dass sich das Neugeborene seiner Umwelt mit Neugier und auf der Suche nach Resonanz zuwendet. Die Innenwelt des Menschen wird nicht länger als abgeschlossen angenommen, sondern sie entstehe in der Interaktion mit der Außenwelt. Im Zuge dieses Paradigmenwechsel werde die entwicklungsfördernde Macht der Beziehung in mehrfacher Weise deutlich: entwicklungspsychologisch in der Mutter-Kind-Interaktion, klinisch in der psychotherapeutischen Begegnung und nicht zuletzt zeitdiagnostisch in der Anwendung einer relationalen, intersubjektiv gewendeten Psychoanalyse auf Kultur und Gesellschaft. Herr Professor Kliche referierte über „Macht und Ohnmacht – Erfahrungen in Politik und Gesellschaft“ . Er veranschaulichte ausgehend von Theoriebezügen und aktuellen Daten die Ursachen und Auswirkungen regressiver Prozesse in der Gesellschaft. Hierbei setzte er sich mit den Quellen des Populismus auseinander und stellte Überlegungen vor, wie die Führung aber auch jeder Einzelne diesen Regressionstendenzen entgegenwirken kann.

Im Abschlussvortrag des Symposiums sprach Frau Professor Keul zum Thema „Verwundbarkeit – eine unerhörte Macht. Christliche Perspektiven im Vulnerabilitätsdiskurs“. Verwundbarkeit gehöre zu den Kernthemen christlicher Theologie, sichtbar von der Menschwerdung Gottes als schutzbedürftiger Säugling bis zum Kreuzestod Jesu. Dem gegenüber stehe die Frage nach der eigenen Sicherheit, verdeutlicht am Beispiel des Königs Herodes, der nach Jesu Geburt – aus Angst um seine eigene Macht – alle Erstgeborenen töten ließ. Daher stehe das menschliche Handeln vor einer Doppelfrage: Wo ist es notwendig, sich selbst und die eigene Gemeinschaft vor Verwundungen zu schützen und wo ist es notwendig, um der Humanität willen, die eigene Verletzlichkeit zu riskieren? Um diese zwei scheinbar ungleichen Waagschalen im Gleichgewicht halten zu können, bringe das Christentum ein Drittes ins Spiel: Eine neue Form der Gemeinschaft, eine quasi eucharistische, die dort entstehen könne, wo Menschen aus Liebe ihre eigene Verwundbarkeit riskieren, um das Leben Anderer zu schützen und zu fördern. Hierdurch könne aus Vulnerabilität Kreativität und Stärke entstehen.

Im Anschluss an die Fachvorträge moderierte Matthias Brenner, Intendant des Neuen Theaters in Halle, eine lebhaft geführte Podiumsdiskussion zum Wechselspiel zwischen Macht und Ohnmacht.

Sowohl nach den Vorträgen als auch im Rahmen der abschließenden Podiumsdiskussion nutzten viele der etwa 160 Gäste die Möglichkeit, in den Austausch mit den Experten zu treten. Besonders geschätzt wurde die Möglichkeit des lockeren Gedankenaustauschs beim abendlichen Buffet.

Annika Braun, Petra Erz,
Sandra Hieronymus, Judith Röhrborn, Claudia Bahn
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Krankenhaus St. Elisabeth und
St. Barbara Halle/S.

Korrespondenzanschrift:
Dr. Claudia Bahn,
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara Halle
Mauerstraße 5
06110 Halle/S.

 

Fotos: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara/Schweda