Gesundheitliche Versorgung ist mehr als das Rezept vom Arzt

Unsere Gesundheitsversorgung befindet sich im Wandel. Deren zukunftsfähige Gestaltung hat sich bei anhaltendem Kostendruck mit zahlreichen, sich kontinuierlich verschärfenden Problematiken wie einer Zunahme chronischer Erkrankungen, komplexer werdenden Behandlungserfordernissen bei wachsender Spezialisierung sowie den Rahmenbedingungen und Anforderungen in der täglichen Praxis auseinander zu setzen. Die Überalterung der Vertragsärzte, die auf sich ändernde Vorstellungen zur Work-Life-Balance bei der nachwachsenden Ärztegeneration trifft, sind ebenfalls Herausforderungen, die es in den nächsten Jahren zu bewältigen gilt.

Im März 2016 startete die von der Robert Bosch Stiftung geförderte Konzeptentwicklung für ein Modellprojekt „Regionales interprofessionelles Gesundheitszentrum Wolmirstedt“ zur Sicherung der Primär- und Langzeitversorgung einer alternden Bevölkerung in einer ländlichen Region“ in Zusammenarbeit mit der Universitätsmedizin Magdeburg und dem Institut für Allgemeinmedizin. Das Projekt wurde als eines von acht deutschlandweit geförderten Projekten im Rahmen der Ausschreibung zu Patientenorientierten Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung (PORT) gefördert. Bereits im Vorfeld der Förderung engagierte sich eine Interessensgemeinschaft verschiedener Körperschaften, darunter z. B. die Gemeinde Wolmirstedt, Universitätsklinikum Magdeburg, Dr. Jan L. Hülsemann, MBA, Institut für Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie, OVGU Magdeburg, Prof. Bernt-Peter Robra, MAPP-Institut Magdeburg, Prof. Dr. Meinrad Armbruster, das DRK Börde und einige mehr (Ausgabe 05/2016). Diese Akteure waren maßgeblich an der Umsetzung beteiligt, im Laufe der Konzepterstellungsphase konnten weitere Akteure gewonnen werden.

Während der neunmonatigen Phase der Konzepterstellung wurde die aktuelle Situation in Wolmirstedt deutlich: der drohende Hausärztemangel ist sowohl BürgerInnen als auch ortsansässigen Akteuren der Gesundheitsversorgung bewusst. Gespräche mit ÄrztInnen und BürgerInnen zeigten, dass die Situation bereits heute deutlich spürbar ist: Zugezogene und erwachsen gewordene Kinder finden keinen Hausarzt, Wartezeiten sind lang, Hilfe bei psychologischen Problemen sucht man vergebens. Die aktuelle Situation kann allerdings nicht allein durch die Suche nach einem geeigneten Gebäude für ein Gesundheitszentrum zielführend verbessert werden: Zunächst galt es deshalb verschiedene regionale Akteure der Gesundheitsversorgung, die bisher kaum miteinander interagierten und unterschiedliche Sichtweisen und Ziele verfolgen, an einen Tisch zu bringen.

Es wurden interprofessionelle Arbeitsgruppen gebildet, die sich zentralen Themen widmeten. Regelmäßige, auch arbeitsgruppenübergreifende Treffen dienten dem Austausch und der Planung der Ideen und Konzepte. Richtungsweisend für die Konzepterstellung waren im Vorfeld die regionalen Bedarfsanalysen der Arbeitsgruppe für Wissenschaftliche Begleitung und Evaluation, die ebenfalls ein Evaluationskonzept erstellte. Des Weiteren fanden Möglichkeiten zur Einbindung der Bevölkerung und Stärkung des gesellschaftlichen Engagements sowie die Erstellung eines E-Health Konzeptes zentral Eingang in weitere Arbeitsgruppen. Die Arbeitsgruppe zur Aus- und Weiterbildung erarbeitete u. a. ein Angebotsportfolio zur Verbesserung der Kommunikation zwischen den Fachgruppen (Ärzte – Pflege – Patienten). Dieses beinhaltet neben Weiterbildungsmöglichkeiten für die Akteure selbst auch Beratungsangebote für pflegebedürftige Patienten und ihre (pflegenden) Angehörigen. Mit diesem Fokus wurden verschiedene öffentlich wirksame Veranstaltungen durchgeführt, u. a. Medizinische Sonntage zu den Themen „Störungen des Stoffwechsels“ sowie „Pflegende Angehörige – Belastungen erkennen – Ausbrennen vermeiden“. Weitere Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit dem DRK Börde und dem MAPP-Institut Magdeburg werden folgen.

Mit dem Abschluss der Phase der Konzeptentwicklung als PORT-Projekt wurde die Verantwortung des Projektes, das federführend zunächst bei dem Universitätsklinikum Magdeburg und dem Institut für Allgemeinmedizin lag, an den Verein „Gesundheit für Wolmirstedt e. V.“ übergeben, der am 19.12.2016 gegründet und am 09.02.2017 in das Vereinsregister eingetragen wurde. Zum Mitglied des Vorstandes für die Dauer von zwei Jahren wurde Herr Swen Pazina vom Bodelschwingh Haus und Bürgermeister Martin Stichnoth als Stellv. Vorsitzender gewählt. Herr Ulrich Apel (niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin, Zusatzbezeichnung Palliativmedizin, Wolmirstedt) übernimmt als Angehöriger der Gesundheitsberufe den Vorsitz.

Die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen, adäquat darauf zu reagieren und aktives bürgerschaftliches Engagement zu fördern, sind zentrale Aufgaben, denen der Verein sich stellen wird (u. a. Arbeitsgruppe für engagierte Bürger). Weiterhin im Fokus stehen ebenso die öffentliche Gesundheitspflege sowie die Förderung von Wissenschaft, Forschung und Bildung. Ein erstes interdisziplinäres, universitäres Lehrkonzept unterschiedlicher Professionen (Medizin, Soziologie, Berufsschullehrer „Pflege und Gesundheit“) brachte Studierende nach Wolmirstedt und in Kontakt mit den Fragen der Projektentwicklung. Darüber hinaus werden im Verein unter anderem umfassende Möglichkeiten zur Pflegeberatung angeboten, die von den üblichen Pflegefragen über die Beratung von Angehörigen im Palliativfall (schwerstkranke Patienten) bis zur Beratung zur gesundheitlichen Vorausplanung reichen.

Perspektivisch ist die Zusammenarbeit einzelner Fachgruppen mit Pflegeberufen auf Augenhöhe das notwendige Modell der Zukunft. Auch für neue Formen der Arbeitsteilung und Anstellung für Gesundheitsberufe muss die Grundlage geschaffen werden. Die Gemeinde ist gefordert, attraktivere Bedingungen zu schaffen, damit junge KollegInnen gewonnen werden können. Der Verein kann durch die Sicherstellung enger, interprofessioneller Kommunikation die Bedingungen der gesundheitlichen Versorgung verbessern und so eine Brücke zwischen kassenärztlicher Sicherstellung und kommunaler Verantwortung schlagen. Dies ist ein dynamischer Prozess, der die aktive Mitarbeit und den Austausch aller Akteure erfordert.

Mit dieser Konzeptentwicklung hin zu einem regionalen, gemeindeorientierten, interprofessionellen Gesundheitszentrum wird erstmalig in Sachsen-Anhalt umgesetzt, was der Sachverständigenrat der Bundesregierung in seinem Gutachten 2014 ,,Bedarfsgerechte Versorgung – Perspektiven für ländliche Regionen und ausgewählte Leistungsbereiche" empfiehlt: den Aufbau sogenannter „Lokaler Gesundheitszentren – LGZ“ für die Versorgung der Bevölkerung in ländlichen Regionen, in denen die o. g. Probleme in neuen kooperativen Strukturen gelöst werden sollen.

Yvonne Marx, M.A.
Ulrich F. Apel
Prof. Dr. Markus Herrmann, M.A., M.P.H

Korrespondenzadresse:
Yvonne Marx, M.A.
Institut für Allgemeinmedizin
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Tel: (0391) 67-21008
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Internet: www.ialm.ovgu.de

 

Foto: Melitta Dybiona/Uniklinik Magdeburg