Logo Städtisches Klinikum DessauVon Big Data bis Schwindelsyndrom

Am 20. Mai 2017 kamen Fachärzte aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen, um über neueste Neurologie-Erkenntnisse zu sprechen. „Es war das 15. Dessauer Neurologische Symposium und diesmal setzten wir keinen speziellen Fokus, sondern fassten das Themenspektrum breit und interdisziplinär“, erläuterte Privatdozentin Dr. med. Sybille Spieker. Die Chefärztin der Klinik für Neurologie am Städtischen Klinikum Dessau verantwortete den Kongress wissenschaftlich und erwartete Referenten mit ausgewiesener Fachexpertise. „Wir hatten Mediziner von den Universitätsklinika Halle (Saale), Göttingen, München und Münster sowie aus Krankenhäusern in Osnabrück und Heidelberg eingeladen.“

Bereits der erste Referent des Symposiums reiste aus Heidelberg an. Michael Götz arbeitet im Deutschen Krebsforschungszentrum. Er gehört zu den über 1.000 Wissenschaftlern dieser größten biomedizinischen Forschungseinrichtung hierzulande. Gerade bei der Erforschung von Krebs und seinen Risikofaktoren zur Entwicklung präziserer Diagnose- und Therapiestrategien fallen riesige Datenmengen an. Diese sogenannten Big Data technisch zu speichern und zu analysieren, fordert Forscher weltweit heraus. Es geht darum, beispielsweise Datenmassen der Erbgutanalyse von Krebszellen und Radiologiebilder zusammenzuführen. Dann können Wissenschaftler Zusammenhänge erkennen und Hinweise für wirksame, individuelle Krebsbehandlungen finden. Den aktuellen Stand der Big Data in der Medizin am Beispiel der Neuroradiologie stellte Michael Götz in seinem Vortrag dar.

Im ersten Themenblock des Symposiums referierte auch Privatdozentin Dr. med. Kerstin Schütte. Die Fachärztin für Innere Medizin und Gastroenterologie ist als Chefärztin am Marienhospital Osnabrück der Niels-Stensen-Kliniken tätig. In ihrem Vortrag beschäftigte sie sich mit dem Thema „Darm und Hirn“. Der Darm ist mit einer Gesamtoberfläche von bis zu 400 m2 das größte Organ. Neueste Erkenntnisse bestätigen eine Art Informationstransfer von Darm zu Gehirn und umgekehrt. Hierbei spielen Hormone und Nervenbahnen entscheidende Rollen.

Schlafwandeln und Co.

Mit dem Phänomen der während des Schlafens teilweise erwachenden und aktiv werdenden Menschen, beschäftigte sich Prof. Dr. med. Peter Young. „Schlafwandeln: Klinisch relevant oder nice to know?“ betitelte er seinen Tagungsvortrag provokant. Denn das Aufstehen ohne aufzuwachen, bleibt hinsichtlich der Ursachen rätselhaft. Prof. Young leitet am Universitätsklinikum Münster die Klinik für Schlafmedizin und Neuromuskuläre Erkrankungen. Diese Spezialklinik ist eine eigenständige Abteilung im Department für Neurologie, zu der auch ein Schlaflabor gehört. Allerdings lässt sich das Schlafwandeln hier schwer untersuchen. Das Labor ist für Betroffene ein ungewohnter Ort, an dem das partielle Aufwachen selten stattfindet. Häufig treten schlafwandlerische Phasen in der Kindheit auf und enden im jugendlichen Alter. Das lässt auf Reifungsprozesse des Gehirns als einen Auslöser schließen. Auch Medikamente, Schlafentzug, Fieber und Stress können zum Schlafwandeln führen. Ebenfalls kann es ein Hinweis auf neurologische Erkrankungen wie zum Beispiel Epilepsie sein.

Während Schlafwandeln bei nur wenigen Menschen vorkommt, zählt der Schwindel zu den häufigen Beschwerden von Patienten. Schwindel ist eine gestörte Wahrnehmung verschiedener Sinne. Betroffene haben u.a. Gleichgewichtsstörungen, Übelkeit und Erbrechen. Schwindelsyndromen können verschiedene Erkrankungen zugrunde liegen. Deshalb ist meist ein interdisziplinäres Vorgehen in der Diagnostik und Therapie erforderlich. Über die Anforderungen der Differenzialdiagnose akuter Schwindelsyndrome informierte Dr. med. Olympia Kremmyda vom Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum des Klinikums der Universität München während des Neurologischen Symposiums.

Neuroanatomie interaktiv

Das komplexe Feld der Hirnstammsyndrome beschäftigte zwei Fachexperten des Universitätsklinikums Halle (Saale). Prof. Dr. med. Faramarz Dehghani vom Institut für Anatomie und Zellbiologie und Prof. Dr. med. Stephan Zierz von der Universitätsklinik und Poliklinik für Neurologie nannten ihr Tagungsreferat „Neuroanatomie interaktiv: Klinik der Hirnstammsyndrome“. Im Hirnstamm werden lebenswichtige Körperfunktionen wie Atmung und Kreislauf gesteuert. Hirnstammsyndrome entstehen durch eine Minderdurchblutung der Gefäße, die das Stammhirn versorgen. Als Ursachen kommen Hirnblutungen, Hirninfarkte oder Entzündungen in Betracht. Über die aktuellen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten der verschiedenen Hirnstammsyndrome berichteten Prof. Dehghani und Prof. Zierz auf dem Neurologischen Symposium.

Als Plaques werden Ablagerungen in den Blutgefäßen bezeichnet. Sie sind verantwortlich für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, weil sie beispielsweise zur Verengung von Arterien führen. Wie gefährlich speziell arteriosklerotische Plaques sind, thematisierte Prof. Dr. med. Holger Poppert vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. In der dortigen Neurologischen Klinik und Poliklinik im Neuro-Kopf-Zentrum betreut der Oberarzt die Stroke Unit, die zerebrovaskuläre Spezialambulanz sowie das Ultraschallabor. Zudem leitet er die Arbeitsgruppe „Zerebrovaskuläres System" und vertritt die Neurologie im interdisziplinären Gefäßzentrum.

Multiple Sklerose (MS) und Parkinson

Nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft leben weltweit etwa 2,5 Millionen Menschen mit dieser entzündlichen Erkrankung des Nervensystems. Allein in Deutschland gibt es mehr als 200.000 Multiple-Sklerose-Patienten (Quelle: Bundesversicherungsamt).Jedes Jahr kommen rund 2.500 Neuerkrankte hinzu. Frauen trifft es ungefähr doppelt so häufig wie Männer und meist tritt MS im Lebensalter zwischen 20 und 40 Jahren auf. In den letzten Jahren erzielte der medizinische Fortschritt bessere Therapieoptionen. Prof. Dr. med. Wolfgang Brück erforscht regenerative und neurodegenerative Veränderungen in der grauen Substanz bei MS. Er ist Direktor des Instituts für Neuropathologie der Universitätsmedizin Göttingen und zeigte den Fachkollegen des Symposiums die neuesten Erkenntnisse auf diesem Gebiet auf.

„Ich spreche nicht zu leise, meine Frau braucht ein Hörgerät.“ Diese Aussage umschreibt ein Problem, das mit der Parkinsonerkrankung einhergeht. Bei diesen Patienten kommen sogenannte Sprechstörungen vor. Fehlendes Luftholen vor dem Sprechen, eine sehr leise oder heisere Stimme und eine verwaschene Aussprache können auftreten. Detailausführungen dazu stellte Dr. Heike Penner vom Agaplesion Bethanien Krankenhaus Heidelberg gGmbH in ihrem Referat vor. Therapiert werden die Sprechstörungen bei Parkinsonpatienten durch eine individuelle logopädische Behandlung. Die Leistungsfähigkeit der Stimme soll dadurch gesteigert werden

| Pi und Foto: SKD