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Finale einer 135-jährigen Geschichte:

Kurz vor halb 6 am Abend war der große Moment gekommen: Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff griff zur Schere, forderte die beiden Studentinnen auf: „Rutscht ran hier“, und durchschnitt begleitet vom Klicken der Kameras das glänzend-rote Band. Die hallesche Zahnklinik wurde damit am 12. September 2017 am neuen Standort auf dem Medizin-Campus Steintor in der Magdeburger Straße offiziell eingeweiht. Der feierliche Akt setzte den Schlussakzent einer nervenaufreibenden Zeit.

2012 ist das Schicksalsjahr für die hallesche Zahnklinik gewesen. Ein großer Wasserschaden am alten Standort in der Großen Steinstraße führte zu der Frage: Wie soll es weitergehen? Dass diese zu einer existenziellen Bedrohung für die gesamte hallesche Universitätsmedizin werden sollte, machte die kommende Zeit aufreibend, weckte aber auch den Kampfgeist, der 2013 unter dem Motto „Halle bleibt!“ sichtbar wurde. Daran erinnerten der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Halle (Saale) PD Dr. Thomas Klöss, Ministerpräsident Haseloff, der Dekan der Medizinischen Fakultät Prof. Dr. Michael Gekle, der Vizepräsident der sachsen-anhaltischen Zahnärztekammer Dipl.-Stom. Maik Pietsch, die Präsidentin der Ärztekammer Dr. Simone Heinemann-Meerz und der Chef des Departments für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Prof. Dr. Hans-Günter Schaller in ihren Reden.

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„Fünf Jahre, zehn Wochen und einen Tag“ haben die Mitarbeiter der Zahnklinik in einer katastrophalen Umgebung gearbeitet, habe fast eine gesamte Generation Studierender mit Geduld und Engagement in einem Provisorium studiert, sagte der Ärztliche Direktor mit großem Dank an alle Beteiligten nach der Begrüßung der Gäste. Zu letzteren gehörten unter anderem der Rektor der Universität Prof. Dr. Udo Sträter, der sachsen-anhaltische Finanzminister André Schröder, der hallesche Oberbürgermeister Dr. Bernd Wiegand, Landtags- und Bundestagsabgeordnete, die Generalsekretärin der Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Dr. Jutta Schnitzer-Ungefug, sowie ehemalige Professoren und der ehemalige Wissenschaftsminister Hartmut Möllring.

Ministerpräsident Haseloff sprach in seinem Grußwort davon, dass man stolz auf die neue Klinik und das Erreichte sein könne und gab dem ebenfalls anwesenden halleschen Oberbürgermeister Dr. Bernd Wiegand mit auf den Weg, die Zahnklinik als Standortfaktor zu nutzen. Er konnte sich aber auch einen kleinen, als Bitte formulierten Seitenhieb nicht verkneifen: „Bitte schließen Sie ausreichend Versicherungen ab“, denn so eine große Summe Geld würde man so schnell kein zweites Mal zusammenbekommen. Daran schloss sich zudem seine Bitte an den Dekan und den Ärztlichen Direktor an, dafür zu sorgen, die Studierenden und Absolventen auch im Land zu halten. „Kaum eine medizinische Richtung ist so existenziell für eine Lebensqualität wie die Zahngesundheit“, sagte der Ministerpräsident.

Das Land hatte zehn Millionen Euro für die Sanierung des Gebäudes der ehemaligen Universitätsfrauenklinik und Universitätsklinik für Urologie in der Magdeburger Straße 16 bereitgestellt, das nun das neue Zuhause der Zahnklinik ist. Drei Millionen Euro hat die Medizinische Fakultät aus ihrem eigenen Budget beigetragen und hatte zudem mit den Aktionen „Halle bleibt!“ und „Zahn um Zahn“ eine unglaubliche, auch finanzielle Unterstützung aus der Bevölkerung erfahren.

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Dekan Prof. Gekle freute sich, dass nun das Finale einer Geschichte stattgefunden habe, die bereits 1880 begonnen habe. Bereits seit 135 Jahren ohne Unterbrechung gebe es das Zahnmedizinstudium an der Martin-Luther-Universität in Halle, und damit sei es eine der ältesten, wenn nicht die älteste und beste zahnmedizinische Ausbildungsstätte in Deutschland. Danach folgte ein zeitlicher Abriss über die vergangenen fünf Jahre, die mit einem „inkontinenten Wasserhahn“ begonnen hatten. Er dankte ausdrücklich den Steuerzahlenden im Land, die die Finanzierung der Sanierung am neuen Standort ermöglicht haben sowie den Spendern in der Aktion „Zahn um Zahn“. Er erwähnte aber auch den damaligen Wissenschaftsminister Hartmut Möllring, den man eine zeitlang als „Doppelagenten“ empfand, weil dieser einerseits die Diskussion um die Abschaffung der Universitätsmedizin in Halle befeuerte, dann aber Schirmherr der Aktion „Zahn um Zahn“ wurde. „Wir haben es also gemeinsam geschafft“, fasste der Dekan zusammen. Er mahnte aber auch, dass man das Hochschulmedizingesetz schützen solle, denn nur dessen Formulierung habe die Freiräume für solche ungewöhnlichen Aktionen erlaubt.

Maik Pietsch, Vizepräsident der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt, blickte in seinem Grußwort auf sein eigenes Studium zurück, das er vor rund 32 Jahren in Halle begonnen hatte. „Die Zahnklinik war schon damals in einem schlechten Zustand“ und daran hatte sich auch in den folgenden Jahren nichts verändert. Er richtete einen Appell an die Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die Studierendenzahlen nicht gesenkt und die gut ausgebildeten Zahnärzte im Land gehalten werden. Dann kam mit Dr. Simone Heinemann-Meerz eine der treibenden Kräfte im Kampf um den Erhalt der Universitätsmedizin Halle (Saale) und Mitinitiatorin von „Zahn um Zahn“ zu Wort. 90.000 Euro seien innerhalb kurzer Zeit dank bürgerlichen Engagements aus Halle und der Region zusammengekommen. Für den Ministerpräsidenten und den Finanzminister hatte sie dann noch „Hoffmannstropfen“ im Gepäck und überreichte diese mit einem Augenzwinkern – die hallesche Erfindung senke unter anderem den Blutdruck.

Zu guter Letzt wandte sich der „Hausherr“, der Geschäftsführende Direktor des Departments und Direktor der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie, Prof. Schaller an die Anwesenden und erklärte, was eine Zahnklinik überhaupt macht. Am neuen Standort sind nun alle vier zahnmedizinischen Kliniken vereint. „Es ist alles neu, wir haben nun kurze Wege“, sagte er. Hier finde nun die Ausbildung des zahnärztlichen Nachwuchses zu praxisfähigen Zahnärzten, die Erforschung zahnmedizinischer Erkrankungen sowie die Krankenversorgung von Patienten allen Alters statt. Und er warb für die studentische Behandlung, denn diese sei sehr vorsichtig und immer von praxiserfahrenen Zahnärzten begleitet. Dass das stimme, ließ auch der Ministerpräsident durchblicken, der seit 40 Jahren mit einer Zahnärztin verheiratet sei und von dieser noch in ihrer Ausbildung behandelt worden sei. „Das war die zärtlichste, die ich jemals bekommen habe. Ich bin bei ihr in Behandlung geblieben und sie wurde tatsächlich immer robuster“, sagte er scherzhaft.

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