Ein Leben für Chirurgie und Anästhesie

Am 13. November 2017 verstarb der ehemalige Chefarzt der Chirurgischen Klinik des Evangelischen Krankenhauses Paul-Gerhardt-Stift Wittenberg nach langer Krankheit, er wurde 91 Jahre alt. Wer war Reinhard Schroth, der vielen Chirurgen als Autor des Buches „Chirurgischer Ratgeber“ bekannt sein dürfte? Reinhard Schroth wurde am 4.8.1926 in Freiwaldau/Schlesien geboren. Sein Vater war Dentist. Zum Ende der Schulzeit wurde er 1943 als Flak-Helfer, später als Funker im Krieg eingesetzt. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft konnte er 1946 erfolgreich das Abitur ablegen.

Reinhard Schroth (1926 – 2017)

Er begann das Medizinstudium 1946 in Jena, wo ihn vor allem die Chirurgie-Vorlesungen bei dem berühmten Chirurgen Prof. Guleke beeindruckten (4). Nach dem Staatsexamen promovierte er 1952. In diese Zeit fällt auch die Hochzeit mit seiner Ehefrau Magdalena 1951, gemeinsam haben sie zwei Kinder (5).

Der weitere Weg führte Reinhard Schroth in das kleine Krankenhaus Lichtenstein bei Zwickau, von wo aus er 1955 mit seinem chirurgischen Lehrer Prof. Funke nach Görlitz ging. Hier begann sich Schroth für die Anfänge der modernen Narkoseverfahren zu interessieren. So gründete er 1956 aus der Chirurgischen Klinik heraus die wohl erste interdisziplinäre Intensivstation Deutschlands unter dem Namen „Station für lebensbedrohliche Zustände“ (1). Schon 1960 hospitierte Schroth in Liestal/Schweiz bei Willenegger, einem Pionier der gerade gegründeten AO (Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen), um sich über die moderne Knochenbruchbehandlung zu informieren.

Immer Neuem gegenüber aufgeschlossen erdachte Schroth Konstruktionen für die Serienangiographie, beschäftigte sich mit der Perfusion bei malignen Extremitätengeschwülsten und entwickelte Tipps für die Marknagelung nach Küntscher (2, 3). 1964 konnte Reinhard Schroth seine Habilitationsschrift zum Thema „Die arteriovenösen Kurzschlußverbindungen bei der Entstehung von Varizen“ bei Prof. Kuntzen/Jena – nach Überwindung bürokratischer Hürden – verteidigen. 1972 übernahm Schroth die Leitung der „äußeren Abteilung“ des Krankenhauses Paul-Gerhardt-Stift in Wittenberg. Sofort begann er mit der Modernisierung der Klinik und gliederte eine Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin aus. Für die Leitung der nun selbstständigen gynäkologischen Klinik konnte er seinen ehemaligen Görlitzer Kollegen Wolfgang Böhmer gewinnen, der nach der Wende Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt werden sollte.

Die Berufung zum Hochschullehrer blieb Reinhard Schroth als Angehörigem  einer christlichen Kirche verwehrt, fast 50 Publikationen beweisen sein wissenschaftliches Engagement. Den zitierten „Chirurgischen Ratgeber – ein Taschenbuch für die Praxis“ – 1973 erstmals erschienen – hatte wohl fast jeder (angehende) Chirurg Ostdeutschlands in der Kitteltasche. Das Buch erlebte fünf Auflagen, es wurde auch in der damaligen Bundesrepublik verlegt.

1994 übergab Reinhard Schroth die Klinikgeschäfte an seinen Nachfolger Prof. Helmut Zühlke. Auch im Ruhestand ließ ihn das wissenschaftliche Leben nicht los, er hielt Vorträge und publizierte weiter. Von einem schweren Sturz im September 2017 erholte sich Reinhard Schroth nicht mehr.

Nachtrag: Ich danke sehr herzlich Frau Magdalena Schroth für ein ausführliches Gespräch und wichtige Informationen zum Leben von Reinhard Schroth, ohne die dieser Artikel nicht hätte zustande kommen können.

Literatur:

  1. Schroth R (1961) Aufbau, Arbeitsweise und Ergebnisse einer Station für lebensbedrohliche Zustände. Anaesthesist 10
  2. Schroth R (1969) Probleme der geschlossenen Marknagelung nach Küntscher. Zbl Chir 94: 1332-1335
  3. Schroth R (1971) Die regionale Perfusion zur Behandlung maligner Extremitätengeschwülste. Deutsches Gesundheitswesen 30: 1410-1411
  4. Schroth R (1998) Fünf Jahrzehnte erlebte Chirurgie. DGC – Mitteilungen 4:227-232
  5. Schroth M , persönliche Mitteilung

 

Korrespondenzanschrift:
Dr. med. Stephan David
Ärztlicher Direktor
Chefarzt
Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie
Paul-Gerhardt-Str. 42-45
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Foto: Archiv Familie Schroth