Auditorium im Hörsaal Haus 10 Universitätsklinikum Magdeburg während der Veranstaltung „Ethische Entscheidungen am Lebensanfang“ im März 2018
Auditorium im Hörsaal Haus 10 Universitätsklinikum Magdeburg während der Veranstaltung „Ethische Entscheidungen am Lebensanfang“ im März 2018

Krankheit und Behinderung eines Neugeborenen können die Glücksgefühle in dem Moment einer Geburt überschatten. Täglich müssen sich Ärzte und Pflegekräfte diesen Situationen und deren teils tragischen Entscheidungsfindungen stellen. Besonders Grenzfallentscheidungen führen oftmals zu Stress, welcher von dem medizinischen Personal als zusätzliche Belastung „mit nach Hause getragen wird“. Die ethische Fallbesprechung dient als ein hilfreiches und einfaches Instrument, um im medizinischen Alltag bei Konflikt behafteten folgenreichen Entscheidungen schwerstkranker Patienten zur Konfliktlösung für Ärzte und Pflegepersonal beizutragen.

Die Universitätskinderklinik Magdeburg und das Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt luden am 21.03.2018 das vierte Mal zu einer Fortbildungsveranstaltung zum Thema ethische Fallbesprechung ein. Über 65 Interessierte aus den pflegerischen, ärztlichen, beratenden und seelsorgerlichen Bereichen nahmen an der Fortbildung „Ethische Entscheidungen am Lebensanfang“ teil. Der Bedarf zum fachlichen Austausch über ethische Konflikte bestand bei allen Beteiligten. Das stellt sich nach Befragung für die Mehrheit des Auditoriums für ihre tägliche Arbeit als relevant dar.

Unter der Leitung von Frau Dr. med. Anke Rißmann aus dem Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt und Herrn OA Dr. med. Michael Gleißner aus der Universitätskinderklinik Magdeburg wurden zwei Fallbeispiele von sechs Sachverständigen unterschiedlicher Fachrichtungen diskutiert. Einblicke in die unterschiedlichen Sichtweisen und Feedback zu der offenen Kommunikation boten Schwester Sybille Aumann (Pflegevertreterin), Pfarrer Stephan Bernstein (Krankenhaus-Seelsorger), Prof. Dr. phil. Eva Brinkschulte (Institut für Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin), OA Dr. med. Hardy Krause (Arbeitsbereich Kinderchirurgie und Kindertraumatologie), Elke Schirmer-Firl (Verein schwerstkranker Kinder und ihrer Eltern e. V.) sowie Familienrichterin Dorothee Schnitger (Amtsgericht Haldensleben).

Zunächst wurde durch die Familienrichterin des Amtsgerichts Haldensleben, Frau Dorothee Schnitger, über die Thematik „Elterliche Sorge/Gesundheitsfürsorge – juristische Aspekte der Einwilligung oder Ablehnung medizinischer Maßnahmen“ eingeführt. Dabei wurde betont, dass es nicht um das Wohl der Eltern ginge, sondern das Kindeswohl der Maßstab für pflegerische und medizinische Maßnahmen sei. Ärzte und Pflegekräfte diskutierten Beispiele, wie belastend Situationen sein können, wenn die Eltern sich nicht einig sind. Es wurde als Beispiel eine Entscheidung des Familiengerichtes erläutert, wenn die „elterliche Sorge“ auf einen Elternteil übertragen werden muss. Im Falle, dass die Entscheidungen der Erziehungsberechtigten nicht zum Kindeswohl beitragen, sollten sich medizinische Fachkräfte an das Jugendamt oder das Familiengericht wenden, welche rund um die Uhr über eine Kinderschutz-Hotline erreichbar sind. Bei dem Impulsreferat wurde ebenfalls die „ärztliche Schweigepflicht“ bei Kindeswohlgefährdung thematisiert und die Bedeutung einer umfassenden ärztlichen Dokumentation im Einzelfall.

Die Frage „Was ist das Kindeswohl?“ verbreitete sich im Hörsaal. Die Familienrichterin Dorothee Schnitger erläuterte das Kindeswohl als das Recht des Kindes auf Fürsorge, Erziehung und schulische Bildung. Beide, die juristische als auch medizinische Betrachtungsweise, sind sich einig über die Existenz von ethischen Grenzfällen, die durchaus zu gegensetzlichen Entscheidungen führen können. Im Rahmen der medizinischen Fürsorge wurde herausgestellt, dass es aus juristischer Sicht nicht zulässig ist, dass eine minderjährige Person über einen operativen Eingriff entscheiden könne. Beide Elternteile sollen sowohl bei der Aufklärung, als auch bei der Einwilligung anwesend sein. Die Erziehungsberechtigten müssen ohne Abstufung bis zur Volljährigkeit ihrer Kinder entscheiden.

Darauffolgend wurde anhand eines konkreten Fallbeispiels die Frage, was ein „gutes Leben“ ausmacht, und die Frage, wo beginnt eine palliative Versorgung am Anfang des Lebens, aufgeworfen. Es wurde über einen Säugling mit Asphyxie gefolgt von schwerer hirnorganischer Schädigung, angeborener orofacialer Spaltbildung, einer Versorgung mit PEG-Sonde und zahlreichen neurochirurgischen Eingriffen berichtet. Operative Folgeeingriffe waren geplant. Nun bestand in diesem Fall eine unterschiedliche Auffassung über das Kindeswohl. Leidet das Kind, hat es bei täglich-rezidivierenden Krampfanfällen Schmerzen? Der Lebenswert des Kindes sei in keinem Falle anzuzweifeln, allerdings unterschieden sich die Meinungen über die Lebensfreude des Kindes deutlich. Als von einem Fall der Verweigerung der Eltern von einer akuten Reanimation des Kindes gesprochen wurde, entschied sich die Mehrheit der Teilnehmer der Fallbesprechung für Akzeptanz dieser Entscheidung. Da Erziehungsberechtigte oftmals schwer darüber entscheiden können, ob es sich um eine lebensbedrohliche Situation handelt oder eine nur vorübergehende leicht beeinflussbare Veränderung, erfordert eine so weitreichende Entscheidung die kontinuierliche Kommunikation mit den behandelnden Ärzten. Eine hierbei für viele der Beteiligten angemessene Lösung stellt eine schriftliche Patientenverfügung dar. Diese könne über den akuten Krankheitszustand hinaus Entscheidungen der Eltern unter verschiedenen Bedingungen und Zeitpunkten beinhalten. Die Ansichten über das „bestmögliche“ Prozedere unterschied sich jedoch sehr innerhalb der teilnehmenden Professionen.

Weiterhin scheint es keine Seltenheit zu sein, dass das medizinische Personal im Kontakt mit Eltern in Grenzfallsituationen den Eindruck hat, dass deren primäres Interesse nicht das alleinige Kindeswohl sei. Dort spielt die Einbeziehung anderer Professionen (Seelsorger, Psychologen) eine entscheidende Rolle, denn diese werfen oft Fragen auf, die über den medizinisch-pflegerischen Kontext hinausgehen. Die unterschiedlichen Blickwinkel können hilfreich sein, eine bestmögliche Lösung zu finden. Der Einbezug der emotional verbundenen Eltern oder Pflegeeltern steht dabei in der pädiatrischen Betreuung wie in keiner anderen Disziplin im Fokus. Es gilt medizinische, ethische und rechtliche Argumente abzuwägen und eine Art Kompromiss im Sinne der kleinen Patienten zu finden.


Kerstin Genz

Korrespondenzadresse:
Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt*
an der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität
Leipziger Str. 44, Haus 39
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Telefon: 0391-67-14174

* Das Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt wird gefördert durch das Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration des Landes Sachsen-Anhalt

Fotos: Elke Lindner, Universitätsklinikum Magdeburg