Wie sich geriatrische Versorgungsstrukturen in den letzten 25 Jahren in Sachsen-Anhalt entwickelt haben

Altern ist nichts für Feiglinge

Alte Menschen brauchen eine ganz eigene medizinische Versorgung. Ihr Organismus funktioniert wegen der Abbauprozesse anders als der junger Patienten. Die Altersmedizin hat eine große Verantwortung. „Wenn man ältere Menschen nur nach den medizinischen Leitlinien behandeln würde, würde man einige von ihnen umbringen“, so Dr. Gernot Heusinger von Waldegg, seit 2007 Chefarzt der Klinik für Geriatrie und Leiter des Geriatriezentrums der Pfeifferschen Stiftungen. Und die begannen mit dem Aufbau ihrer Geriatrie vor 25 Jahren. Anlass, sich mit dem Thema tiefer zu befassen.

Das Land Sachsen-Anhalt beschloss 1996 ein Geriatrie-Konzept, das die Einrichtung dreier Geriatriezentren vorsah: in den diakonischen Krankenhäusern Magdeburg, Halle und Dessau. 1994 waren im Diakoniewerk Halle unter Oberarzt Dr. Michael Meisel und im Diakonissenkrankenhaus Dessau, in dem der Facharzt für Innere Medizin und Schwerpunkt Geriatrie inzwischen als Chefarzt arbeitet, geriatrische Sta­tionen eröffnet worden.

Drei Jahre zuvor, 1991, hatten die Pfeifferschen Stiftungen in der Klinik für Innere Medizin einen Stationsteil für die rehabilitativen Akutbehandlungen von Schlaganfallpatienten ausgewiesen – als erstes Krankenhaus Sachsen-Anhalts. Oberärztin Dr. Ulrike Dietrich hat das Projekt auf den Weg gebracht und Oberärztin Dr. Kühne dann fortgesetzt. „1996 wurden die geriatrische Station im Haus Bethesda und die 1995 eröffnete Tagesklinik vom Land als Geriatriezentrum in Magdeburg anerkannt und die Weiterbildungsbefugnis erteilt. Die Entwicklungen in Sachsen-Anhalt liefen federführend in den Pfeifferschen Stiftungen, parallel und unterstützt durch das Diakoniewerk Halle und das Diakonissenkrankenhaus Dessau“, sagt Dr. Heusinger von Waldegg. Seine Klinik in den Stiftungen ist mit dem Qualitätssiegel Geriatrie vom Bundesverband Geriatrie zertifiziert. In Pfeiffers Klinik für Geriatrie gibt es 45 Betten. Und acht Ärzte, davon sechs Fachärzte. Sie arbeiten Hand in Hand mit vier Kollegen der Klinik für Palliativmedizin, die Dr. Heusinger von Waldegg ebenfalls leitet. Das sind interdisziplinäre Teams, dazu die Zusammenarbeit mit den Fachbereichen im Haus, das fördert Synergieeffekte.

Dr. Gernot Heusinger von Waldegg
Dr. Gernot Heusinger von Waldegg

Die Geriatrie will dem betagten Menschen zu mehr Leben in der noch verbleibenden Zeit verhelfen. Die Aufgaben eines Geriaters verlangen breites fächerübergreifendes Wissen und einen generalistischen Denkansatz. Während sich etwa ein Kardiologe vorwiegend mit Herzerkrankungen befasst, nicht aber mit Magenschmerzen oder Armlähmungen, muss ein Geriater seine Patienten so betreuen, dass er neben den Herzbeschwerden auch mit Magenschmerzen und einer Armlähmung umzugehen weiß. Da beim alten Menschen viele Erkrankungen maskiert und nicht immer als die üblichen Symptome auftreten, verlangt die Arbeit des Geriaters detektivischen Spürsinn und Kombinationsvermögen, da er nicht immer mit der Kooperationsfähigkeit seiner Patienten rechnen kann, wie etwa bei Demenz. Dies alles erfordert besondere Diagnostik und Therapie. Das Besondere in der Geriatrie ist die ressourcenorientierte Behandlung. Die geriatrische Versorgung legt den Fokus weniger auf die Defizite des Patienten als vielmehr auf dessen Stärken. Es geht darum, körperliche und geistige Mobilität wiederherzustellen, damit um Selbstständigkeit im Alltag, um Lebensqualität im Alter.

„Alt werden ist schön. Aber: Die Gnade, alt werden zu dürfen, ist eine Verpflichtung, sich um die Lebensumstände seines Alters selbst zu kümmern.“ Dr. Heusinger von Waldegg sieht es als Bürgerpflicht an, sich aufs Alter vorzubereiten. Der Geriater erinnert an einen Spruch von Mae West, in den 1930er Jahren eine der bestbezahlten Filmstars Hollywoods: „Altern ist nichts für Feiglinge.“

Anfänge der modernen Geriatrie

In England forderte Dr. Marjory Warren (1897-1960) 1943 im „British Medical Journal“, dass kranke, betagte Patienten nicht mehr in Akuthospitälern, sondern in spezielle geriatrische Abteilungen aufgenommen werden sollten. Ärztliches Handeln beschränkte sich bis dato auf das Ausstellen von Totenscheinen. Dr. Warren dagegen untersuchte ihre Patienten, stellte Diagnosen, entwickelte ein Klassifikationssystem und begann, systematisch die alten Menschen medizinisch und rehabilitativ zu behandeln. Ihr umfassender Ansatz bezog die psychische Gesundheit und die funktionellen Einbußen mit ins Behandlungskonzept ein. 1943 gilt als die Geburtsstunde der geriatrischen Klinik und des geriatrischen Assessments.

Da dank dieses Therapieansatzes viele Patienten wieder nach Hause konnten, entwickelte sich eine Zusammenarbeit mit ambulanten Diensten. 1952 eröffnete die erste geriatrische Tagesklinik in England. Sturzsyndrom, Inkontinenz, Depression, Demenz, Flüssigkeitsmangel, Mangelernährung sind Symptome geriatrischer Begleiterkrankungen. Um sie früh zu erkennen, werden heute Untersuchungen zur Erfassung von Mobilität, geistiger Leistungsfähigkeit, Emotion, sozialem und wohnlichem Umfeld gemacht.

| Pi Pfeiffersche Stiftungen

Fotos: © Michael Uhlmann

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