Referenten zum Einsendertreffen
Referenten zum Einsendertreffen v. l. n. r.: K. Hartig, CA PD Dr. med. D. Schlembach, Dr. med. A. Rißmann, Dr. med. H. Willer (es fehlt: OÄ PD Dr. Dr. K. Scheller); Foto: E. Lindner, Universitätsmedizin Magdeburg

Einsendertreffen des Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt

Bereits zum 14. Mal fand am 10.11.2018 das Einsendertreffen des Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt statt. Den rund 50 Gästen aus Kliniken, Praxen, ambulanten Einrichtungen und Beratungsstellen bot sich ein abwechslungsreiches Vortragsprogramm sowie die Möglichkeit des interdisziplinären Austauschs.

Eröffnend bedankte sich Frau Dr. med. A. Rißmann bei den Einsendern für die engagierte Mitarbeit und stellte den Jahresbericht 2017 auszugsweise vor. Dabei ging sie auf die aktuellen Meldungen zu gehäuften Fehlbildungen der oberen Extremitäten aus Frankreich ein. Nach Auswertung der Daten für den Geburtsjahrgang 2017 in Sachsen-Anhalt ließ sich kein Anhalt für eine auffällige örtliche oder zeitliche Häufung der Extremitätenfehlbildungen verzeichnen. Demonstriert wurde weiterhin exemplarisch die deutlich gesunkene Sterblichkeit bei Linksherzhypoplasie-Syndrom und angeborener Zwerchfellhernie, die auch auf eine verbesserte Pränataldiagnostik zurückzuführen ist.

Blick ins Auditorium
Blick in das Auditorium bei Vorstellung des Jahresberichtes zum Geburtsjahrgang 2017 anlässlich des 14. Einsendertreffens des Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt im November 2018; Foto: A. Köhn, Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt

Als Vertreterin des Ministeriums für Arbeit, Soziales und Integration des Landes Sachsen-Anhalt überbrachte Frau Dr. med. H. Willer ein Grußwort und betonte die Bedeutung des Fehlbildungsregisters, das mit seinen Daten Deutschland im europäischen Zentralregister EUROCAT sowie im International Clearinghouse for Birth Defects Surveillance and Research (ICBDSR) vertritt. Diese populationsbezogenen Daten seien wichtig, um Trends frühzeitig zu erkennen und daraus Präventionsmaßnahmen zu generieren. Angeborene Fehlbildungen sind in Deutschland nach der Frühgeburtlichkeit die zweithäufigste Ursache für die Säuglingssterblichkeit. Historisch ist die Säuglingssterblichkeit einer der wichtigsten Indikatoren zur allgemeinen Beurteilung der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung. Besonders erfreulich ist, dass diese in den neuen Bundesländern weiterhin unter der in den alten liegt. Mit Stolz konnte sie auf das Erreichen des in den 1990er Jahren gesetzten Gesundheitszieles „Verringerung der Säuglingssterblichkeit in Sachsen-Anhalt“ verweisen. Die Chancen und Grenzen der modernen Pränataldiagnostik erörterte Herr PD Dr. med. D. Schlembach, Chefarzt der Klinik für Geburtsmedizin des Vivantes Klinikum Neukölln in Berlin, nachfolgend in seinem Vortrag. Als zentrales Element der Pränataldiagnostik nannte er die Kommunikation und stellte dabei heraus, dass der z. T. sehr unterschiedliche Kenntnisstand der Schwangeren dabei immer der Ausgangspunkt sein muss. Zudem verglich er einzelne kombinierte Untersuchungsmethoden u. a. anhand der Detektionsgenauigkeit für ausgesuchte Fehlbildungen und zeigte Vor- und Nachteile auf. Über die Hälfte der großen Fehlbildungen könne bis zur 20. Schwangerschaftswoche (SSW) sonografisch detektiert werden. Dennoch seien späte fetale Anomalien nicht ausgeschlossen. So sind z. B. intrauterine Hirnblutungen möglich und erst mit fortgeschrittener SSW erkennbar. Hier stößt die Pränataldiagnostik an ihre Grenzen. Die Aufgabe der pränatalen Diagnostik sehe er in dem frühzeitigen Erkennen von Auffälligkeiten, einer interdisziplinären Beratung sowie in einem entsprechend angepassten Geburtsmanagement. Als Zukunftsvision formulierte der Chefarzt ein multidisziplinäres Teamwork von Gynäkologen, Pränataldiagnostikern, Genetikern, Kinderärzten, Psychologen und weiteren Spezialisten.

Entsprechend dem Leitthema der Veranstaltung folgte von Frau K. Hartig, Trauerbegleiterin und Regionalsprecherin des Vereins Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Sachsen-Anhalt, ein „Impuls zur Trauerarbeit“. Anschaulich und bewegend schilderte sie zu Beginn, wie der Verlust eines Kindes auf Eltern und Familienmitglieder einwirken kann. Dabei spiele es keine Rolle, ob sich der Verlust während der Schwangerschaft, induziert oder spontan, oder nach der Geburt ereigne. Der Gefühlsreichtum sei ebenso individuell wie der Verlust selbst. Mit Nachdruck betonte sie die Wichtigkeit Trauer zu durchleben und zu verarbeiten, statt diese zu verdrängen. Hierbei könne die Trauerbegleitung unterstützen und helfen den Verlust ins Leben zu integrieren. Des Weiteren ging sie auf die Bedeutung von Ritualen ein, die Struktur geben können. Auch das Abschiednehmen in Klinik und Praxis sei ein nicht zu vernachlässigender Aspekt der Trauerarbeit, dem z. B. durch Angebote wie letztmalig die Hand des Kindes zu halten oder das Kind noch einmal zu sehen, Ausdruck verliehen werden könne.

Einen Einblick in die historischen Aspekte zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Lippen- und Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten (LKGS) gab Frau PD Dr. Dr. K. Scheller, Oberärztin an der Universitäts- und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie in Halle. Neben der historischen Darstellung von Gesichtsspalten präsentierte sie auch moderne Strategien zur Prävention. Als Problem stelle sich häufig die fehlende Folsäure-Einnahme, aufgrund noch nicht erfolgter Schwangerschaftsfeststellung, dar. Es empfiehlt sich daher eine Prävention mit Vitamin B-Komplex (B1), bereits 2 Monate vor geplanter Schwangerschaft, da die Entstehung von LKGS in der 6. SSW erfolgt. Im weiteren Verlauf stellte sie Forschungsergebnisse vor und diskutierte zudem Ansätze und Methoden, einschließlich ihrer Risiken und Chancen, der modernen und verantwortungsbewussten Gesichtschirurgie. Es gelte stets einen Kompromiss zwischen funktionaler Ästhetik und Wachstumsphysiologie zu finden, der im Interesse des Kindes liegt. Unabdingbar sei weiterhin eine kontinuierliche Sprechstundenbetreuung, die sich aus einem interdisziplinären Team von Logopäden, Chirurgen, Zahnärzten und Kieferorthopäden generiert.

Die Vortragsreihe schloss mit der Vorstellung einer Untersuchung zur Häufigkeit und Therapie der Kraniosynostosen in Sachsen-Anhalt durch Frau Dr. med. A. Rißmann. Eine populationsbezogene Vollerfassung für Sachsen-Anhalt über den Zeitraum 2000 bis 2016 ergab eine Prävalenz von 4,8 pro 10.000 Geborene (d. h. Lebend-, Totgeborene, induzierte und Spontanaborte ab der 16. SSW). Die Studie konnte zudem aufzeigen, dass die Diagnosestellung postnatal zeitgerecht (Median 2. Lebensmonat) erfolgt und ein pränataler Ultraschall eine untergeordnete Rolle in der klinischen Diagnostik spielt.

Weitere Informationen zum Thema Fehlbildungen können dem Jahresbericht 2017 entnommen werden unter: www.angeborene-fehlbildungen.com

Hiermit ergeht die herzliche Einladung zur nächsten Veranstaltung in der Reihe „Ethische Entscheidungen am Lebensanfang“ am 8. Mai 2019.

Wir möchten an dieser Stelle Danke sagen für die rege Beteiligung. Wir können nur immer wieder betonen, dass die epidemiologische Surveilliance für unser Bundesland ohne die engagierte Mitarbeit aller Einsender nicht möglich wäre!

Janine Hoffmann

Korrespondenzadresse:
Dr. med. A. Rißmann
Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt
Medizinische Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität
Leipziger Str. 44, Haus 39
39120 Magdeburg
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Tel.: 0391/67-14174