Vorgeschichte


Die Wurzeln der Magdeburger Hochschulanästhesie reichen bis in das Gründungsjahr 1954 der Medizinischen Akademie Magdeburg (MAM) zurück.Ein Jahr im Amt, stimmte der Direktor ihrer Chirurgischen Klinik, Prof. Werner Lembcke (1909-1989), der Bildung einer Anästhesie-Abteilung im Rahmen seiner 269 Betten-Klinik zu. Mit der kommissarischen Leitung beauftragte er Dr. Lisa Wilken (1925-2007). Sie war zunächst allein für die anästhesiologische Betreuung verantwortlich. Operationsschwestern führten bis 1959 mehr als die Hälfte der Anästhesien als Äther-Tropf-Narkosen durch. Nur langsam gelang es, Ärzte für die Facharztweiterbildung, die in der DDR ab 1956 gesetzlich geregelt war, zu gewinnen.

Zunächst konnten 5 der neu geschaffenen ärztlichen Anästhesie-Planstellen besetzt und bereits 1964 sämtliche an der Chirurgischen Klinik registrierten Narkosen von Anästhesisten und zeitweise abgeordneten Chirurgen durchgeführt werden. Auch andere operative Bereiche der MAM versicherten sich nach und nach zeitgemäßer anästhesiologischer Betreuung: 1963 die Stomatologie, 1965 die Orthopädie, ab 1966 in Sonderfällen Frauenklinik und Urologie, ab 1967 die Augenklinik. Ab 1963 gab es einen anästhesiologischen Nacht-Bereitschaftsdienst. Auch die Blutbank der Chirurgischen Klinik lag im Verantwortungsbereich der Anästhesie.

Seit 1960 hatten die Ärzte eine weitere anspruchsvolle Aufgabe: die Betreuung des auf Initiative von Prof. Lembcke eingerichteten ersten außerklinischen, ärztlichen Notfalldienstes in der DDR, der Magdeburger „Schnellen Hilfe“, mit jährlich rund 1.000 Einsätzen. Trotz fehlender Intensivstation, kaum erfahrenem Personal und unzureichender apparativer Ausstattung erhöhte sich die Zahl beatmungsbedürftiger Patienten, z. B. mit postoperativer Ateminsuffizienz, Polytrauma, Tetanus oder nach Vergiftungen. Eine Bewährungsprobe stellten die Folgen des Eisenbahnunglücks von Langenweddingen im Jahre 1967 dar. Unter anästhesiologischer Leitung wurden auf der Chirurgischen Chef-Station Schwerverbrannte für mehrere Wochen improvisiert intensivmedizinisch versorgt.

Die von 1954-1969 ständig gewachsenen Anforderungen an das Fachgebiet Anästhesiologie gaben hinreichende Begründung für strukturelle Konsequenzen. Neben den akademischen Kriterien sprachen auch ökonomische Gesichtspunkte für eine Zentralisierung und Verselbständigung der Anästhesiologie. Seit Anfang der 60er Jahre erfolgten hierzu Abstimmungen mit den zuständigen Berliner Ministerien und mit der Verwaltung der MAM. Wesentliche Voraussetzungen für die Eigenständigkeit waren jedoch die inzwischen erbrachten Leistungen, insbesondere in der Krankenversorgung. Dank der Einführung moderner Schmerzausschaltungsverfahren und Einsatz zeitgemäßer Medizintechnik war die Anzahl registrierter Allgemeinanästhesien 1969 mit mehr als 5.000 bereits doppelt so hoch wie 5 Jahre zuvor. Auch in Lehre, Aus- und Weiterbildung sowie in der wissenschaftlichen Arbeit gab es Fortschritte.

Die Gründung

Die Gründungs-Mitglieder der Abteilung Anästhesiologie 1969
Abb. 1: Die Gründungs-Mitglieder der Abteilung Anästhesiologie 1969 und ihr späterer Einsatzort; Obere Reihe v. l. n. r.: E. Tautenhahn (CÄ Halberstadt), V. Thiele (CA Wernigerode), R. Morgenstern (MAM), W. Röse (MAM), K. Böttcher (Gast/Chirurgie), B. Rimasch (CA Staßfurt), T. Schaarschmidt (CÄ Zerbst); Untere Reihe. C. Ratzel (Hospitantin Allg.-Medizin), S. Hampel (CÄ Aschersleben), H. Luther (CÄ Gardelegen); es fehlen: Ch. Selmer (CÄ Magdeburg, Pfeiffersche Stiftungen), R. Schmidt (CA Schmalkalden), D. Kaliski (CA Berlin, Reg.-KH)

Zum 1.4.1969 wurde vom Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen die Gründung der Abteilung Anästhesiologie urkundlich vollzogen. Damit war 4 Wochen nach der Berliner Charité die zweite selbständige Hochschul-Anästhesie-Abteilung in der DDR mit 11 Ärzten (davon 6 Gastärzte) etabliert. Von den bis dahin ausgebildeten 10 Fachärzten hatten inzwischen 5 Chefarztpositionen übernommen. Es gab noch keine Anästhesie-Schwestern und immer noch keine Intensivstation (ITS).


Die ersten 10 Jahre der Selbständigkeit 1969-1979

Die Rückkehr der zur Facharzt-Qualifikation delegierten Ärzte an ihre Heimatkrankenhäuser und der Wechsel weiterer Fachärzte in Chefarzt-Positionen machte die Gewinnung neuer Mitarbeiter neben der eigentlichen anästhesiologischen Tätigkeit zu einer permanenten Aufgabe. Denn von den 11 Gründungsmitgliedern verblieben nur 2 an der MAM. „Jung-Anästhesisten“ aus dem Territorium und Gastärzte anderer Fachgebiete konnten diese Lücke nur unzureichend schließen.

So galt es vor allen Dingen, Studenten für das neue Fachgebiet zu gewinnen. Das geschah über Vorlesungen, Seminare und Praktika in allen Studienabschnitten. Ein wichtiger Schritt der akademischen Gleichstellung wie Anerkennung stellte die Schaffung und Besetzung des Lehrstuhls für Anästhesiologie an der MAM 1973 dar. Großes Augenmerk wurde der Gewinnung von Anästhesie-Schwestern gewidmet. 1970 gab es eine leitende und erst 6 weitere Schwestern im Anästhesie-Bereich. Erst 1976 konnten die räumlichen Voraussetzungen geschaffen werden, intensivbehandlungsbedürftige Patienten auf einer Spezialstation in Haus 10 zu betreuen. Es war bis 1991 die einzige ITS für Erwachsene im ganzen Klinikum. Zuvor wurden Patienten mit Beatmungsindikation auf einer der chirurgischen Stationen behandelt, z. B. noch 1969 vier Kranke mit Tetanus, die wochenlang kurarisiert und beatmet werden mussten. Die unter improvisierten Bedingungen gesammelten Erfahrungen konnten nun unter besseren Voraussetzungen umgesetzt werden. Wegen nicht ausreichend besetzter ITS-Schwestern-Stellen konnte die Station allerdings noch längere Zeit nur an 6 Plätzen betrieben werden. Immerhin wurden von 1976-1978 knapp 600 Patienten behandelt, die Hälfte davon mittels längerfristiger Beatmung.


Positive Zwischenbilanz nach 10 Jahren

Zum 1.4.1979 verfügte die Abteilung Anästhesiologie über 54 Mitarbeiter: 21 Ärzte, 28 Schwestern, 1 Physiker, 2 Sekretärinnen und 2 Reinigungskräfte. Die jährliche Anzahl durchgeführter Anästhesien in mittlerweile fast allen operativen Kliniken der MAM und mehreren weiteren Arbeitsbereichen wie Röntgendiagnostik, Kardiologie, Psychiatrie und Kinderbronchologie betrug inzwischen mehr als 10.000, die Gesamtzahl von 1969-1978 lag bei 79.172. Der nicht ungefährliche Chloräthyl-Rausch für Kurzeingriffe war schon lange durch moderne Kombinations-Narkoseverfahren ersetzt worden. „Intubationsnarkosen“ ermöglichten bei Gebrauch des neuen Inhalationsnarkosemittels Halothan statt Äther auch langdauernde, komplizierte operative Eingriffe von der Neugeborenen- bis zur Alterschirurgie in allen Risikogruppen.

Bei steigender Tendenz waren 18.222 ärztlich begleitete „Schnelle Hilfe“-Einsätze registriert worden. 1976 war endlich die ITS in Betrieb genommen worden. An vielen dieser aufgeführten Leistungen waren Gast-Ärzte beteiligt. 21 Ärzte hatten im Berichtszeitraum an der Abteilung die Facharzt-Weiterbildung vollständig, weitaus zahlreichere teilweise, erhalten. Mehr als 20 Schwestern der Abteilung erwarben die seit 1970 organisierte Fachschwestern-Qualifikation. 36 abgeschlossene Diplom- und 11 Promotionsverfahren, 70 Publikationen und über 100 wissenschaftliche Vorträge zeugten vom Bemühen um auch messbare wissenschaftliche Aktivitäten. Unverändert hoch blieb die Beteiligung an der Lehre mit jährlich 40-60 Stunden Vorlesung und zusätzlichen Aufgaben im Studentenzirkel sowie bei wahlobligatorischen Lehrveranstaltungen. Seit 1977 konnten Studenten des 6. Studienjahres 2 ½ Monate der Pflichtassistenz in der Anästhesie leisten.


Schluss und Ausblick

An viele der hier aufgeführten Punkte aus den „Gründungszeiten“ konnte die heutige Universitätsklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie der Otto-von-Guericke-Universität unter inzwischen baulich, ausrüstungsseitig, organisatorisch und personell entscheidend verbesserten Bedingungen anknüpfen. Dass aus einer Abteilung mit 11 ärztlichen Mitarbeitern einmal die personalstärkste klinische Einrichtung des Universitäts-Klinikums mit mehr als 100 Ärzten und über 150 Schwestern und Pflegern hervorgehen würde, konnten vor 50 Jahren nicht einmal Optimisten zu erhoffen wagen.


Verfasser: Prof. emeritus Dr. med. Wolfgang Röse

Foto: privat