Am ersten Konferenztag wurden die Teilnehmer*innen durch die Magdeburger Frauenmilchbank geführt. (Fotos: Sarah Rinka)
Am ersten Konferenztag wurden die Teilnehmer*innen durch die Magdeburger Frauenmilchbank geführt. (Fotos: Sarah Rinka)

Eine medizinhistorische, kulturwissenschaftliche Betrachtung und medizinwissenschaftliche Bestandsaufnahme
zum 100-jährigen Jubiläum der Frauenmilchbanken in Deutschland

Am 19. Mai 1919 gründete die Kinderärztin Dr. Marie-Elise Kayser (1885-1950) die erste Frauenmilchsammelstelle Deutschlands in Magdeburg. Für das Institut für Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin, die Universitätskinderklinik und die Frauenmilchbank an der Universitätsfrauenklinik Magdeburg war dies Anstoß für eine Tagung. Gemeinsam mit dem Amt für Gleichstellungsfragen und dem deutschlandweit agierenden Verein Frauenmilchbank-Initiative e. V. wurde am 13. und 14. Mai 2019 eine zweitägige interdisziplinäre, internationale Konferenz veranstaltet.

Muttermilch, das älteste Nahrungsmittel der Welt bzw. der Menschheit, ist eine ganz natürliche Sache, eine Selbstverständlichkeit! Tatsächlich aber offenbart das Thema – bei näherer Betrachtung – eine Vielzahl interessanter Facetten. Die Beforschung der Muttermilch, ihrer Inhaltsstoffe und ihrer Wechselwirkung hat in den letzten Jahrzehnten wegweisende Ergebnisse gezeitigt. Einzelne Bestandteile konnten isoliert und analysiert werden und ihr Wert nicht allein für die Brusternährung, sondern als mögliches Therapeutikum für Krankheiten aufgezeigt werden. So ist es wissenschaftlich erwiesen, dass mit Muttermilch oder Spenderinnenmilch ernährte Frühgeborene deutlich seltener an schwerwiegenden Darmproblemen (Nekrotisierende Enterokolitis) leiden als die, die mit künstlicher Säuglingsnahrung ernährt werden. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass menschliche Milch sich positiv auf die Hirnentwicklung auswirkt und die Abwehrstoffe in der Milch vor Infektionen und der Frühgeborenenretinopathie schützen.

Begonnen wurde mit der ärztlich beaufsichtigten Milchspende in Deutschland vor genau 100 Jahren am ehemaligen Altstadt-Klinikum in Magdeburg, wie Esther Kremsreiter aus ihrem medizinhistorischen Promotionsprojekt berichtete. Dort gründete Marie-Elise Kayser auf der Säuglingsstation eine kleine Frauenmilchsammelstelle, die jedoch aufgrund der Weltwirtschaftskrise bereits 1922 wieder geschlossen werden musste. Nach ihrem Umzug nach Erfurt setzte Kayser sich für die Entstehung weiterer Sammelstellen in ganz Deutschland ein. Kaysers wissenschaftliche Abhandlungen bieten immer noch Orientierung für heutige Milchsammelbanken. Dabei erfuhr Kayser in ihrem Engagement zur Zeit der Nazidiktatur, welche selbst Mitglied der NSDAP war, staatliche Unterstützung. In den nahrungsmittelarmen Kriegszeiten wurde es als nationalsozialistische Pflicht formuliert, dass jede Mutter mit einem Milchüberschuss davon abgebe. So konnten in der 1936 wiedereröffneten Magdeburger Sammelstelle bis Kriegsende etwa 50.000 Liter Milch gesammelt werden. In der ehemaligen DDR war die Sammlung von gespendeter Frauenmilch weit verbreitet. Seit 1952 galt die staatliche Empfehlung, in allen Städten mit mehr als 55.000 Einwohnern Sammelstellen unter ärztlicher Aufsicht einzurichten.

Lac Maternum
Der zweite Konferenztag fand im Gesellschaftshaus Magdeburg statt. In der ersten Reihe sind von links nach rechts die Referent*innen Gillian Weaver (EMBA), Dr. Daniel Klotz (FMBI e. V.) und Prof. Dr. Kiersten Israel-Ballard (PATH) zu sehen. (Foto: Melitta Dybiona)

So berichtete die Kinderärztin Dr. Skadi Springer aus erster Hand und mit beeindruckenden Bildern von der engen Zusammenarbeit zwischen dem Personal der Milchbank der Universitätskinderklinik Leipzig und den Spenderinnen. Heute kämen, so Springer, bereits Spenderinnen der vierten Generation der Familie, um ihren Milchüberschuss abzugeben. In der ehemaligen BRD wurde hingegen die letzte Milchbank bereits 1972 geschlossen. Der sogenannte „Pillenknick“, das verbesserte Angebot an industriell hergestellter Babyfertignahrung und das Aufkommen von HIV führten auch in der DDR zum Einbruch der Spenderinnenzahlen. Insbesondere nach der politischen Wende kam es zur Schließung der meisten Einrichtungen.

Aktuell haben etwas über ein Dutzend von über 200 Perinatalzentren in Deutschland Zugang zu gespendeter Muttermilch aus einer Frauenmilchbank, obwohl Frauenmilch gerade für Frühgeborene überlebenswichtig sein kann. Dies soll sich in Zukunft ändern. Die gemeinnützige Frauenmilchbank-Initiative (FMBI e. V.) setzt sich seit ihrer Gründung im Mai 2018 dafür ein, dass bald kein Bundesland mehr ohne Sammelstelle ist. Mehrere Vereinsvorstände und -mitglieder der FMBI, die zugleich international renommierte Neonatologen sind, referierten auf der Magdeburger Konferenz. Sie berichteten über Vorteile, aber auch Risiken bei der Verwendung von Spenderinnenmilch, über Implementierungsschritte bei der Gründung von Sammelstellen und deren Finanzierungsmöglichkeiten und luden Interessierte zum Erfahrungsaustausch ein. Einen Blick über den nationalen Tellerrand boten Vorträge über die unkontrollierte und kommerzielle Abgabe von Spenderinnenmilch und Probleme bei der Umsetzung von Stillkampagnen in ressourcenarmen Ländern.

Besondere Aufmerksamkeit galt den Vorträgen von Prof. Dr. Kiersten Israel-Ballard (Washington, Associate Director with PATH’s Maternal Newborn, Child Health and Nutrition program) und Gillian Weaver (London). Weaver machte als ehemalige Präsidentin der 2011 gegründeten European Milk Banking Association (EMBA) auf ethische Überlegungen in Bezug auf die Milchspende aufmerksam. Einig waren sich die Referentinnen und Referenten darin, dass die Errichtung von Frauenmilchbanken nicht in Konkurrenz, sondern immer nur als Unterstützung der natürlichen Brusternährung des Säuglings gedacht werden sollte. In Zukunft gelte es, den Zugang zu Frauenmilch zu verbessern und geeignete Verfahren zu entwickeln, um Frauenmilch sicherer in der Anwendung zu machen.

Die Konferenz untersuchte auch die kulturhistorischen Darstellungen der nährenden Mutterbrust, thematisierte das „Mutter werden und Mutter sein“ bis hin zu den heute modernen „brelfies“, mit denen stillende Frauen die noch immer vorhandene Stigmatisierung vom Stillen in der Öffentlichkeit aufheben möchten. Auch die sich wandelnde Bewertung des Stillens für die Ernährung und Entwicklung des Säuglings wurde in den Beiträgen der Tagung thematisiert. Auf diese Weise wurde die 100-jährige Geschichte der Frauenmilchbanken in Deutschland mit den aktuellen Fragen zum Thema Milchspende hier und weltweit verknüpft. Besonders erfreut zeigten sich die Besucher*innen der Konferenz über die vor Beginn der Veranstaltung angebotene Besichtigung der Frauenmilchbank an der Universitätsfrauenklinik Magdeburg unter der Führung von Oberarzt Dr. Ralf Böttger.

Die Videoaufzeichnungen und Folien der Vorträge können abgerufen werden unter: www.fmbi.de

Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. Eva Brinkschulte
Anna Urbach
Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Medizinische Fakultät
Leipziger Str. 44
39120 Magdeburg
Tel.: 0391/6724340
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