v. l.: Claudia Bahn, Matthias Brenner, Harald Schickedanz, Andreas Lob-Hüdepohl, Simon Moses Schleimer, Thomas Arnold
v. l.: Claudia Bahn, Matthias Brenner, Harald Schickedanz, Andreas Lob-Hüdepohl, Simon Moses Schleimer, Thomas Arnold


17. Hallenser Gespräche zu Psychotherapie, Religion und Naturwissenschaften

Am 29. und 30. März 2019 fanden die 17. Hallenser Gespräche zu Psychotherapie, Religion und Naturwissenschaften statt, die sich dem Thema „Identität und Fremdheit im Kontext traumatisierender Erfahrungen“ widmeten. Veranstalter des Symposiums waren die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara sowie die Katholische Akademie des Bistums Magdeburg.

Namhafte Referenten sind der Einladung gefolgt, so Herr Professor Dr. Franz Ruppert, Psychologischer Psychotherapeut und Psychotraumatologe, Herr Dr. Harald Schickedanz, Facharzt für Innere Medizin sowie Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Psychotraumatologe, Herr Dr. Simon Moses Schleimer, Pädagoge, Herr Dr. Thomas Arnold, Theologe und Herr Professor Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Pädagoge, Theologe und Mitglied des Deutschen Ethikrates.

Nach den Begrüßungsworten durch den Geschäftsführer des Krankenhauses Herrn Thomas Wüstner erfolgte die musikalische Einstimmung auf die Vorträge durch Frau Susanne Tautz-Bernhard am Flügel und Frau Susanne Jänke am Cello.

In den einleitenden Gedanken erläuterte Frau CÄ Dr. Bahn, dass die Zielstellung des Symposiums darin bestehe, sowohl intrapsychische als auch interpersonelle Aspekte der Thematik zu beleuchten und dabei auch die gravierenden Störungen der Identitätsentwicklung durch Traumatisierung sowie aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen in den Blick zunehmen.

Eröffnung der Veranstaltung durch den Geschäftsführer Herrn Thomas Wüstner
Eröffnung der Veranstaltung durch den Geschäftsführer Herrn Thomas Wüstner

Den Eröffnungsvortrag mit dem Titel „Wer bin ich und was will ich? Identität, Identifikation und Zuschreibung“ hielt Herr Professor Franz Ruppert. Er erläuterte, dass die Identitäsentwicklung bereits vorgeburtlich beginnt. Kennzeichnend für eine gesunde Identität sei die Präsenz, aber nicht Dominanz, einer Person. Die soziale Identität eines Individuums werde zu einem beträchtlichen Teil durch Zuschreibungen seiner Mitmenschen konstruiert und aufrechterhalten. Diese Zuschreibungen ermöglichen das Erleben eines „Wir“-Gefühls, erzeugen aber gleichzeitig Druck, Rollenerwartungen und Abgrenzung zu anderen. Im zweiten Teil seines Vortrages stellte Herr Professor Ruppert dar, welch gravierende Folgen Traumatisierungen auf die Identitätsentwicklung haben können und erläuterte die von ihm entwickelte Methode der „Identitätsorientierten Psychotraumatherapie (IoPT)“

Herr Dr. Schickedanz sprach zum Thema „Aus vielen Ichs ein Selbst? Traumafolgen und Identität“. In sehr anschaulicher Form und anhand mehrerer Fallbeispiele stellte er die strukturelle Dissoziation als Folge schwerer Traumatisierungen vor. Ausgehend von den beiden motivationalen Grundsystemen Bindung und Exploration, die einander bedingen und die Grundlage für eine gesunde Entwicklung bilden, die wiederum essentiell für die Individuation und gleichzeitig die Verankerung in einer Gruppe ist, beschäftigt er sich mit den Auswirkungen von Gewalt, Vernachlässigung und toxischem Stress auf das Individuum. Wenn in frühen Phasen der Entwicklung toxischer Stress auf das Individuum einwirkt, entsteht eine Teilung des Selbst in verschiedene Ich-Anteile (Dividuation) als Anpassungsleistung. Diesen Vorgang bezeichnet man als strukturelle Dissoziation. Aufgabe der Psychotraumatherapie sei die Unterstützung der Patienten bei der Wiederzusammenfügung der verschiedenen Anteile, wobei in diesem Kontext Denken und Verstehen wichtig, aber Fühlen und Empfinden unerlässlich seien. Durch viele Studien belegt sei die Korrigierbarkeit von Traumatisierungen bis ins hohe Alter.

v. l.: Musikalische Einstimmung durch Frau Susanne Baudach und Frau Juliane Tautz-Bernhard
v. l.: Musikalische Einstimmung durch Frau Susanne Baudach und Frau Juliane Tautz-Bernhard

Nachfolgend referierte Herr Dr. Schleimer zum Thema „Identitäten in Bewegung – Selbstverortung jugendlicher Migrantinnen in transnationalen Kontexten“. Im Rahmen seiner Dissertation führte Herr Dr. Schleimer narrative Interviews mit remigrierten jungen Menschen aus Kurdistan. Anhand des Fallbeispiels einer heute 23-jährigen Kurdin zeigte Herr Dr. Schleimer sehr anschaulich, dass die Individuation der zunächst migrierten, später remigrierten Familien in gänzlich anderem kulturellem Kontext erfolgt als hierzulande und die Loyalität gegenüber der Familie einen überaus hohen Stellenwert einnimmt. Die Tabuisierung wichtiger Themen innerhalb der Familie spielt eine nicht unwesentliche Rolle bei möglichen Identitätskrisen.

Nach den einstimmenden Begrüßungsworten von Herrn Dr. Reinhard Grütz, Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Magdeburg, begann der 2. Tag des Symposiums mit dem Vortrag von Herrn Dr. Arnold. Mit viel Enthusiasmus und Tiefgang entwickelte er mit seinem Vortrag „Angst ums Abendland. Die Dynamik des gesellschaftlichen Bruchs für die Identität“ einerseits eine spannende gesellschaftspolitische Zeitdiagnose für das brüchige bzw. auch als bedroht zu verstehende Heimatgefühl im Hier und Jetzt der Flüchtlingskrise, nicht ohne dabei andererseits auch eine soziokulturelle Zukunftsperspektive für eine identitätsstiftende Basis zu entwerfen. Nachvollziehbar schilderte Arnold, in welch fragilem Zustand sich vor allem die ostdeutsche Identität in der Nachwendezeit befinde. Als Aufgabe für die Gesellschaft aber auch explizit für die Kirchen und Gemeinden leitete er ab, einen offenen und interessierten Austausch – über das Eigene wie über das Fremde – zu ermöglichen, um das identitätsstiftende Erleben zu bereichern. Er forderte aber auch, dass der Einzelne mehr Verantwortung für die Gestaltung unserer Gesellschaft übernehmen müsse.

Den Abschlussvortrag des Symposiums hielt Herr Professor Lob-Hüdepohl zum Thema „Identität aus Sicht der theologischen Ethik“. Seinen energetischen Vortrag begann er mit dem Gedanken, dass es die Identität des Christentums ist, heimatlos und auf der Suche zu sein. Über den Bezug zu dem Psychoanalytiker und Entwicklungspsychologen Erickson beschreibt er Identität als Prozess authentischer Lebensführung, der vor allem durch Brüche, auch in der Gesellschaft, lebendig bleibt. Identität darf nicht in ihrer Selbstbestimmung losgelöst von anderen Kommunitäten verstanden werden, sondern muss als Erfahrung des Fremden erlebt werden. Fremdheitserfahrungen fordern dazu heraus, sich mit der eigenen (religiösen) Identität auseinanderzusetzen. Überforderung entsteht dann, wenn diese Auseinandersetzung, die Religion zur Projektionsfläche im Konflikt um Ressourcen und Status werden lässt.

Im Anschluss an die Fachvorträge moderierte Herr Matthias Brenner, der Intendant des Neuen Theaters in Halle, eine lebhaft geführte Podiumsdiskussion. Sowohl nach den Vorträgen beim abendlichen Buffet, als auch im Rahmen der abschließenden Podiumsdiskussion nutzten viele Teilnehmer die Möglichkeit, in den Austausch mit den Experten zu treten.

Anke Schmiedeberg, Jasmin Knispel,
Anke Krüger, Juliane Schedler,
Anne Rosch, Karin Hahn, Claudia Bahn

Korrespondenzanschrift:
Dr. med. Claudia Bahn
Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara Halle (Halle)
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Barbarastrasse 4
06110 Halle (Saale)

Fotos: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara/Schweda