Multiprofessionell schneller zum Erfolg

Zur diesjährigen Interdisziplinären Fachtagung für Wundbehandler wurde jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer mit einer kleinen Flasche Sekt begrüßt. Und das hatte einen großen Grund. Die jährliche Fachtagung hatte 2019 zehnten Geburtstag. Der Tradition folgend war der Tagungsort das Magdeburger Herrenkrug Parkhotel.

In ihrem Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre streifte Tagungsleiterin Dr. Beate Brinkers, Leiterin des MVZ Wundzentrums, wichtige Höhepunkte vorangegangener Veranstaltungen. Ziel des gemeinsamen Bemühens sei eine deutlich bessere Lebensqualität für Patienten mit chronischen Wunden. Dazu bedürfe es neben dem fachlichen Können nicht nur Empathie und Engagement sondern vor allem auch das Wissen um neueste, wissenschaftlich belegte Erkenntnisse zur Diagnostik und Therapie der chronischen Erkrankungen, die oft ebenso schwerwiegend wie langwierig sind. Tritt die Wunde zutage, ist der Wundprozess unter der Haut meist schon sehr viel ausgeprägter. Eine Behandlung nur der Symptome würde folglich kaum Sinn machen. Ärzte, Pflegende und Therapeuten setzen deshalb auf ein interdisziplinäres Miteinander. Ihr multiprofessionelles Agieren wird zum Erfolgsgaranten, wobei es immer gilt, der ursächlichen Erkrankung auf den Grund zu kommen.

Die Referentinnen und Referenten der 10. Interdisziplinären Fachtagung für Wundbehandler (IFFW) in Magdeburg, veranstaltet vom MVZ „Herderstraße“ mit dem Klinikum Magdeburg
Die Referentinnen und Referenten der 10. Interdisziplinären Fachtagung für Wundbehandler (IFFW) in Magdeburg, veranstaltet vom MVZ „Herderstraße“ mit dem Klinikum Magdeburg (Foto: AZ publica/Petra Krause-Zieler)

Unterstützt von der AOK Sachsen-Anhalt agiert das MVZ in einem gut vernetzten Wundzentrum mit besonders qualifizierten Ärzten, Pflegefachkräften und Physiotherapeuten. Die integrierte Versorgung bei chronischen Wunden haben beide Partner bereits vor mehr als zehn Jahren vertraglich geregelt. Diesem Beispiel folgend entstanden in Sachsen-Anhalt vier weitere Zentren, in denen seit 2009 weit über 2 000 Patienten erfolgreich behandelt werden konnten. Ihnen konnte oft ein Klinikaufenthalt erspart bleiben, die Behandlungsdauer war deutlich kürzer. Dank der interdisziplinären Versorgung konnte die Heilungszeit von Wunden um weit über 50 Prozent gesenkt werden. Die Patienten waren deutlich früher schmerzfrei, konnten wieder am normalen Leben teilnehmen und freuten sich über ihre spürbar verbesserte Lebensqualität. Das Fazit: Gut vernetzte Wundzentren sind erfolgreich. Schneller heilende Wunden, geringere Amputationsraten sind ihr Aushängeschild.

In den vergangenen Jahren waren die Initiatoren der Fachtagung stets bemüht, das Spektrum um das große Thema Wunde immer weiter auszudehnen. Dabei wurden Prophylaxe und Eigenverantwortung ebenso beleuchtet wie Fragen zur gesunden Ernährung, die sich ebenfalls positiv auf die Wundheilung auswirken kann. „Heute und auch künftig versprechen wir Ihnen medizinisch vielfältige und spannende Programme“, so Dr. Brinkers.

Im Mittelpunkt der diesjährigen Veranstaltung unter Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und der bundesweiten Initiative Chronische Wunde stand die übergreifende Thematik „Der richtige Druck – Das offene Bein im Überblick“. MVZ-Geschäftsführer Dr. Hans-Hermann Ladetzki, Chefarzt Priv.-Doz. Dr. Jörg Tautenhahn vom Klinikum Magdeburg und Dr. Beate Brinkers, Fachbereichsleiterin Chronische Wunde im MVZ, denen zugleich die wissenschaftliche Leitung oblag, formulierten es so: „Der Tradition und großen Resonanz der Vorjahre verpflichtet, haben wir Referenten aus allen Fachbereichen eingeladen. Gesprächspartner aus Klinik, Praxis und Pflegedienst beleuchteten die Problematik praxisnah und zeigten die vielfältigen Möglichkeiten in Diagnostik und Therapie auf, die anschließend in Einzelgesprächen oft näher erörtert wurden. Gemeinsam Großes bewegen, das ist möglich, wenn viele kleine Protagonisten – vom Arzt über den Therapeuten bis zum Pflegenden oder Podologen – zusammenwirken. Beate Brinkers: „Wir müssen Patienten aber auch vermitteln, dass sie selbst ein wichtiger Teamplayer bei der Behandlung sind.“ Ihre Verantwortung beginne bereits in einer gezielten Prophylaxe.

Das offene Bein ist ein häufiger und klarer Befund in der Praxis. Die Ursachen hingegen können sehr vielfältig sein. Mitunter verbergen sich dahinter differential-diagnostische Probleme, die zu bedrohlichen Komplikationen führen können. Haben die Beschwerden einen phlebologischen Hintergrund, kann eine Kompression sehr gut helfen, die auch bei lymphologischer Indikation lindern kann. Sind jedoch arteriosklerotische Verschlussprozesse ursächlich, würden Kompressionen schaden. Hier versprechen andere konservative Behandlungen oder eine Operation den gewünschten Erfolg. Entschieden werden muss nach gründlicher Diagnostik von Fall zu Fall. Die chronische Wunde ist immer nur Symptom für eine Grunderkrankung, die erkannt werden muss.

„60 bis 80 Prozent der offenen Beine sind auf chronisch-venöse Insuffizienzen zurückzuführen, 5 bis 30 Prozent auf arterielle Verschlusserkrankungen und bei 10 bis 15 Prozent sind Mischformen aus beiden ursächlich“, erläuterte der ICW-Wundexperte Christoph Burkert aus Magdeburg, der den Verlauf von der Varikosis (landläufig Krampfadern) zum offenen Bein darstellte.

Eine sehr viel weitere Anreise hatten die beiden Hamburgerinnen Kerstin Protz, Dozentin und Beraterin für Wundversorgungskonzepte sowie Priv.-Doz. Dr. Katharina Herberger, Oberärztin Dermatologie. Beide arbeiten am Uni-klinikum Hamburg-Eppendorf und berichteten aus ihrem reichen Erfahrungsschatz. Kerstin Protz, Vorstandsmitglied des Hamburger Wundzentrums und Mitautorin zahlreicher Fachbücher, sprach über die moderne Kompressionstherapie. Sie ging dabei zugleich auf weit verbreitete Fehler und deren oft gravierende Auswirkungen ein. Für die erfolgreiche Behandlung chronischer Wunden mahnte sie eine besondere Zusammenarbeit zwischen stationärer und ambulanter Versorgung und allen beteiligten Gruppen – z. B. Ärzten, Pflegefachkräften, Wundtherapeuten, Pflegediensten, Podologen, Lymphtherapeuten, Apothekern, Orthopädietechnikern, stationären Pflegeeinrichtungen und Herstellern – an. Auch Dr. Katharina Herberger, die Einblicke in ihr praktisches Wirken als Oberärztin Dermatologie gewährte, arbeitet aktiv im Wundzentrum Hamburg mit. Ihre Ausführungen zum Thema „Differentialdiagnostik und Therapie“ waren zugleich ein Plädoyer für multiprofessionelles Agieren. In diesem Prozess bezeichnete die Oberärztin ihre Spezies, also die Dermatologen, als Sherlock Holmes in der Wundtherapie. Zwar sei Ulcus cruris überwiegend auf Durchblutungsstörungen zurückzuführen, doch gerade die Diagnostik und Ursachenforschung untypischer Wunden erfordere Kenntnisse, Erfahrungen und Kompetenz.

Dr. Herberger war übrigens Initiatorin einer Pilotstudie Telemedizin bei chronischen Wunden. Die direkte Beurteilung durch Spezialisten erlaubte eine sofortige Reaktion auf kleinste Schwierigkeiten. Klinikaufenthalte konnten vermieden, Heilungszeiten verkürzt werden. Zudem war die deutlich engmaschigere Behandlung mit weniger Wegen für die Patienten verbunden.

Vorträge über die Differentialdiagnose des chronischen Ulcus cruris, eine komplexe Vaskulitisdiagnostik, lymphologische Aspekte bei chronischen Wunden und die komplexe venöse Thrombosebehandlungen rundeten das zehnjährige Jubiläum ab.

Autor:
AZ publica
Frau Petra Krause-Zieler
Albert-Vater-Straße 70
39108 Magdeburg