Aufgrund der fortgeschrittenen demographischen Entwicklung ist Sachsen-Anhalt in besonderer Weise mit dem Thema der Versorgung älterer Tumorpatienten konfrontiert. Ein Expertenteam der Sachsen-Anhaltischen Krebsgesellschaft (SAKG) und der Universitätsmedizin Halle (Saale) hat nun die Problemstellungen in der Geriatrischen Onkologie und mögliche Lösungsansätze herausgearbeitet. Priv.-Doz. Dr. Daniel Medenwald, Facharzt für Strahlentherapie und Leiter der Arbeitsgruppe „Onkologische Versorgungsforschung“ am Universitätsklinikum Halle, ermittelte, dass der Anteil der über 65-Jährigen in der Bevölkerung Sachsen-Anhalts in 2018 dem Wert entsprach, der für Gesamtdeutschland erst für das Jahr 2031 prognostiziert wird. 

Prof. Dr. Dirk Vordermark, Priv.-Doz. Dr. Daniel Medenwald,  Dr. Heike Schmidt, Sven Weise
Prof. Dr. Dirk Vordermark, Priv.-Doz. Dr. Daniel Medenwald, Dr. Heike Schmidt, Sven Weise

Zwar ist Sachsen-Anhalt allein aufgrund der Altersstruktur durch eine im Bundesvergleich überdurchschnittliche Krebsmortalität auffällig, diese ist aber auch nach Adjustierung für das Alter immer noch erhöht. Als mögliche Erklärung sind laut Dr. Medenwald weitere Besonderheiten des Gesundheitsverhaltens in Sachsen-Anhalt, wie eine geringe Teilnahmerate an Krebsfrüherkennungsuntersuchungen oder ein stark ausgeprägter Nikotinkonsum zu beachten. Die Belastung mit kardiovaskulären Komorbiditäten ist ebenfalls hoch, was die Therapierbarkeit von Tumorerkrankungen beeinflussen dürfte.

Der Geschäftsführer der SAKG, Sven Weise, hat in der Praxis der psychosozialen Beratung erfahren, wie schwierig die Angebote der Krebsgesellschaft oder auch onkologischer Versorger für ältere Tumorpatienten zugänglich sind. Die SAKG betreibt neben den Psychosozialen Krebsberatungsstellen in Halle und Magdeburg elf Außenberatungsstellen im gesamten Bundesland, die jeweils einmal pro Monat besetzt werden. Selbst diese sind aber bei oft schlechter Verkehrsanbindung von den Wohnorten im ländlichen Raum und fehlender Fahrtkostenübernahme für die älteren Krebsbetroffenen vielfach schwer erreichbar.

Frau Dr. Heike Schmidt, Ärztin und Leiterin der Arbeitsgruppe „Lebensqualität“ an der Universitätsmedizin Halle, hat neue Versorgungsstrategien für die geriatrische Onkologie konzipiert und untersucht. In einer Studie (Patientenzentriertes Interdisziplinäres Behandlungs- und Versorgungskonzept für Onkologisch-geriatrische Patienten, PIVOG) wurden 100 ältere Tumorpatienten des Universitätsklinikums Halle vor Therapiebeginn einer umfangreichen Testung in Form eines geriatrischen Assessments unterzogen, um ihre Ressourcen und Einschränkungen in die Behandlungsplanung einzubeziehen. Nach Therapieende erhielten die Patienten ein Entlassungsgespräch und eine zusätzliche telefonische Beratung durch eine onkologische Fachpflegekraft. Weiterentwicklungen dieser Maßnahmen werden nun in Folgestudien untersucht und in die Versorgungsangebote der Universitätsmedizin Halle überführt.

Beim Deutschen Krebskongress 2020 in Berlin konnte das Team aus der Modellregion Sachsen-Anhalt seine Erfahrungen in der Sitzung „Optimale Beratung und Versorgung älterer Krebspatienten: Impulse aus Sachsen-Anhalt“ unter der Moderation von Prof. Dr. Dirk Vordermark, stellvertretender Vorsitzender des SAKG und Direktor der Universitätsklinik für Strahlentherapie in Halle, mit Fachleuten aus anderen Bundesländern diskutieren. Das Fazit der SAKG lautete: „Wir haben in Sachsen-Anhalt nicht nur Probleme, sondern auch innovative Lösungsvorschläge.“

Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. Dirk Vordermark
Sachsen-Anhaltische Krebsgesellschaft e. V.
Paracelsusstraße 23
06114 Halle (Saale)
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Foto: Simone Pareigis mit freundlicher Genehmigung