(* 7. Januar 1940  –  † 13. Juli 2020)

Prof. Dr. med. habil. Dieter LübbeEs gibt bemerkenswerte und prägende Menschen, ja Vorbilder, an die man sich gerne erinnert. Zu diesen gehört für damalige Kolleginnen und Kollegen, Krankenpflegerinnen und Pfleger sowie ehemalige Studenten Herr Prof. Dr. Dieter Lübbe, der am 13.07.2020 80-jährig in Halle verstarb.

Er wurde am 07.01.1940 in Dessau geboren. Nach dem Abitur 1958 in Dessau studierte er von 1959 bis 1965 in Leipzig Humanmedizin. Dort lernte er seine spätere Frau Ursula kennen. Eine Tochter und ein Sohn vollendeten das Eheglück. Seine Promotion schloss er 1968 in Leipzig ab. Während seine Frau als Kinderärztin und spätere Chefärztin in Bitterfeld-Wolfen tätig war, gelang Dieter Lübbe der Sprung an die hallesche Universität. Hier konnte er 1980 habilitieren. Unter den Studenten waren die Vorlesungen von Dieter Lübbe sehr beliebt. Er hielt mit seiner Meinung über die damaligen staatlichen Fehlentwicklungen nicht hinter dem Berg. Seine geistreich und humorvoll geäußerte Kritik war herzerfrischend. Er war der Star unter den Prinzen des Medizinerfaschings mehrerer Jahrgänge in Halle an der Saale. Seine messerscharfen Büttenreden waren legendär.

In Vorbereitung auf diese Zeilen habe ich kürzlich das Gespräch mit seiner Witwe gesucht. Dieses Gespräch ließ für uns beide alte Zeiten lebendig werden. Dieter Lübbe war weder in der FDJ noch in anderweitigen staatsnahen Organisationen. Er musste allerdings zusammen mit einem Militärarzt Musterungen bestreiten. Hierbei schien dieser Mediziner im Offiziersrang Gefallen an dem taffen jungen Kollegen gefunden zu haben, sodass er ihm anbot, doch in der Handelsmarine als Schiffsarzt tätig zu werden, da dort große Vakanzen bestanden. Seine damalige Verlobte sah ihr Schicksal als Seemannsbraut allerdings kritisch. Die Einstiegshürde für Reisen zu fernen Gestaden bestand in mehreren Fahrten in den hohen Norden mit der Fischereiflotte. Der konkrete Hochzeitstermin verschob sich dadurch mehrfach, zuletzt wegen der noch nicht erfüllten Heringsfangquote der DDR. Die Standesbeamtin äußerte bei der letzten Terminverschiebung auf den 30.12.1969 Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Ehewunsches des Seemanns.

Wieder auf festem Boden bewarb er sich, dem Rat eines renommierten ambulant tätigen Hautarztes folgend, bei Frau Prof. Waltraut Braun, der ersten Ordinaria für Dermatologie in Deutschland, an der halleschen Universität. Ihr wurde nachgesagt, dass sie besonders „große Kerls“ um sich haben wollte. Inwieweit seine körperliche Größe für die spätere Festanstellung nach dem Facharzt eine wesentliche Rolle gespielt haben mag, kann gerne offen bleiben. Dieter Lübbe wusste seine jeweiligen Vorgesetzten auf jeden Fall fachlich zu beeindrucken. Obwohl Dr. Lübbe mit seiner geradlinigen Art seinem späteren Chef Prof. Wozniak oftmals Schwierigkeiten bereitet haben mag, haben beide trotz initialer politischer Inkompatibilitäten auch nach der Wende stets Kontakt gehalten. Nach der Wiedervereinigung hat sich Herr Prof. Lübbe neben seiner Kliniktätigkeit und zeitweiligen kommissarischen Klinikleitung im Rahmen der Selbstverwaltung engagiert. Er hat unter anderem viele Jahre an Gleichwertigkeitsprüfungen ausländischer Ärztinnen und Ärzte als Vorsitzender des Gremiums mitgewirkt und als Vorstandsmitglied der Kammerversammlung die Geschäftsstelle Halle der Ärztekammer Sachsen-Anhalt geleitet. Seine Affinität zu Prüfungen hatte den Nebeneffekt, dass er die jährlichen Rentnerweihnachtsfeiern der Ärztekammer mit einem kurzweiligen Quiz zu bereichern wusste. Etwa neun Jahre vor seinem Tode fielen ihm selbst Ausfallserscheinungen auf, die ihn sehr missmutig stimmten. Eine Demenzerkrankung warf ihre Schatten voraus. Es ist eine besondere Tragik seines Schicksals, dass dieser Freigeist im Rahmen der strikten Isolationsmaßnahmen für drei Monate von seiner lieben Frau getrennt wurde. Herr Prof. Lübbe hat seine Frau auch in der letzten Lebensphase noch erkannt. Die Beerdigung erfolgte im engsten Familienkreis.

Bei meinem Besuch bei Frau Dr. Ursula Lübbe habe ich eine sehr große Anzahl von Briefen gesehen, in denen jeweils eine sehr persönliche Anteilnahme bekundet wurde. Ehemalige Prüflinge erinnerten sich. So schrieb eine heute gestandene Ärztin, dass sie immer noch lebhaft eine Prüfungssituation vor Augen hat, in der Prof. Lübbe geduldig und empathisch wartete, bis ihr das Wort Erysipel einfiel. Ähnliches berichtete beispielsweise eine russischstämmige Kandidatin einer Gleichwertigkeitsprüfung, deren inzwischen längs behobenen sprachlichen Probleme nicht zum Eklat führten.

Herr Prof. Dr. Dieter Lübbe war ein ehrlicher, humorvoller Mensch und brillanter Arzt. Er hatte Rückgrat und war ein Querdenker, der gerade heutzutage auch etwas zu sagen hätte. Der Mensch Dieter Lübbe suchte nicht den Streit, aber er vertrat seine Meinung und blieb standhaft. Er ist es wert, uns im Gedächtnis zu bleiben.

Dr. Thomas Langer

Foto: privat