Die Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie hat als operatives Fachgebiet Wurzeln in der Zahn- und Humanmedizin. Sie reicht mit ihren Teilgebieten wie der plastischen und kraniofazialen Chirurgie heute weit über die Anfänge einer Verknüpfung von operativem Vorgehen und zahnärztlicher Prothetik sowie Kieferorthopädie für Traumatologie, Spaltträgerbehandlung und Onkologie hinaus. Eine frei zugängliche Videoreihe auf der Homepage der DGMKG demonstriert diese Entwicklung. Professor Schubert war in Halle zu Zeiten der Wiedervereinigung ein herausragender Vertreter dieses Fachgebietes mit ostdeutschen Wurzeln.

Am 5. April 1946 im Erzgebirge geboren, trieb es ihn 1964 aus der Enge der DDR in die Weite der damals gerade teilgeöffneten Sowjetunion. An einem riesigen Institut in Wolgograd-Stalingrad studierte er chirurgisch und praxisbezogen Zahnmedizin, er reiste durch das unendlich große Land und blieb seinen Lehrern verbunden: Studenten- und Assistentenaustausche gehen auf ihn zurück. Das Institut verlieh ihm die Ehrendoktorwürde. 1969 wurde er an die Klinik für Kiefer-Gesichts-Chirurgie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg unter Professor Gerhard Grimm gelenkt.

Diese Zeit bildet die Fernsehserie „Charité“ realitätstreu ab. Hier absolvierte er nach einem humanmedizinischem Ergänzungsstudium seine Facharztausbildung. Früh betrieb er zukunftsträchtig Experimente zur medikamentösen Spaltprävention – außerhalb der Dienstzeit. Sie führten zu Promotion, Habilitation und deren Fortführungen zu hohem Ansehen. Es fand 1998 Niederschlag in Mitgliedschaft und Senatorschaft in der Leopoldina. Auseinandersetzungen mit der Onkologie begannen mit den Lippenrotkarzinomen. Sie mündeten in tumorbiologischer Grundlagenforschung in dem von ihm etablierten Labor (mit Taubert, Kappler, Eckert). Pubmed listet 75 teilweise hochwertige Arbeiten seit 1974. Das ist nur ein Bruchteil seines Gesamtwerkes zu zahnärztlicher Chirurgie, Traumatologie, plastischen Rekonstruktionen…... Nicht widergespiegelt sind Beiträge in Lehr- und Handbüchern, von Kongressen, in der Leopoldina oder Fortbildungen.

Beeindruckend, wie das wissenschaftliche Wirken, war seine klinische Tätigkeit. Nach Erkrankung unseres Lehrers, Gerhard Grimm, konnte er dank seines intelligenten Operierens die entstandene Lücke füllen. Grimm vertraute ihm die bis dahin exklusiv von ihm betriebene Spaltchirurgie an. Eingeführt hat er in Halle: Wellenschnitt nach Pfeiffer, Gaumenplastik nach Furlow, Le Fort I-Osteotomie, kraniofaziale Chirurgie, myokutane, später mikroskopisch angeschlossene Lappen, modifizierte Unterlippenrekonstruktion (Grimm-Johanson). Damit erfolgte eine Weiterentwicklung der in Halle von Erwin Reichenbach begründeten prothetisch und kieferorthopädisch basierten und durch Gerhard Grimm mit der plastischen Chirurgie verknüpften Kieferchirurgie. Das geschah mit heute unvorstellbaren Improvisationen, Mut und Geschick. Hospitationen bei Fries und Platz (Linz) und in Oxford (kraniofaziale Chirurgie) erweiterten das Therapiespektrum. Nach seiner Emeritierung vermittelte er Spaltchirurgie im indischen Hyderabad so, dass ein international anerkanntes Spaltzentrum entstand.

Bedeutsam waren Leistungen für die zahnmedizinische Studentenausbildung. Für verwaiste Lehrstühle fand er Neubesetzungen (Schaller, Setz, Fuhrman). Die MKG-Chirurgie zog in das Klinikum Kröllwitz unter Aufgabe von Inselautonomie und räumlicher Einheit zu anderen zahnmedizinischen Kernfächern. Hochschullehrer aus der Vorwendezeit (Schulz, Wagner, Spens, Schneider) entlasteten ihn. Ohne sie wäre es schwer gefallen, den Stand von Forschung, medizinischer Versorgung und Lehre an der Hallenser Zahnklinik zu erhalten und auszubauen.

Er musste sein medizinisches Wissen zu schweren Erkrankungen durch persönliches Erleben erweitern. Mit unterschiedlichen Strategien und dank der Hilfe seiner Familie konnte er das bislang bewältigen.

Glückwünsche werden erwartet von Lehrern (Müller, Klammt, Schulz), Habilitanden (Maurer, Eckert, Scheller), früheren Mitarbeitern (Kappler, Reich, Scheffler) und Co-Professoren der Zahnklinik (Schaller, Setz, Fuhrmann), Nachfolgern im Amt (Nkenke, Al Nawas, Otto) und von unzähligen ausgebildeten Zahnärzten und MKG-Chirurgen – und von mir, nach unserer 57-jährigen Bekanntschaft.

Mögen Erinnerungen an erfüllte Lebenszeiten Kraft für glückliche Tage geben!

Dr. med. habil. Lutz Tischendorf
Halle (Saale)