Aus eigenem Erleben: einige Überlegungen zur nicht-schulmäßigen Medizin

Mit Schrecken beobachtet ein alter Internist, mit welcher Vehemenz sogar Ärzte als medizinische Querdenker, Impfgegner und Corona-Verleugner in der Öffentlichkeit auftreten. Was da auf Markt- und anderen Plätzen geäußert wird, ist Paramedizin in Reinkultur. Das regt mich an, aus eigenem Erleben einige Anmerkungen zur nicht-schulmäßigen Medizin zu machen.

Nach dem Ende meiner akademischen Laufbahn an einer Universitätsklinik für Innere Medizin lernte ich eine andere Sparte der Medizin kennen – die Rehabilitationsmedizin. Diese wird oft unterschätzt, aber sie ist anspruchsvoller und vielschichtiger, als ich in meiner Zeit als Hochschulmediziner je geglaubt hatte. Denn der Rehabilitationsmediziner muss nicht nur sein Fach beherrschen, sondern auch Probleme der Psychologie, Physiotherapie, Ergotherapie und Sozialkunde bedenken, und sollte die Zusammenarbeit mit einem kompetenten „Reha-Team“ pflegen. Darüber hinaus hatte ich aber auch Kranke zu betreuen, die oftmals mehr als nachdrücklich wünschten, keinesfalls mit „giftigen chemischen“ Medikamenten, sondern nur mit natürlichen Heilmitteln behandelt zu werden. Damit waren meist pflanzliche Präparate, aber auch homöopathische oder orthomolekulare Präparationen, Organextrakte (Thymus, Milz), Enzympräparate mit angeblich antiphlogistischen, immunstimulierenden und antikanzerogenen Effekten oder Bach-Blüten (Homöopathie-ähnliche Aufbereitungen von 38 Blüten wildwachsender Kräuter nach Dr. Edward Bach) gemeint.

Andere suchten ihren „Kurerfolg“ in Eigenblutinjektionen, Giftausleitungen mit Schröpfglocken oder bioenergetischen Behandlungen. Sogar Anhänger der Spagyrik (alchemistische Arzneizubereitungen) gab es, die an die Aktivierung einer geheimnisvollen Lebenskraft glaubten. Nicht wenige Kranke waren ausgesprochen beratungsresistent, sie waren gläubige Anhänger der Alternativmedizin, die als „Sanfte Medizin“, „Komplementäre Medizin“, „Ganzheitliche Medizin“ verbrämt wird. Offensichtlich besteht also in bestimmten Patientenkreisen ein Bedürfnis an sanften Heilverfahren, das durch etablierte Naturheilverfahren wie Phyto-, Ernährungs- und Bewegungs-Therapie, Licht-, Luft- und Wasserkuren, Massagen, physikalische Therapieanwendungen, Teilen der Neuraltherapie oder Akupunktur befriedigt werden kann. In Bad Berka hörte ich diesen schönen Vers, den man Patienten vortrug: „Die besten Ärzte in der Welt, trotz Neider und Hasser, das sind im Bunde treu gesellt, Diät, Bewegung, Licht, Luft und Wasser“. Das ist der rationale Ansatz zur Stimulierung von „Selbstheilungskräften“ auf somatischer wie psychischer Ebene.

Damals wie heute ist es freilich bedenklich, wenn Anhänger der Alternativmedizin ihr Heil allein in dubiösen Heilverfahren oder gar in pseudoreligiösen oder magischen Heilmethoden suchen und dringlich indizierte Therapieverfahren nicht akzeptieren. Andererseits gibt es bedauernswerte Kranke, die ihre letzte Hoffnung auf die Anwendung zwielichtiger Heilungsversprechen setzen. Dazu eine wahre Kasuistik: Eine 40-jährige Patientin mit metastasiertem Mammakarzinom hatte von einem skrupellosen Schwindler einen „Erdstrahlensammler“ für mehr als 2000 DM gekauft. Dieses Gerät bestand aus einem etwa 30 cm langen, 3 cm dicken, vorn angespitzten Kupferstab, der auf einem Dreifuß befestigt war. Wenn man die Stabspitze an den Hinterkopf anlege, würden die konzentrierten Erdstrahlen alle Hirnmetastasen vernichten – so glaubte die bedauernswerte, „austherapierte“ Krebskranke, die empathisch-sachliche Aufklärungsgespräche mit ihren Ärzten und palliative Therapieangebote vermisste. Solche und ähnliche Erlebnisse skrupellosen Handels mit Todkranken machten nachdenklich und wütend. Richtig systematisch böse wird es indessen dann, wenn weltanschauliche Eiferer die naturwissenschaftliche Schulmedizin mit ihrem Evidenz-basierten Denkansatz bekämpfen, ja regelrecht verteufeln und damit Kranke irreleiten und sogar schädigen. Ich habe die Erfahrung machen müssen, dass solcherart fehlgeleitete Patientinnen und Patienten einer sachlichen ärztlichen Beratung und Aufklärung schwer zugänglich sind. Als überzeugter Schulmediziner kann man nur traurig darüber sein, dass nicht nur Heilpraktiker, sondern auch approbierte Ärzte Heilverfahren anwenden, die allenfalls zur gezielten Placebotherapie beispielsweise bei Befindlichkeitsstörungen tauglich sind. Und Krankenkassen verschwenden unnütz das Geld der Versicherten für unwirksame bis schädliche Methoden und müssen Folgekosten infolge verspäteter bzw. unterlassener Diagnostik tragen. Diese Finanzmittel ließen sich sinnvoller einsetzen. Es wäre an der Zeit, Kurpfuscherei aller Art zu verbieten, womit man vormals gute Erfahrungen gemacht hat. Krude Vorstellungen über die Medizin führen beispielsweise zu einer wachsenden Anzahl von Impfgegnern und es kommen wieder Infektionskrankheiten vor, die man für besiegt hielt. Somit schädigt die Paramedizin das Gemeinwesen, und das sollte nicht akzeptiert werden!

Man bedenke doch, dass die Alternativmedizin, einschließlich der in Mode gekommenen traditionellen chinesischen, indischen (Ayurveda) oder neuerdings tibetischen Medizin ein Rückfall in die antike und mittelalterliche Heilkunde ist. Das, was da propagiert wird, ist auch in der klassischen europäischen Medizin bekannt, aber ein wenig in Vergessenheit geraten. Die Konstitutionslehre der Inder, Chinesen und Tibetaner entspricht den Konstitutionstypen von Kretschmer (1920): Leptosom = Windtyp (lung, vata); athletisch = Gallentyp (tripa, pitta); pyknisch = Schleimtyp (peken, kapha). Eine Säftelehre kannten vor langer Zeit auch die alten Medizingötter der westlichen Kultur. Ebenso gehört die Erfassung der 4 Temperamente zur abendländischen Medizin: Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker, Melancholiker. Wenn man in der Naturheilkunde und in der Scharlatanerie der Paramedizin die Erfassung verschiedener Pulstypen mittels „3-Finger-Palpation“ als besondere Fähigkeiten propagiert, kann ein alter Medicus sich nur wundern und schaudernd abwenden. Wir haben schon im Studium die Unterscheidung von „pulsus magnus et parvus“, „pulsus durus et mollis“, „pulsus celer et altus“ bzw. tardus et parvus, „pulsus regularis et irregularis“ mit seinen Unterformen wie absolute vs. extrasystolische Arrhythmie gelernt und konnten so Hinweise auf bestimmte Herz-Kreislauferkrankungen gewinnen. Das ist also gar nichts Geheimnisvolles in der Hand von Wunderheilern, sondern diese ärztlichen Fähigkeiten werden zu Recht oder Unrecht nicht mehr so sehr geübt, weil eben sicherere, aussagefähigere, objektivierbare und messbare Methoden in der Krankheitserfassung zur Verfügung stehen.

Aber viele Patientinnen und Patienten, die ich als Anhänger paramedizinischer Heilmethoden erlebte, berichteten, dass sie bei ihren „richtigen“ Ärzten das ausführliche Gespräch, eine gründlichere körperliche Untersuchung und verständliche Erläuterungen zu ihrem Krankheitsbild vermissten. Das verdeutlicht, dass Kranke neben den Segnungen der naturwissenschaftlich-technisch orientierten Medizin immer noch großen Wert auf klassische, hergebrachte ärztliche Handlungen legen. Erinnern wir uns doch an den Informationsgehalt einer guten Anamnese: Erfassung von zur Diagnose führenden Krankheitserscheinungen (auch retrospektiv), Erkundung von Vorstellungen des Kranken über seine Krankheit, seine Wünsche und Befürchtungen und seine Reaktionen auf ärztliche Ausführungen. Darüber hinaus kommt der Anamnese eine therapeutische Funktion im Sinne der Katharsis zu, des sich Aussprechens. Auch die sachkundige, körperliche Krankenuntersuchung befördert das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und seinen Patienten. Und ein solches Vertrauensverhältnis kann kein Apparat erreichen oder ersetzen. Aber das kostet Zeit, und diese wird im Vergleich zu apparativen Leistungen in der Praxis ungenügend honoriert. In diesem Zusammenhang könnte man auf den Gedanken kommen, Ausgaben der Versicherungsträger für pseudomedizinische Leistungen, die einer Evidenz entbehren, für die „sprechende Medizin“ einzusetzen. Zu meiner Zeit galt, dass eine gründliche Anamnese und eine subtile körperliche Untersuchung in 70 % der Fälle zur richtigen Diagnose führen. Ob das heute noch so ist, kann allerdings ein Langzeit-Ruheständler nicht mehr beurteilen. Aber die Forderung an ein rationales diagnostisches Procedere auf der Basis klinischer Daten mit gezielter, indikationsgerechter Nutzung der Möglichkeiten der modernen Medizin ist wohl immer noch gültig. Damit sind keineswegs rationelle, mehr Ökonomie-gesteuerte gar rationierte ärztliche Handlungsweisen gemeint. Falsch verstandene bzw. angewiesene Sparsamkeit (Unterdiagnostik/Untertherapie) kann genauso medizinische Fehlleistungen verursachen, wie eine ungezielte, unnötige Maximaldiagnostik und -therapie. Dieserart „Polypragmosyne“ (gewohnheitsmäßige oder zwanghafte Vieltuerei) ist irrational, ineffektiv und unwirtschaftlich. Als Gründe werden beschrieben: Fachliche Inkompetenz, mangelhaftes konstruktives Denkvermögen, aber auch übertriebenes oder heute sogar notwendiges rechtliches Sicherheitsdenken.

Prof. Dr. Rüdiger Nilius
Halle (Saale)