Andre Nowak und Prof. Jan Schildmann mit Mitgliedern Klinischer Ethikkomitees aus Mitteldeutschland
Andre Nowak und Prof. Jan Schildmann mit Mitgliedern Klinischer Ethikkomitees aus Mitteldeutschland

Am 11.11.2021 fand am Universitätsklinikum in Halle (Saale) (UKH) der 3. Ethiktag in hybrider Form statt. Das von den Mitgliedern des Klinischen Ethikkomitees am UKH gewählte Thema „Klinische Ethik (nicht nur) in der Pandemie“ hatte für viele unerwartet eine besondere Aktualität, so dass sich in der Plenarveranstaltung mehr als 100 Teilnehmende zu drängenden ethischen Herausforderungen im klinischen Alltag, wie z. B. den Umgang mit ungeimpften Patient:innen und Mitarbeitenden während der Pandemie oder auch den Auswirkungen der Pandemie auf die Patient:innenversorgung und das Gesundheitspersonal austauschten.
Organisiert wurde die Veranstaltung in bewährter Weise durch das Klinische Ethikkomitee des UKH (Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Michael Bucher) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Direktor Prof. Dr. Jan Schildmann).

„Behandlung im Voraus planen“ und „assistierte Selbsttötung“. Workshop und Vernetzung Klinischer Ethikkomitees in Mitteldeutschland

Am Vormittag des Ethiktags fanden sich Studierende des Masterstudiengangs Medizin-Ethik-Recht sowie Pflegende verschiedener Einrichtungen in einem virtuellen Workshop zum Advance-Care-Planning (dt. Behandlung im Voraus planen) zusammen. Im Mittelpunkt standen Möglichkeiten der Umsetzung des seit 2016 im § 132g des SGB V aufgeführten Angebotes zur gesundheitlichen Versorgungsplanung. Gleichzeitig zur Veranstaltung, die in Kooperation mit der Halle School of Health Care organisiert wurde, fand unter erhöhten Hygieneauflagen im UKH ein Vernetzungstreffen von 20 Vertreter:innen Klinischer Ethikkomitees aus verschiedenen Einrichtungen in Mitteldeutschland statt. Neben gemeinsamen Überlegungen zum ethischen Beratungsangebot in den jeweiligen Einrichtungen wurde die Rolle der Klinischen Ethik bei Anfragen zum ärztlich assistierten Suizid diskutiert. Dieses Thema hat nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Verfassungswidrigkeit des Verbots der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung zwischenzeitlich viele Einrichtungen in der Praxis erreicht.

Außerklinische Ethikberatung und bedarfsspezifische ethische Unterstützungsangebote in Kliniken

In der Mittagsveranstaltung präsentierten drei Vertreter:innen aus dem Bereich der stationären Altenpflege, der ambulanten Hospizversorgung und der Klinik ihre spezifisch ethischen Beratungsangebote und diskutierten mit dem Auditorium jeweils einen konkreten Beratungsfall. Ergänzend zur Fallvorstellung gaben Kirsti Gräf, Leiterin des Trauerinstituts der Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg, Dr. Gisela Bockenheimer-Lucius, Gründungsmitglied der Akademie für Ethik in der Medizin und des Frankfurter Netzwerks Ethik in der Altenpflege sowie Andre Nowak, Geschäftsführer des Klinischen Ethikkomitees am UKH, Einblicke in ihre tägliche Arbeit. Den Teilnehmenden wurde so Einsicht in die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des ethischen Fallberatungsangebots in unterschiedlichen Settings gewährt.

Ethische Herausforderungen im Klinikalltag während der Pandemie

Den Abschluss des Tages bildete die Plenarveranstaltung zu ethischen Herausforderungen in der Pandemie unter Moderation von Dr. Lilit Flöther, Leiterin des Palliativteams am UKH, und Prof. Dr. Jan Schildmann, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin in Halle. Auf dem Podium waren neben zwei Vertretern aus der klinischen Praxis des UKH Florian Ulrich, Pflegerische Klinikleitung der Strahlentherapie und Prof. Dr. Karl-Stefan Delank, Direktor des Departments für Orthopädie, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, auch zwei profilierte Vertreter der Klinischen Ethik – Prof. Dr. Georg Marckmann, Präsident der Akademie für Ethik in der Medizin, aus München sowie Prof. Dr. Rouven Porz, Past President der European Association of Centres of Medical Ethics, aus Bern.

Prof. Dr. Karl-Stefan Delank und Florian Ulrich berichteten in Impulsvorträgen, aus ihren Perspektiven, über die besonderen Herausforderungen mit denen sie sich in der ärztlichen und pflegerischen Versorgung während der Covid-19-Pandemie konfrontiert sahen. Neben der teilweise erheblichen Reduktion elektiver Eingriffe und von Operationskapazitäten, um die dringend benötigten Intensivbetten nicht zu belegen, wurden in den Vorträgen auch die ethischen und psychoemotionalen Belastungen für alle an der Patient:innenversorgung Beteiligten deutlich. Prof. Dr. Georg Marckmann analysierte in diesem Zusammenhang die ethischen Herausforderungen sowie ethische Kriterien der Priorisierung von Patient:innen auf Intensivstationen und anderen Bereichen der Medizin. Prof. Dr. Rouven Porz fokussierte in seinem Beitrag auf seine Erfahrungen als Klinischer Ethikberater im Inselspital in Bern auf die moralischen und psychosozialen Belastungen, die beispielsweise im Kontext der Behandlung von ungeimpften Patient:innen auftreten und berichtete über Ansätze zur klinisch-ethischen Unterstützung. Den Darstellungen schlossen sich intensive Diskussionen mit dem Auditorium an. Nach den erneut positiven Erfahrungen mit dem Ethiktag steht der Termin für den 4. Ethiktag am UKH bereits fest, 22. September 2022, dann hoffentlich wieder als Präsenzveranstaltung.

Autor:innen: Marieke Bea & Andre Nowak

Kontakt:
Andre Nowak, M.mel.
Geschäftsführer Klinisches Ethikkomitee
Universitätsklinikum Halle (Saale)
Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg
Institut für Geschichte und Ethik
der Medizin
Profilzentrum Gesundheitswissenschaften
06112 Halle (Saale)
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Foto: Universitätsmedizin Halle