Die Präsenz-Referenten auf dem 17. Einsendertreffen des Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt am 10.11.2021.
Die Präsenz-Referenten auf dem 17. Einsendertreffen des Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt am 10.11.2021. v. l. n. r.: PD Dr. A. Rißmann (Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt), PD Dr. S. Turial (Kinderchirurgie Universitätsmedizin Magdeburg), Dr. U. Schulze (Geburtshilfe Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben, Wernigerode), Dr. H. Krause (Kinderchirurgie Universitätsmedizin Magdeburg), Prof. Dr. U. Möhrlen (Kinderchirurgie Universitäts-Kinderspital Zürich); Foto: E. Lindner

Auch im zweiten Jahr der Corona-Pandemie gab es zum 17. Einsendertreffen des Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt am 10.11.2021 eine Premiere – das „Hybridformat“. Die Kombination aus Präsenzveranstaltung im Hörsaal (41 Teilnehmer) und der Option einer Online-Teilnahme (41 Teilnehmer verfolgten es am Bildschirm), erweiterte den Rahmen für den fachübergreifenden Austausch.

Am Beginn stand ein Grußwort aus dem Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt, übermittelt durch Herrn Matthias Schiener. Der wissenschaftliche Einstieg der Vortragsreihe erfolgte durch Herrn Prof. Dr. med. Ueli Möhrlen (Zentrum für Fetale Diagnostik und Therapie, Universitäts-Kinderspital Zürich) zur Fetalchirurgie bei Spina bifida.

Zunächst beschrieb Prof. Dr. med. Möhrlen das enge Zeitfenster der pathophysiologischen Entstehung der Spina bifida. Insbesondere ging er auf die Form der Myelomeningocele, die durch eine knöcherne Wirbelbogenschlussstörung und einer Vorwölbung des Rückenmarks und der Meningen nach außen gekennzeichnet ist, ein. Bei der Entscheidung zur Durchführung einer fetalchirurgischen Intervention von Spina bifida sind die Einschluss- und Ausschlusskriterien mit den wachsenden fetalchirurgischen Erfahrungen angepasst worden. Der interdisziplinäre Eingriff findet aber weiterhin nur bei Einlingsschwangerschaften mit einer Myelomeningocele zwischen Th1 und S1, einem Gestationsalter zwischen 19/0 und 25/6 Wochen und einem Mindestalter der Mutter von 18 Jahren statt. Im weiteren Verlauf seines Vortrags beleuchtete der Referent den Ablauf einer intrauterinen Operation und die damit verbundenen Herausforderungen.
Besonders eindrucksvoll veranschaulichte er die Ergebnisse der offenen fetalen Chirurgie hinsichtlich des Auftretens eines Hydrocephalus, der nur bei 32 % (n=18) der Kinder auftrat. 84 % (n=48) der Kinder konnten mit drei Jahren frei laufen. Von den untersuchten 57 Kindern brauchten 10 keine Orthesen.

Fortbildung im Hybrid-Forma
Fortbildung im Hybrid-Format: Online zugeschaltet wurden, wie hier in der Ansicht für die Teilnehmer Referent Prof. Dr. U. Pecks (Geburtshilfe Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Kiel) und Herr M. Schiener (Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt); Foto: G. Mezli, Universitätsmedizin Magdeburg

Aus Kiel zugeschaltet wurde Herr Prof. Dr. med. Ulrich Pecks (Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel) der zu aktuellen Ergebnissen (derzeitig 158 teilnehmende Kliniken) aus der multizentrischen Covid-19 Related Obstetric and Neonatal Outcome Study in Germany (CRONOS) berichtete. Die Studie dient als Grundlage für die Beratung SARS-CoV-2 infizierter Schwangerer zum Outcome, sie eignet sich besonders, da sie auf in Deutschland erhobenen Daten beruht, und durch regelmäßige Updates auf die Dynamik der Entwicklung eingeht. Der Referent zeigte, dass Schwangere häufiger von schweren Infektionsverläufen betroffen sind, da sie eine höhere kardiovaskuläre Belastung, eine veränderte Immunadaption und funktionelle Residualkapazität haben. Durch die Eigenschaft der SARS-CoV-2 Viren, die neben der Besiedlung der oberen und tiefen Atemwege, auch das Gefäßsystem anzugreifen, kann es bei Beteiligung der Plazenta zu einer Präeklampsie kommen. Die Mehrzahl der SARS-CoV-2 Infektionen wurde im 3. Trimenon festgestellt, da die wer-denden Mütter im Bereich des errechneten Termins häufiger Kliniken aufsuchen und dadurch öfter getestet wurden. Dabei habe die Anzahl registrierter Fälle von Welle zu Welle zugenommen, so Pecks. Zum Schluss wurde aus gegebenem Anlass noch einmal das Risiko-Nutzen-Verhältnis einer Impfung gegen das SARS-Cov-2 Virus näher beleuchtet. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass die bisher in Deutschland zugelassenen Impfstoffe nicht plazentagängig sind. Die Impfung biete aber den Vorteil einer Weitergabe der durch die Immunantwort generierten Antikörper an das Kind, welches dann bei Geburt schon eine „Leihimmunität“ aufweisen kann. Daher spricht sich auch die Ständige Impfkommission (STIKO) für eine Impfung bei Schwangeren aus.

Welche diskrepanten Möglichkeiten es für die chirurgische Therapie von gas-trointestinalen Fehlbildungen im glo-balen Vergleich gibt, wurde von Herrn OA Dr. med. Hardy Krause und Herrn PD Dr. med. Salmai Turial (Abteilung für Kinderchirurgie, Kindertraumatologie und Kinderurologie, Universitätsklinikum Magdeburg) erläutert.
Zunächst stellte Dr. med. H. Krause die Mortalität im Zusammenhang mit ausgewählten gastrointestinalen Diagnosen in verschiedenen Ländern gestaffelt nach Jahreseinkommen pro Kopf dar [1]. Exemplarisch wurde die Mortalität bei Gastrochisis (in einkommensschwachen Ländern 90 %, einkommensstarke Länder 1 % Mortalität) und der Ösophagusatresie (in einkommensschwachen Ländern 85 %, einkommensstarke Länder 7 % Mortalität) gegenübergestellt. OA Dr. med. Krause ging im Detail auf die Operationsmöglichkeiten einer Gastrochisis im interdisziplinären Team in Abstimmung mit Geburtshelfern und Neonatologen ein. Im Vergleich war dabei die Mortalität beginnend 1960 im Patientengut der damaligen Medizinischen Akademie Magdeburg auch ähnlich derer aus den einkommensschwachen Ländern.

Im Anschluss stellte PD Dr. med. Salmai Turial die Kinderchirurgie in einkommensschwachen Ländern anhand des Beispiels von Usbekistan dar. Durch zahlreiche Beispiele, konnte sich das Auditorium ein anschauliches Bild der Gesundheitsversorgung in Usbekistan machen. So finden bei knappen Ressourcen Softgetränkeflaschen Ver-wendung als Wunddrainage-Behälter und die manuelle Beutel-Beatmung durch den Anästhesisten unter der Operation. Am Ende stellte der erfahrene Kinderchirurg die ressourcensparende „Nabelschnurtechnik“ für die operative Versorgung einer Gastrochisis vor. Durch die Abdeckung der Darmschlingen mit der Nabelschnur entstehe, was einer Nabelhernie ähnele. Diese „keimarme Umhüllung“ kann als körpereigene „Silo-Variante“ zur Reponierung der Darmschlingen bei Gastrochisis genutzt werden. Eine kostengünstige Alternative, die vor allem eine Therapiemöglichkeit in ressourcenschwachen Ländern ermöglicht, so der Kinderchirurg. Am Ende der Veranstaltung klärte Frau OÄ Dr. med. Uta Schulze (Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben Wernigrode) über Sonderfälle bei Trisomien in der Routine der Pränataldiagnostik im Zeitalter der Nicht-invasiven Pränataltestung (NIPT) auf. Zu Beginn konnte die Referentin die deutliche Zunahme der Nutzung einer NIPT im eigenen Patientengut seit deutschlandweiter Zulassung 2012 zeigen. Frau OÄ Dr. med. Schulze betonte, dass die Häufung von Trisomien durch die zunehmende Anwendung von NIPT nicht zu erklären ist. In der anschließenden Fallvorstellung wurden die Ergebnisse der unterschiedlichen Pränataldiagnostik und die Herausforderung der Aufklärung der betreffenden werdenden Eltern/Mütter in den einzelnen Schwangerschaften in Bezug auf ihre Aussagekraft vorgestellt.

Gizem Mezli

Korrespondenzadresse:
PD Dr. med. A. Rißmann
Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt
Medizinische Fakultät der
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Leipziger Straße 44, Haus 39
39120 Magdeburg
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

1 Wright NJ et al. Mortality from gastrointestinal congenital anomalies at 264 hospitals in 74 low-income, middle-income, and high-income countries: a multicentre, international, prospective cohort study. The Lancet 2021; 398(10297): 325-339. DOI: 10.1016/S0140-6736(21)00767-4