„Bindung und Lösung im Kontext psychischer Erkrankungen“

Am 22. und 23. Februar 2013 fanden die 11. Hallenser Gespräche statt, die sich der Thematik „Bindung und Lösung im Kontext psychischer Erkrankungen“ widmeten.
Veranstalter waren die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara sowie die Katholische Akademie des Bistums Magdeburg.

Der Kaufmännische Direktor des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara, Herr Dr. Manfred Brümmer, stellte in seiner Begrüßungsrede dar, welch große Relevanz Bindungs- und Lösungsprozesse für die Beziehungsgestaltung zwischen Patienten, Angehörigen und Behandlern haben. Dies betreffe im hiesigen Krankenhaus Patienten in sehr unterschiedlichen Lebensphasen, beginnend bei Schwangeren und Säuglingen bis hin zu Patienten, welche auf der Palliativstation behandelt werden. Darüberhinaus lenkte er den Blick auch auf die Frage der Bedeutung von Bindungs- und Lösungsprozessen in einer globalisierten Welt. Frau CÄ Dr. Claudia Bahn erläuterte in ihren einleitenden Gedanken, dass die gesunde körperliche, seelische und geistige Entwicklung entscheidend von der Befriedigung der divergenten und einander bedingenden Bestrebungen nach Bindung und Lösung abhängt. Im Hinblick auf die nachfolgenden Vorträge stellte sie in kurzer Form neurobiologische, psychoanalytische, prä- und perinatale, philosophische und theologische Aspekte der Thematik dar. Frühe Bindungserfahrungen würden maßgeblich die spätere Gesundheit, die Stressresistenz sowie die Beziehungsfähigkeit beeinflussen.
Es folgte die musikalische Einstimmung auf die Thematik durch Frau Juliane Tautz-Bernhard am Flügel und Frau Susanne Jänke am Cello, welche aus der Sonate für Cello und Klavier von Frederic Chopin den 3. Satz sowie von David Popper die Gavotte opus 23 zu Gehör brachten. Den Eröffnungsvortrag mit dem Titel „ Frühe (Ver)Bindungen – neurobiologische Erkenntnisse“ hielt Frau Professor Dr. Anna Katharina Braun, Lehrstuhlinhaberin am Institut für Zoologie/Entwicklungsbiologie der Otto-von-Guericke- Universität Magdeburg. Anhand neuester wissenschaftlicher Daten illustrierte die Referentin eindrucksvoll das Ausbilden einer „emotionalen Grammatik“ beim heranwachsenden Kind, welche lebenslang bestehen bleibe. Diese Grammatik entstehe aus neuronalen Netzwerken, die sich aufgrund von Lern- und Erfahrungsprozessen herausbilden. Frau Professor Braun zeigte sehr anschaulich, dass emotionale Erfahrungen über hormonelle und epigenetische Prozesse Netzwerke organisieren und optimieren. Psychische Erkrankungen seien demzufolge durch Anpassung der Psyche an ungünstige oder fehlende Umweltstimulation erklärbar. Funktionelle Narben, die lebenslang eine Vulnerabilität des Gehirns verursachen, resultierten aus dieser Fehlanpassung. Anhand von Tiermodellen mit Nagern, beispielsweise dem Degu, untersucht das Forschungsteam um Frau Prof. Braun Auswirkungen von Trennungsstress und Einflüsse der väterlichen Fürsorge auf die Jungtiere. Das Team konnte nachweisen, dass vaterlos aufgewachsene Tiere eine überaktive Amygdala entwickeln. Zudem wurde den Zuhörern berichtet, dass Trennungsstress bei Tieren die funktionelle Hirnreifung verzögere und eine Hyperreagibilität durch übermäßigen Synapsenaufbau auslöse.

Nachfolgend stellte Herr Dr. Ludwig Janus, Psychoanalytischer Psychotherapeut, in seinem Vortrag die Bedeutung der mütterlichen Feinfühligkeit zur Schaffung eines Beziehungsraumes dar, in dem Lernen und Fühlen erst möglich werde. Aus Sicht der Psychoanalyse erweiterte er den Blick auf die „Lebensgeschichtliche Bedeutung von Schwangerschaft und Geburt“. Der Mensch beziehe sich in seinem Leben immer wieder auf die vorgeburtliche und die nachgeburtliche Welt. Zeitlebens bestehe der Bezug zu diesen beiden Welten. Beispielhaft illustrierte er anhand der Schöpfungsgeschichte das Paradies als Symbol für die vorgeburtliche Welt mit dem nährenden Baum, welcher die Plazenta symbolisieren könne. Viele Mythen setzten sich mit dem Verlust der frühen Verbindung zum Uterus auseinander. Immer wieder kehren in diesen Geschichten die Figuren zu ihrem Ursprung zurück, der oft als Baum oder Brunnen symbolisiert werde. Im weiteren Verlauf seines Vortrages stellte Herr Dr. Janus die Entwicklungsspanne der Menschheit von der Ur- bis zur Jetztzeit dar. Er attestierte der postmodernen Gesellschaft eine zunehmende Anerkennung der Bedeutung der vorgeburtlichen Zeit. Zudem forderte er Unterstützung für bindungsschwache Eltern durch Programme, die mit Hilfe der Bindungsanalyse zu einer besseren Einfühlung in das Ungeborene verhelfen können. Leider war es Frau Professor Dr. Susanne Metzner, Lehrstuhlinhaberin an der Hochschule für Musiktherapie Magdeburg – Stendal krankheitsbedingt nicht möglich, ihren Vortrag „Versuch über den Abgrund. Zur Musiktherapie bei schizophrenen Psychosen“ zu präsentieren. Dies übernahm freundlicherweise ihre Absolventin Frau Kaptain. Anhand der Kasuistik eines therapeutischen Prozesses wurden dem Auditorium die Schwierigkeiten im Kontakt mit einer schizophrenen Patientin erfahrbar näher gebracht. Die früheren Bedenken hinsichtlich einer möglichen malignen Regression schizophrener Patienten im musiktherapeutischen Prozess konnten durch empirische Forschungen ausgeräumt werden. Die Musiktherapie fokussiere sich auf Entwicklungsorientierung und Intersubjektivität und nutze dabei den Rekurs auf psychoanalytische Erkenntnisse. In der vorgestellten Kasuistik bildete das Klavier das Vehikel der intersubjektiven Kontaktaufnahme. Anschaulich konnte man als Zuhörer den Therapieprozess nachvollziehen und die beklemmende Atmosphäre der mittleren Therapiestunden nachspüren, die sich am Ende der Kasuistik als Integration von Gemeinsamkeit und Verschiedenheit durch Transformation der Musik darstellte. Letztendlich schien das Wahrnehmen des „trennenden Abgrundes“ zwischen Patientin und Therapeutin eine gemeinsame Realität des Verstehens zu unterstützen.

Nach den einstimmenden Begrüßungsworten von Herrn Dr. Reinhard Grütz, dem Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Magdeburg, welcher auf die Bindungs- und Lösungsthematik in der von Thomas Mann verarbeiteten Josephsgeschichte verwies, begann der zweite Tag der 11. Hallenser Gespräche mit dem Vortrag von Herrn Professor Dr. Bernhard Strauß, Direktor des Institutes für Psychosoziale Medizin und Psyhotherapie der Universität Jena, über „Bindungserfahrungen als Schutz- und Risikofaktoren“. Er betrachtete die Wechselwirkung zwischen genetischen Faktoren und Umwelteinflüssen, z. B. Bindungserfahrungen, auf die Hirnreifung. Der postnatal zunehmende Einfluss der Umweltfaktoren stellt dabei einerseits eine optimale Anpassungsmöglichkeit der „Schaltkreise“ im Gehirn, andererseits auch ein Risiko für die Störanfälligkeit durch fehlende oder ungünstige Umweltstimuli dar. Anhand von Studienergebnissen verdeutlichte Herr Prof. Strauß den Einfluss dieser frühen Kindheitserfahrungen auf die Lebenserwartung. Schwierige Bindungserfahrungen, soziale Probleme, emotionale und kognitive Beeinträchtigung erhöhen danach das Risiko, vor dem 65. Lebensjahr zu versterben, auf das 2,5-fache. Die unterschiedliche Vulnerabilität der Entwicklungsphasen wurde ebenso hervorgehoben wie die Komplexität der Ursachen für die Entstehung einer Entwicklungspathologie. Dabei sei die Beziehung zwischen Risiken und der tatsächlichen Entwicklungspathologie nicht linear. Ein entscheidender protektiver Faktor sei die Entwicklung eines sicheren Bindungsstiles im ersten Lebensjahr. Herr Professor Strauß spannte den historischen Bogen der Bindungsforschung von den Ursprüngen mit John Bowlby und seiner „Attachement theory“ über erfolgte empirische Zugänge zu Bindungsthemen durch Mary Ainsworth bis hin zu den aktuellen Weiterentwicklungen der „theory of mind“, die von Peter Fonagy erforscht wird. Anschließend stellte Herr Professor. Dr. Eberhard Tiefensee, Lehrstuhlinhaber für Philosophie der Universität Erfurt, dem Auditorium eine philosophische Annäherung an das Thema „Freiheit“ zur Verfügung. Er ging bei seinen Darlegungen von dem bekannten Libet-Experiment aus, durch welches schon mehrere Zehntelsekunden vor einem Entschluss ein entsprechendes Aktivierungspotential im Gehirn nachgewiesen werden konnte. Daran anknüpfend stellte er etwas provokant die Frage in den Raum, ob „wir Menschen nicht das tun, was wir wollen, sondern ob wir das wollen, was wir tun“. Er beleuchtete die Erfahrungen von Freiheit auf verschiedenen Ebenen inklusive der naturwissenschaftlichen Haltung, die die Welt aus der Position des Beobachters betrachte. Gerade die Integration der teilnehmenden Perspektive erweitere die eigene Haltung um das Moment der Freiheit. Herr Prof. Tiefensee zeigte anschaulich, dass Freiheit sich nicht nur aus dem Verhältnis zu einem Objekt, sondern gerade erst durch das Verhältnis zu sich selbst bestimmen lasse. Damit werde auch die Bedeutung psychischer Repräsentanzen, u. a. auch der Bindungserfahrungen für unser Handeln deutlich. Eine einmal in diesem Sinne getroffene freie Entscheidung erlange erneut eine Repräsentanz im Gehirn und erhalte damit gleichsam für jede weitere freiheitliche Entscheidung Bedeutung.

Herr Prof. Dr. Klaus Baumann, Dekan der Theologischen Fakultät der Albert-Ludwig-Universität Freiburg, widmete sich in seinem Vortrag „Christliche Lebensdynamik zwischen Bindung und Freiheit: Angewiesen- und Verlassenheit“ unter psychotherapeutischem und theologischem Aspekt dem Bedürfnis nach Bindung vom Beginn bis zum Ende des Lebens. Neben den kindlichen Bindungserfahrungen betrachtete er auch den Umgang mit Bindungswünschen im Alter. Gleichzeitig verwies er auf die Schwierigkeiten der Akzeptanz dieses Bindungsbedürfnisses, nach einem aktiven Leben nun auf Hilfe und Pflege angewiesen zu sein. Der Verlust vieler Bezugspersonen im Alter und ein damit an Bindungen verarmtes Leben stelle eine gesellschaftliche Herausforderung dar. Eindrücklich schilderte er die fatalen Folgen der Ausblendung des Bindungsaspektes in dieser Lebensphase, gipfelnd im „Tod auf Abruf“. In der sich anschließenden lebhaften Podiumsdiskussion, welche durch Herrn Dr. Johannes Piskorz geleitet wurde, wendete sich das gemeinsame Interesse den gesellschaftspolitischen Aspekten von Bindungserfahrungen zu. So wurde über Nutzen oder Schaden des Betreuungsgeldes unter Bindungsaspekten ebenso diskutiert, wie über die Berufstätigkeit von Eltern, insbesondere Müttern. Am Beispiel der Kinderbetreuung wurde der Bogen von biologischen Aspekten der Bindung, pränatalen Bindungserfahrungen, der philosophischen Betrachtung der Freiheit in der Entscheidung bis hin zu gesellschaftspolitischen Aspekten gespannt.

Sowohl nach den Vorträgen als auch im Rahmen der abschließenden Podiumsdiskussion nutzten viele der ca. 160 Gäste die Möglichkeit, Fragen zu stellen und Kommentare abzugeben. Besonders geschätzt wurde offenbar die zusätzliche Möglichkeit des Gedankenaustauschs in kleineren Gruppen beim abendlichen Buffet.

Thomas Beyer, Kathrin Moritz, Dr. med. Claudia Bahn
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara Halle/S.