Recht aktuell

In der ärztlichen Tätigkeit kann es durchaus vorkommen, dass Ärzte die Behandlung des vor- oder mitbehandelnden Kollegen nicht nachvollziehen können; sie sogar als falsch betrachten. Fachliche Mängel oder gar Defizite werden offenkundig. Doch wie reagiert man richtig? Mit dieser Frage, mit der die Kammer in Ihrer Beratungstätigkeit immer wieder konfrontiert wird, möchten wir uns an dieser Stelle auseinandersetzen.

Voranstellend ist darauf hinzuweisen, dass in § 630c Abs. 2 Satz 2 Bürgerliches Gesetzbuch die zivilrechtliche Pflicht geregelt ist, eine medizinische Einschätzung auch über die Behandlung eines anderen Arztes dem Patienten – beschränkt auf dessen Nachfrage oder zur Beseitigung gesundheitlicher Gefahren – mitzuteilen. Doch wird damit nicht geklärt, wie man sich als Kollege verhält, wenn unabhängig einer zivilrechtlichen Auseinandersetzung grobe Kenntnislücken in den Fertigkeiten eines anderen ärztlichen Kollegen offenkundig werden.

§ 2 Abs. 2 Berufsordnung (BO) normiert, dass jeder Arzt seinen Beruf gewissenhaft auszuüben und dem ihm bei seiner Berufsausübung entgegengebrachten Vertrauen zu entsprechen hat. Zudem ist der Arzt gemäß § 4 BO zur regelmäßigen Fortbildung verpflichtet. Grobe Versäumnisse während der ärztlichen Tätigkeit lassen darauf schließen, dass diese Berufspflichten nicht erfüllt sein könnten. Nun regelt die Berufsordnung in § 29 aber auch die kollegiale Zusammenarbeit zwischen Ärzten. Danach haben sich Ärzte untereinander kollegial zu verhalten. In Gegenwart von Patienten oder anderen Personen sind Beanstandungen der ärztlichen Tätigkeit zu unterlassen (§ 29 Abs. 4 BO). Weitere Details können in den Veröffentlichungen zu § 29 BO in den Ausgaben 12/2012 und 1-2/2013 des Ärzteblattes Sachsen-Anhalt nachgelesen werden. Schnell geht damit die Verunsicherung der Ärzte einher, man verhalte sich unkollegial, teilt man seine Auffassung über eine fehlerhafte ärztliche Tätigkeit einem anderen mit. Dies ist klar zu verneinen. Es ist nicht unkollegial, Mängel in der ärztlichen Tätigkeit offenzulegen. So lange es sich um sachliche Kritik handelt, ist und war dies nie Gegenstand eines unkollegialen berufsrechtswidrigen Gebarens.

Dagegen sind unsachliche Kritik und herabsetzende Äußerungen nicht erlaubt. Gute Beispiele hierfür sind Äußerungen, wie „Das passiert nicht mal einem Anfänger!“ oder „Wie hat der Arzt seine Approbation nur bekommen!“

Stellt ein Arzt fest, dass sein Kollege grobe Wissenslücken aufweist bzw. unverständliche ärztliche Entscheidungen getroffen hat, sollte zunächst das Gespräch zur Klärung der Thematik mit dem betroffenen Arzt selbst gesucht werden. Wichtig ist hierbei stets eine sachliche Auseinandersetzung. Heißblütige Diskussionen sind zumeist wenig hilfreich. Soweit ein direktes Gespräch mit dem Kollegen weder möglich noch zielführend ist, kann die Ärztekammer mit der Bitte um Prüfung eingeschaltet werden. Ihr obliegt die Überwachung der Berufspflichten ihrer kammerangehörigen Ärzte. Wichtig für ein Tätigwerden ist aber immer ein verwertbarer, konkreter Sachverhalt, mit dem der Arzt konfrontiert werden kann.
Handelt es sich um einen angestellten Arzt, besteht die Möglichkeit, den Arbeitgeber oder ärztlichen Vorgesetzten zur Klärung der Vorwürfe zu informieren. Auch hier sollte der Sach-verhalt konkret und sachlich wiedergegeben werden, um es dem Arbeitgeber zu ermöglichen, die Vorwürfe zu prüfen.

In jedem Fall ist ein aktives Anpacken des Problems dem Wegschauen vorzuziehen. Das Aktivwerden eines Arztes ist kein „Verpetzen“, vielmehr dient das Offenlegen von Defiziten der Ärzteschaft insgesamt, um zukünftigen Fehlern vorzubeugen und Patienten zu schützen.

Haben Sie Fragen zu dem Thema und Beratungsbedarf, können Sie sich jederzeit an die Kammer, Rechtsabteilung (Telefon 0391 / 6054-7400 oder Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) wenden.

Ass. jur. Annett Montes de Oca