Die „Kinderstube“ der Angiologie in Deutschland (Teil 2)


Max Ratschow – „biografische Brüche“ und wissenschaftliche Leistung

Max Ratschow
Abb. 1: Max Ratschow, 1947
(Foto: UAHW, Rep. 401, R 56)

Ratschows Angaben zu seiner politischen Einstellung waren zwielichtig. Im Lebenslauf von 1938 gibt er eine Mitgliedschaft im Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbund seit 21.11.1921 und Mitgliedschaft der NSDAP seit 1933 (Nr. 2877843) sowie Mitgliedschaft am Hanseatischen Erbgericht an. Im Personalfragebogen vom 15.3.1947 wird die NSDAP-Mitgliedschaft 1933 nur als kooperativ und angeblich 1936 abgelehnt angegeben. Ferner gibt er an gleicher Stelle nur eine Mitgliedschaft im Ärztebund (1936-1938) und in der Reichsdozentenschaft (1938-1945) an. Auch wird der Aufenthalt am Institut für Erb- und Rassenlehre Berlin (Direktor Prof. von Verschuer) 1933 nicht mehr angeführt.

Ratschow war 1947 in einer möglicherweise bedrohlichen Situation, weil der „Berliner Telegraf“ im Mai 1947 ihn beschuldigt hatte, 1923 an einer Reichsexekution gegen Sachsen beteiligt gewesen zu sein. Auch wird in dem Artikel der Aufenthalt bei v. Verschuer angesprochen. In einer Erklärung vom 11.5.1947 kann Ratschow glaubhaft versichern, dass die ersten Anschuldigungen ungerechtfertigt sind und dass er sich im Februar 1933 für drei Wochen bei v. Verschuer nur zum Erlernen der Methoden zur Zwillingsforschung aufgehalten habe. Die Stellungnahme endet mit der Versicherung: „Meine unnachgiebige ablehnende und gegnerische Haltung gegen den Nationalsozialismus werden aus früheren Jahren jederzeit bestätigen …“ (es folgen drei Namen).

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Dietmar Posse: Kommt ein Arzt zum Menschen ...

Dietmar Posse Kommt ein Arzt zum Menschen ... Geschichten aus MitteldeutschlandGeschichten aus Mitteldeutschland

Drei Kastanien Verlag Lutherstadt Wittenberg 2018, ISBN 978-3-942005-22-7,
Broschur 19 cm x 12 cm, illustriert von Hella Kapischke, 109 Seiten, 8,90 €

Es ist nicht das Buch mit sogenannten Arztwitzen, wie man beim ersten Hinsehen vermuten könnte. Es lebt vielmehr von Begebenheiten aus dem ärztlichen Alltag mit einer kleinen Sammlung sehr persönlicher Erlebnisse, zusammengetragen aus den Mühen der Ebene, wie es Brecht wahrnehmen würde.

Der Autor Dietmar Posse ist Doktor in einer kleinen Landstadt in Anhalt, also mitten im sog. Mitteldeutschland. Von Geburt an und auch mit seinen fünfunddreißig Jahren bodenständiger Landarzttätigkeit gehört er zur Region. Seine Vita verrät den beruflichen Werdegang eines Ostbürgers in den Grenzen der gesellschaftlichen und persönlichen Spielart. Man entnimmt das beiläufig den hier vorgelegten siebzehn Geschichten, deren wahren Kern der Autor eingangs beschwört. Er ist darin jeweils eine der handelnden Zentralfiguren.

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Eine ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmschen Wörterbuch

Eine ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmschen WörterbuchHerausgeber: Peter Graf

Grafisch in Szene gesetzt von 2xGoldstein+Fronczek, VERLAG DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS Berlin 2018, ISBN 978-3-946990-11-6, gebunden im Octav-Format, künstlerisch illustriert, 352 Seiten, 25 €

Warum sollte man ein Wörterbuch nicht nur nutzen sondern wie gute Literatur lesen? Und dann noch eines mit Begriffen, die auf den ersten Blick doch recht alt aussehen, in Form und Inhalt! Liebhaber der deutschen Sprache werden solches tun, da es ein faszinierendes Buch ist.

Der Autor bzw. Herausgeber, Sammler und Rosinenpicker, Verleger Peter Graf, ein Name in seiner Zunft, hat sich ein nachvollziehbares Vergnügen bereitet. Aus dem immensen Fundus der 320.000 Stichwörter in 34 Bänden des Deutschen Wörterbuchs (DWB), das 1838 von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm begonnen und von den folgenden Generationen bis 2012 weitergeführt wurde, hat er mehr als zweitausend Begriffe herausgeklaubt, die er als seine persönliche Blütenlese verstanden wissen möchte. Ob das alles Wortschönheiten sind, mag die Leserschaft nach ihrem Geschmack empfinden. Der Beachtung wert sind sie allemal.

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Die „Kinderstube“ der Angiologie in Deutschland (Teil 1)


Max Ratschow – Biografie

Max Ratschow
Abb. 1: Max Ratschow, 1947
(Foto: UAHW, Rep. 401, R 56)

Die Angiologie als Spezialgebiet der Medizin hat Geburtshelfer im deutschen und europäischen Raum (Hecker 1841, Skegg 1851, Charcot 1856, Friedländer 1876, Felix v. Winiwarter 1879, Raynaud 1862 u. 1864, Leo Burger 1924, Thomas Lewis 1927 u. a.). Die Universität Halle ist aber – wenn auch nicht die Wiege hier stand – die „Kinderstube“ der frühen Jahre und in dieser „tummelte“ sich damals bereits Max Ratschow (Abb. 1).

Max Paul Gustav Ratschow wurde am 7.8.1904 in Rostock geboren. Nach der Reifeprüfung trat er zunächst eine Staatsforstverwaltungslaufbahn an, legte die Revierjägerprüfung und das theoretische Forstverwaltungsexamen ab und wurde dann durch gemeinsame Wanderungen mit Geheimrat August Bier in dessen Wald (Sauen bei Beeskow) für den Kreislauf der Natur und damit für die Medizin sensibilisiert. Es folgten ein Studium der Humanmedizin ab 1924 in Freiburg/Br., Wien, München, Rostock (Physikum 1927) und die ärztliche Staatsprüfung im Dezember 1929 an der Universität Breslau. Die Assistentenzeit verbrachte Max Ratschow 1929 bis 1932 an der Universitäts-Hautklinik Breslau (Prof. Jadassohn), Chirurgischen Klinik (Prof. Schmieden) und Medizinischen Klinik (Prof. Volhard) Frankfurt a. Main. Vom 1.5.1932 bis 31.3.1938 war Ratschow Oberarzt der Inneren Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses Hamburg-Altona (Prof. Kroetz).

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Adam Rutherford: Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat

Was unsere Gene über uns verraten

Adam Rutherford: Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat - Was unsere Gene über uns verraten
Cover: Verlag

Deutsche Erstausgabe im Rowohlt Taschenbuchverlag Polaris, ISBN 978-3-499-63276-1, Reinbek 2018, aus dem Englischen von Monika Niehaus und Coralie Wink, 6 Abbildungen, 464 Seiten, 16,99 €

„Diese Geschichte handelt von Ihnen“, spricht der Autor, forschender Genetiker und exzellenter Wissenschaftsjournalist bei BBC und weiteren Medien, die potenziellen Leserinnen und Leser an. In diesem Buch lässt er seiner Leidenschaft für Genetik, Genomik und Historie freien Lauf. Daraus entwickelt sich eine lange Geschichte zur Geschichte des Menschen mit seiner Entwicklung zum Zeitgenossen über hunderttausende von Jahren als eine Art Hobbit, als Denison-Mensch, als Neandertaler und als Homo sapiens. Da ist eine Menge Erbmaterial zusammengekommen, das sich zum Auslesen anbietet. Rutherford möchte uns beim Übersetzen dieser Geschichte helfen, der Geschichte der Menschheit und der Geschichte der Genetik mit ihrer schwierigen Vergangenheit, insbesondere ihren Humanzweig betreffend.

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