Im alten Gasthof bei Hans Joachim Triebsch

Triebsch kennt man in Halle!. …Das stimmt vielleicht nicht ganz. Es bezieht sich eher auf seine Bilder und da besonders auf eines, das Wandbild in der Großen Klausstrasse. Dort ist ein beliebter Treffpunkt. Offizielle und private Besucher werden hierher geführt, Reisebusse machen halt. Nicht selten hört man: “Wir treffen uns am Wandbild!“ Der Maler Triebsch hat hier einen Hausgiebel bemalt, ca. 400 Quadratmeter, so realistisch, dass der Betrachter den Eindruck hat, nicht vor einer bemalten Hauswand, sondern vor der Wirklichkeit zu stehen. Diese Illusion, die Täuschung, dass eben die Fenster „nur“ gemalt sind oder die Balkonbrüstung, macht sicherlich einen Teil der Attraktivität aus, doch interessanter sind die Geschichten, die das Bild erzählt. Da finden sich neben Alltagsmenschen historische Persönlichkeiten, Clowns, Liebesdienerinnen, Handwerker. Ich fühle mich bei der Betrachtung in meine Kindheit zurückversetzt. Ich konnte noch nicht lesen und schaute mir stundenlang die bunten Bilder im Märchenbuch an. Dabei erfand ich meine eigenen Geschichten, nach meinem Geschmack und Verständnis. Noch heute liebe ich Bilder wie dieses Wandbild, die Geschichten erzählen.

Stadt, Ausschnitt Wandbild Halle 1988Hans-Joachim Triebsch hat auch andere Fassaden und Bauwerke bemalt, am Neuen Theater in Halle oder die Innenräume von Fleischer- und Bäckerläden, ähnlich illusionistisch. Man möchte im „Bäckerladen“ direkt nach dem „frischen Brot“ greifen, aber alles nur gemalt. Wie es allerdings mit dem direkten „Zugreifen“ in dem von Triebsch ausgemalten Leipziger Freudenhaus geht, vermag ich nicht einzuschätzen. Jedenfalls hat er da einen Ort gewählt, der primär nicht an Kunst denken lässt, zumindest nicht an Malerei. Aber Triebsch malt, was andere nicht malen oder wo andere nicht malen. Er malt auch Totenschädel auf seine Bilder. Die kauft dann niemand.

In den letzten Jahren, so scheint mir, ist seine Kunst etwas stiller geworden. Während meines Besuches zeigte er mir Landschaften, Stillleben und Seerosen. Die lassen sich mitunter besser verkaufen, auch ein ganz wesentlicher Aspekt, lebenswichtig.
Geblieben ist seine Malweise, großzügig, in kräftigen Farben, derb und männlich, mit kräftigen sicheren Pinselstrichen und pastösem Farbauftrag. Ich bewundere sein Gefühl für die Farbe und die Sicherheit, mit der er malt. Da ist kein langes Suchen und unschlüssiges Nachbessern zu erkennen. Die Farben leuchten vor dem oft dunklen, schwarzen Hintergrund. Das habe er bei Caravaggio und Rembrandt studiert, die Hell-Dunkel-Malerei, meint er, wenn man nach Vorbildern fragt. Mich erinnern seine Arbeiten immer etwas an Corinth. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ein Künstler gern verglichen wird, wobei Corinth ja außer Zweifel steht!

Der Clown, Acryl 2012 Und dann sind es noch seine „Köpfe“, die ich erwähnen muss. Hans Joachim Triebsch hat immer wieder Köpfe gemalt, Hunderte. „Ich interessiere mich sehr für Menschen“ sagt er. „Ich schaue sie gerne an und suche das Typische“. Es ist faszinierend, in diese gemalten Gesichter zu sehen. Sie sind durchaus realistisch, bringen aber vor allem Charakter oder Stimmung zum Ausdruck, sowohl des Dargestellten als auch des Künstlers. Oft sind es Clowns, die er malt. Ein Clown hat viele Gesichter, berufsbedingt. Das macht ihn interessant für Künstler aller Art. Was ist das wahre Gesicht? Was ist Verstellung und was Maske? Was steckt hinter der grellen Bemalung und was fühlt ein Clown, während er lachen muss?
„Lache Bajazzo!“ heißt es bei Leoncavallo, „lache!“ obwohl ihm zum Weinen ist. Ein Sujet, dass einen Künstler reizen muss!

Hans Joachim TriebschIm alten Gasthof bei Hans Joachim Triebsch

Geboren 1955 in Brandenburg,
1973 Abitur, Grundwehrdienst,
1975-1980 Studium der Malerei und Grafik an der Burg in Halle bei Hannes Wagner, Inge Götze, Frank Ruddigkeit und Willi Sitte
1980 Diplom,
1980-81 Zusatzstudium daselbst,
1981-1989 Lehrer (künstlerisches Grundstudium) an der Burg,
seit 1983 Mitglied im Verband bildender Künstler,
seit 1989 freischaffend in Halle, jetzt in Naundorf

Kontakt:
Hans Joachim Triebsch
Klepziger Str. 1
06184 Kabelsketal, OT Naundorf
Tel.: 0345 2080233

Ähnlich dem Geschichten erzählenden Wandbild verhalten sich auch Triebschs Köpfe, auch sie erzählen. Man muss sich nur darauf einlassen und gut hineinsehen. Eine Eigenschaft, das genaue Hinsehen, die uns Ärzten eigentlich zu eigen sein müsste. Aus Gesicht, Schminke, Körperhaltung, Sprache, Bewegung und Kleidung sich ein Bild zu machen von dem Patienten, der uns da gegenüber sitzt. Aber man muss eben hinsehen, aufblicken vom Bildschirm! Hans Joachim Triebsch sieht genau hin, auch hinter die Schminke und das macht seine Köpfe so interessant, so spannend und – auch das ist ganz wesentlich – ästhetisch schön. Dafür ist er eben Maler, Künstler. Es sind ja Bilder, die man sich an die Wand hängen soll, zu Freude und Genuss.

Hans-Joachim Triebsch lebt seit einigen Jahren in Naundorf im Saalekreis. Ein kleines bescheidenes Dorf, heute in eine Großgemeinde einverleibt, in einem alten Gasthof, direkt gegenüber der Kirche. Ein richtiger schöner alter Gasthof, der sicher bessere Zeiten gesehen hat, früher, als sich die Naun-dorfer hier trafen, zum Tanzen und Feiern, oder eben nur auf ein Bier. Jetzt hat er auf seine alten Tage interessante neue Bewohner bekommen, Künstler, die hier gute Arbeitsbedingungen finden, zumindest jetzt im Sommer. Ob das Gebäude im Winter warm wird, habe ich nicht gefragt. Jedenfalls entstehen hier wunderschöne Gemälde, opulent, farbstark, und von großer Meisterschaft.

Dr. Wolfgang Lässig
Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara
Halle