Ein medizinhistorischer Stadtführer

Es ist nur ein kleines Buch. Aber er hat es in sich, dieser medizinhistorische Stadtführer für Halle. Offensichtlich gibt es dort viel Substanz für eine reichliche Füllung. Dabei würde man nach dem farbigen Umschlagfoto mehr auf eine architekturbezogene Literatur tippen, wäre da nicht das Titeletikett über den Dächern des historischen Zentrums der Saalestadt. Die Autoren sind professionelle Medizinhistoriker an der Medizinischen Fakultät der MLU Halle-Wittenberg. Sie nehmen für das Buch in Anspruch, einen fachspezifischen Stadtführer vorzulegen, d. h., man kann mit ihm losgehen, bestimmte Orte zum Thema sicher auffinden und sich über deren Bedeutung belesen.

Eine illustrierte Einführung in die Medizin im mittelalterlichen Halle leitet auf die vier Hauptkapitel zu den sichtbaren Zeugen der Medizingeschichte in der Stadt über, hier in die Rundgänge I - IV sortiert:

  • I. Medizin und Pflege innerhalb des historischen Stadtrings
  • II. Konfessionell gebundene Medizin
  • III. Die Universitätskliniken auf der Maillenbreite und das Medizinerviertel
  • IV. Das Universitätsklinikum Halle (UKM) in Kröllwitz und die angrenzenden medizinischen Liegenschaften in Heide-Nord, Heide-Süd und Dölau.

Es folgen abschließend eine übersichtliche Chronologie zur Stadt- und Medizingeschichte in detaillierten Stichpunkten sowie ein Anhang mit Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Quellenverzeichnis der Abbildungen, ein Namens- und ein Ortsregister sowie eine fortlaufend nummerierte Liste der zur Ansicht empfohlenen Orte, die im Buch meist ausführlich besprochen werden.

Cover Medizin in HalleJedem der Kapitel /Rundgänge ist der Ausschnitt des aktuellen Hallischen Stadtplanes mit den markierten Stellen der 58 Schauobjekte vorangestellt. Man kann so in der Stadt und im Buch komplikationslos auf Suche gehen. Bei solch geführtem Gang kommt es zur imaginären Begegnung mit einer großen Zahl von historischen Persönlichkeiten, die aus der Medizingeschichte Halles und manchmal auch ganz Deutschlands, nicht wegzudenken sind, den Hoffmann, Meckels, Reil, von Volkmann, den späteren Nobelpreisträger Behring u.v.a.m.. Selbst Händels sind dabei. Die realen Baulichkeiten der Stadt geben Zeugnis von der Tradition einer bedeutenden historischen Medizinmetropole. Apotheken, Krankenhäuser, Denkmale und andere Einrichtungen, nicht zuletzt die Franckeschen Stiftungen, die man vielleicht so bisher nicht eingeordnet hatte.

Alles in allem ist dies Büchlein ein Werk, wie es wahrscheinlich mit dieser Intention und Fülle für andere deutsche Städte selten sein dürfte.
Etwas kritisch darf der Rezensent auf die Systematik der Kapitel/Rundgänge eingehen. Sie ist in logischer Hinsicht nicht konsistent. Sie orientiert sich einmal an der Stadtstruktur, einmal an Konfessionen, ein anderes mal an einer Bauphase und zuletzt an der peripheren geografischen Lage von Standorten. So kann es nicht ausbleiben, dass es zu Überschneidungen und zu fragwürdigen Zuordnungen kommt. Was z. B. ist eine konfessionell gebundene Medizin? Der Dom? Der Stadtgottesacker? Die Reilbüste? Die Stolpersteine als Erinnerung an die deportierten und ermordeten jüdischen Mitbürger? Evangelisch oder katholisch? Im übrigen erinnert der Ausdruck fatal ideologisch an den sozialistischen Sprachgebrauch zur gesellschaftlichen Stigmatisierung durch Zuweisung in die Schublade: kirchlich gebunden. Martha-Maria in Dölau, ein Krankenhaus mit konfessionellem Hintergrund, gehört wiederum, wahrscheinlich lagebedingt, nicht dazu! Auch die Unschärfen im Umgang mit den Begriffen Klinik und Klinikum wären anzumahnen.

Zukunft mit Tradition – so lautet der Schlachtruf der MLU. Der Tradition wird hier gebührend Raum gegeben. Der Versuch am Schluss des Buches, über die Gegenwart an die Zukunft anzuschließen, ist leider etwas holprig geraten. In Kapitel IV haben sich einige Oberflächlichkeiten eingeschlichen, die einfach stören.

Der ärztliche Absolvent der Medizinischen Fakultät in Halle wird sich trotzdem über diese Literatur freuen. Dem touristischen Laufkunden wird der Stadtführer wahrscheinlich zu speziell sein, zu kompakt geschrieben und mit historischen Abläufen und Zitaten überfrachtet. Das geht angesichts des Druckformats zu Lasten der Lesbarkeit, z. B. der miniaturisierten Bildlegenden. Auch ist die Qualität der durchgehend schwarz-weißen Fotografien kritisch. Man möchte z. B. eine Löwenapotheke schon wiedererkennen oder die Stolpersteine lesen können, im Buch. Warum würden sie sonst abgebildet sein?
Und dann fragt sich der informierte Leser auch, warum historisch bemerkenswerte Sparten der Hallischen Medizin nicht in diesem Stadtführer auffindbar sind, z. B. das vor einhundert Jahren erbaute, ansehnliche Unfallkrankenhaus „Bergmannstrost“! Und die Zahnmedizin! Sie kommt hier so gut wie nicht vor. Dabei stellt sie mit dem heute noch äußerlich repräsentativen Standort im Stadtzentrum nahe der Universitätszentrale und ihrer Historie eine beachtenswerte Stadtmarke dar innerhalb der von den Rundgängen des Buches bestrichenen Geografie. Zahnmedizin wird in Halle seit mehr als einhundert Jahren sehr erfolgreich studiert, ein anerkanntermaßen feiner, wenn auch kleiner Studiengang, der einzige dieses Inhaltes in Sachsen-Anhalt. Sie ist ein Teil der Medizin!

Um es positiv ausklingen zu lassen: Der späteren veränderten Neuauflage dieses Buches dürfte substanziell und gestalterisch eine gute Zukunft sicher sein.

F.T.A. Erle, Magdeburg

Universitätsverlag Halle-Wittenberg, Halle an der Saale 2013,
ISBN 978-3-86977-069-7, geb. in Kleinoktav m. Schutzumschl., 245 S., 127 s-w Abb., € 14,80