Bernhard Albrecht: Patient meines LebensBernhard Albrecht

Droemer Verlag München 2013, ISBN 978-3-426-27594-8,
Geb. in Oktav m. Schutzumschl., 269 S., € 19,99

„Um ärztliche Künstler geht es in diesem Buch. Sie tun, was Künstler tun: Sie improvisieren, lassen sich von Fantasien und Visionen leiten, vertrauen mitunter ihrem Bauchgefühl mehr als der Vernunft oder Evidenz, sie bauen an der Medizin der Zukunft, ohne dabei die Bodenhaftung zum überlieferten Wissen der Schulmedizin zu verlieren.“ So liest man es im Vorwort des Buches mit seinem etwas irreführenden Titel und dem klischeehaften Coverbild des wehenden Arztkittels.

Bernhard Albrecht, der Grimme-Preisträger 2010, ist ein erfolgreicher Journalist mit ärztlicher Vergangenheit. Sein Buch befasst sich mit einer Sammlung von Berichten über Menschenschicksale, die von  aussichtslos erscheinenden Krankheitsverläufen oder vergleichbaren infausten Zuständen geprägt sind. Die Berichte ergeben spektakuläre Geschichten zu unkonventionellen Behandlungen in Art des therapeutischen Grenzgängertums nach vorn, ohne konsequente Leitlinientreue der Behandler, die sich der Risiken ihres Tuns bewusst sind. Das vermitteln sie auch ihren hilfesuchenden Patienten. Unter kurzen bis einsilbigen Kapitelüberschriften findet man hier eine besondere Form der Medizingeschichte.

– Da ist z. B. der indische Migrant, der in suizidaler Absicht ein scharfes Reinigungsmittel schluckt, das u. a. einen großen Defekt in der Luftröhre verursacht. Ihm wird durch aufwändige Gewebezüchtung erstmals eine neue Trachea extrakorporal entwickelt und implantiert. Sie wächst an und wird toleriert, jahrelang. Das psychische Leiden jedoch wacht wieder auf. Er nimmt sich drei Jahre später das Leben.

– Da sind die Frühchen Kilian und Frieda, die in der 22. Schwangerschaftswoche ans hessische Licht der Welt kommen. In der Schweiz oder den Niederlanden hätten sie als Spätaborte gegolten. Kilian lebt vier Wochen lang, Frieda schafft es und nimmt eine weitgehend normale Entwicklung, nun schon drei Jahre lang.
– Da ist die junge und tatkräftige Geschäftsfrau, der zunehmend starke Schmerzen über die Jahre Lebensfreude und Tatkraft nehmen. Sämtliche etablierte Strategien der Schmerztherapie versagen. Ein mutiger Arzt in Thüringen versucht es mit Cannabis und hat Erfolg. Die Kassen gehen aber nicht mit. Der Arzt resigniert schließlich angesichts einer Rückforderung von 45 000 € wegen seiner Verordnungen.

– Da ist der völlig ausgekühlte Jugendliche, der in der Silvesternacht sehr lange unter voralpinem Schnee gelegen hat und nach errechneten fünf Stunden ohne eigenen Herzschlag bei 17° Körpertemperatur erfolgreich reanimiert wird. Erst Spätkomplikationen beenden nach Wochen sein Leben.
– Da ist die taffe Frau und Mutter mit dem Darmkrebs, die die Behandler zu radikalsten Therapien greifen lässt, u. a. wegen fortgeschrittener Metastasierung zur systematischen Bauchlymphknotenentfernung und zur Leberverpflanzung. Sie überlebt es 18 Jahre und wahrscheinlich noch länger bei guter Lebensqualität.
– Und da ist schließlich der berühmte Berliner Patient, dem das wissenschaftliche Interesse eines Stationsarztes zweifach das Leben rettet: HIV und Leukämie können durch akribische Suche nach dem geeigneten Knochenmarkspender unter 4000 erfassten zum Verschwinden gebracht werden, bisher weltweit einmalig.

Es sind nicht Patienten des Arztes Bernhard Albrecht. Aber er kennt sie und ihre Ärzte sämtlich, hat sie interviewt, lässt sich auf sie ein und hält über die Jahre Kontakt zu Ihnen und ihren Familien. Und deshalb sind die Reporte so spannend, lebendig und menschlich, fachlich und journalistisch versiert sowieso. Es ergeben sich Einblicke zu ärztlichen Entscheidungen in Grenzsituationen, in  partnerschaftliche Beziehungen unter dem Eindruck der schweren Belastungen und nicht zuletzt auch die unterschiedlichen Motivationen der medizinischen Grenzgänger in Bereiche außerhalb der Evidenzbasis.

F.T.A. Erle, Magdeburg