Abendmahl, Foto: Juliane Sieber, HalleDer expressionistische Bilderschatz aus Schmirma

Es sind Bilder, die derzeit in der Moritzburggalerie gezeigt werden, die Sie wahrscheinlich noch nie gesehen haben und die Sie sicher auch nie mehr so gut und intensiv betrachten können; Grund genug, auf diese Ausstellung hinzuweisen und ihren Besuch zu empfehlen.

Gemalt wurden sie in den Jahren 1921 bis 1922 von dem halleschen Maler Karl Völker für eine kleine Dorfkirche in einem kaum bekannten Dörfchen im Geiseltal in der Nähe der Stadt Mücheln mit dem Namen Schmirma.
Der junge Maler Karl Völker, Sohn eines halleschen Malermeisters, hatte sich bereits durch seine expressionistisch geprägten Arbeiten und  Ausmalungen in Gebäuden (u.a. Feierhalle des Gertraudenfriedhofs, Rathaus Halle) Anerkennung und einen gewissen Bekanntheitsgrad erworben, so dass die Empfehlung des damaligen Landesbaurates und Provinzialkonservators Max Ohle an den Pfarrer  der Gemeinde Schmirma den „tüchtigsten Künstler nicht nur…in Halle sondern in der ganzen Provinz“ für die Neugestaltung seiner Dorfkirche zu beauftragen, durchaus folgerichtig war. Für die damalige Zeit stellte das allerdings schon ein gewisses Wagnis dar, denn die moderne Malerei traf durchaus nicht  immer den Geschmack des Normalbürgers. Moderne Künstler wurden kritisiert und angefeindet, ihre Bilder hatten es schwer, ausgestellt und noch schwerer, verkauft zu werden. Und nun sollte so ein moderner, dem Expressionismus nahe stehender Künstler, der zudem politisch eher links orientiert war, den Auftrag erhalten, eine  Dorfkirche auszumalen?! Einen konservativeren Ort gibt es gar nicht: Kirche und Dorf!! Max Ohle hatte die Probleme wohl vorausgesehen. In seinem Brief an den Pfarrer schreibt er: „…ich möchte Sie herzlich bitten, im Interesse unserer ganzen Kunstentwicklung dafür eintreten zu wollen, dass wir in Schmirma etwas Besonderes und Eigenartiges schaffen dürfen; ich habe die feste Überzeugung, dass späterhin nicht nur die Gemeinde dafür dankbar sein wird...“

Himmelfahrt, Foto: Juliane Sieber, HalleKarl Völker erhielt den Auftrag, gestaltete den Kirchenraum und schuf 11 Deckengemälde. Wie es mit der Dankbarkeit der kleinen Gemeinde Schmirma aussah und heute noch aussieht, wage ich zu bezweifeln, sie hatte wohl bisher eher Probleme mit dieser Besonderheit. Die Nazis ordneten die Kunst Karl Völkers als „entartet“ ein, die „sozialistischen“ Machthaber nach 1945 mochten seine Kunst ebensowenig, und Kirchen waren in dieser Zeit sowieso Fremdkörper. Wie auch immer, die Gemeinde hat die Bilder erhalten, was hoch anzurechnen ist. Doch der Zahn der Zeit, begünstigt durch eindringende Dachnässe und den Ruß des zur Kirchenbeheizung benötigten Kanonenofens, setzte den Deckengemälden schwer zu. Ein dringender Restaurierungsbedarf wurde bereits im Jahre 2000 festgestellt. Jetzt endlich 2013 ist es soweit, dass diese einmaligen expressionistischen Kirchenbilder gerettet werden können. Sie sind abgenommen und zur Restaurierung in die Moritzburg verbracht. Dort kann man  sie nun eine Zeitlang ganz aus der Nähe betrachten, ihre Farbe und Ausdruckskraft bewundern, aber auch mit Bestürzung die Schäden an den noch nicht restaurierten Bilden zu Kenntnis nehmen. Besonders deutlich zeigen sich Auswaschungen und Wasserflecken in den Gesichtern („Anbetung der Hirten (Titelblatt) und „Abendmahl“ ).

Gesamtansicht der Kirchendecke, Foto: Reinhard Hentze, HalleZu sehen sind die Gemälde zur Passionsgeschichte in einer auffälligen leuchtenden Farbigkeit: Blau, Grün, Rot und Braun. Ins Auge fällt die klare Darstellung: große, kaum strukturierte Flächen, kubische Körper, sparsamer Faltenwurf der Gewänder. Im großen Mittelteil stehen sich „Kreuzigung“ und „Christi Himmelfahrt“ gegenüber, verbunden durch eine große Fläche wunderbar leuchtenden Blaus. In beiden Darstellungen steht Christus nicht in der Mitte, wie sonst bei derartigen Darstellungen üblich, sondern ist an den Rand gerückt, sich kaum von den anderen Personen unterscheidend. Lediglich das rote Gewand ist kennzeichnend. Er wird nicht hervorgehoben, sondern als Mensch unter Menschen dargestellt. Jesus kennt und teilt Not und Sorge der Menschen. Auf dem Abendmahl-Tisch gibt es nur einen Teller, und der ist leer, kein Brot, kein Wein. Karl Völker zeigt uns Gottes Sohn als einen von uns und unter uns.

Ausstellung Karl Völker bis 5.1.2014
Wenn Sie nun einmal in der Moritzburg sind, sollten Sie sich unbedingt noch die zweite sehenswerte Ausstellung anschauen: „Unmittelbar und unverfälscht“ – Die „Brücke“-Maler und ihre Motive. So viel Zeit muss sein!! Ausstellung bis Juni 2014

Biografie

  • 1889 in Halle/Saale geboren
  • 1904-10 Ausbildung zum Dekorationsmaler im Betrieb des Vaters
  • 1910-13 Tätigkeit in Leipzig, Studium an der Kunstgewerbeschule in Dresden
  • ab 1914 als Architekt, Maler und Grafiker tätig (Wandmalerei, Glasmalerei, Kunst am Bau, freie Malerei und Grafik)
  • 1918 Mitglied der „Novembergruppe“
  • 1919 Mitbegründer der „Hallischen Künstlergruppe“
  • 1921-22 Ausmalung der Kirche in Schmirma
  • 1945 Kriegsgefangenschaft
  • 1961 Kunstpreis der Stadt Halle
  • 1962 in Weimar gestorben


Dr. Wolfgang Lässig