Prof. Dr. med. habil. Reinhard GroteProf. Dr. med. habil. Reinhard Grote (1949 - 2013)

Herr Professor Dr. med. habil. Reinhard Grote verstarb am 4. September 2013 im Alter von 64 Jahren nach langer schwerer Krankheit, die er trotz der infausten Prognose seinem Wesen entsprechend nicht kampflos siegen ließ. Wir haben mit ihm einen Kollegen und Lehrer verloren, der Vorbild bleibt für mehrere der heute in Sachsen-Anhalt verantwortlich tätigen Radiologen.

Herr Professor Grote leitete als Chefarzt bis zuletzt das Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie am Klinikum Magdeburg. Er wurde am 23. Januar 1949 im niedersächsischen Osnabrück als ältester Sohn eines niedergelassenen Radiologen geboren und erlebte hier Schul- und Gymnasialzeit. Er war früh begeistert von Naturwissenschaften und Technik, insbesondere von der Elektronik.

R. Grote studierte zunächst nach dem Abitur zwei Semester Physik, wandte sich dann aber doch der Humanmedizin zu, die er erst in Münster, dann in München studierte. 1973 legte er das Staatsexamen ab und promovierte ein Jahr später, noch vor Erteilung der Approbation, mit dem Thema „Ein Selektivsubstrat zur Isolierung von Listeria monocytogenes“. Nach Ableistung des Wehrdienstes arbeitete R. Grote zunächst als Assistenzarzt zwei Jahre in der Inneren Medizin am Krankenhaus Minden, wechselte dann in die Medizinischen Hochschule Hannover. 1983 wurde er hier Facharzt für Radiologie, 1985 Oberarzt. In diese Zeit fiel auch eine längere Tätigkeit und spezielle Ausbildung in der Neuroradiologie der MHH. Nach der Facharztausbildung folgte R. Grote seinem besonderen Interesse für die interventionelle Therapie, in Zeiten, als z.B. Stents noch nicht erfunden waren. Diese Kombination aus bildgebender Technik und medizinischer Therapie wuchs schnell – auch aufgrund seiner ausgeprägten manuellen Fertigkeiten – zu seiner beruflichen Leidenschaft. R. Grote habilitierte sich 1991 an der MHH mit dem Thema „Darstellung arthritischer Veränderungen am Handskelett mit der digitalen Lumineszenzradiographie“. Im Jahre 1993 ging R. Grote im Rahmen der Amtshilfe an die Radiologische Klinik der Medizinischen Akademie Magdeburg. Hier wurde er 1994 leitender Oberarzt und erhielt - nach einem kurzen Intermezzo in einer Gemeinschaftspraxis in Hannover - 1996 die C-3-Professur für spezielle Radiologie. Prof. Grote hatte neben der stellvertretenden Klinikleitung die Schwerpunkte Neuroradiologie und interventionelle Therapie zu verantworten. Er strukturierte zusammen mit Klinikdirektor Herrn Prof. W. Döhring die Klinik für Diagnostische Radiologie neu und entwickelte über die folgenden Jahre einen hohen Leistungsstandard in der bildgebenden Diagnostik, besonders aber in der interventionellen Tumor-, Schmerz- und Gefäßtherapie inklusive der Neurointerventionen. Nach wenigen Jahren gehörten nahezu alle radiologischen Interventionen von Kopf bis Fuß zum Leistungsspektrum des Universitätsklinikums Magdeburg. Trotz dieser Spezialisierung verfügte Prof. Grote über ein ausgezeichnetes allgemein-radiologisches und klinisches Wissen, das er stets erweiterte und zeitgemäß einsetzte.

Im Jahre 2004 wechselte Herr Prof. Grote als Chefarzt des Radiologischen Institutes an das Klinikum Gera. In der Zwischenzeit gewachsene familiäre Bindungen – 2002 war er erneut Vater geworden – bewogen ihn zur Rückkehr nach Magdeburg. Hier übernahm er 2006 als Chefarzt die Leitung des Institutes für diagnostische und interventionelle Radiologie des Klinikum Magdeburg gGmbH. Auch diese neue Wirkungsstätte strukturierte er gemäß seiner langjährigen Erfahrungen rational und effizient.
Zur beruflichen Entwicklung von Herrn Prof. Gote gehörte untrennbar die Tätigkeit in Forschung und Lehre. Er veröffentlichte seit 1973 insgesamt 71 Originalartikel (davon 14 als Erstautor und 5 als Buchbeiträge). In der studentischen Ausbildung führte er Seminare und Kurse der Radiologie und des Strahlenschutzes für das 3. und 5. Studienjahr durch und hielt Hauptvorlesungen.

Die diagnostische Ausbildung der radiologischen Assistenzärzte sowie die interventionelle und neuroradiologische Weiterbildung der jungen Fachärzte lag Prof. Grote jedoch besonders am Herzen. Diese Ausbildung würde man heute als ganzheitlich bezeichnen, bestand Herr Prof. Grote doch immer darauf, dass ein guter radiologischer Befund nicht allein durch die Auswertung der Bilder, sondern nur unter Beachtung der Klinik und Paraklinik und durch Konsultation des Patienten und des anfordernden Klinikers entstehen kann. Auch die Indikationen zu interventionellen Eingriffen wurden immer nur interdisziplinär und unter Beachtung aller zur Verfügung stehenden Informationen gestellt. Seine Kompromisslosigkeit bei Meinungsverschiedenheiten mit anderen Entscheidungsträgern der Klinika machte Herrn Prof. Grote nicht nur Freunde, entsprach aber seinem geradlinigen Lebensideal und war Teil seiner Authentizität. Zu dieser gehörte auch die Loyalität gegenüber seinen ihm anvertrauten Mitarbeitern, für die er sich wenn nötig auch schützend einsetzte.

In der arbeitstäglichen Routine lebte Herr Prof. Grote die Tugenden Fleiß, Mut und Rationalität allen Kollegen vor. Rationalität und Fachlichkeit bestimmten auch die kollegiale Kommunikation, eigene private Belange hatten hier kaum Platz. Diese seine private Seite wurde vielen Mitarbeitern erst mit seiner Krankheit offenbar, eine gewisse Religiosität erst mit seinem nahenden Tod.

Bis zuletzt war Herr Prof. Grote auf fachliche Weiterentwicklung bedacht und Neuem in der Diagnostik und Therapie zugewandt – so erlangte er z.B. noch vor wenigen Jahren die Schwerpunktbezeichnung „Neuroradiologie“ und führte 2012 die mechanische Thrombektomie der hirnversorgenden Arterien bei akuten Schlaganfallpatienten am Klinikum Magdeburg ein. Auch mit diesem neuen Verfahren konnte er Menschen vor bleibenden Schäden und Tod bewahren. Der eigene, primär aussichtslose Krankheitsverlauf gab ihm jedoch keine Chance – eine kurzzeitige Besserung nach strapaziöser Therapie war sein letzter Sieg.

Prof. Grotes Berufsleben hat sich erfüllt geschlossen, nach allen Verdiensten wäre er in drei Monaten in den Ruhestand eingetreten. Auf diesen freute er sich, wollte nun den vorher kurz gehaltenen privaten Neigungen nachgehen, gemeinsam mit seiner Familie und besonders mit seinem heranwachsenden Sohn. Dieser private Lebens-Kreis Prof. Grotes bleibt tragisch unvollendet. In die Trauer hierüber mischt sich jedoch Dankbarkeit für sein vorbildliches Wirken, Familie und Kollegen wird Herr Prof. Grote dadurch präsent bleiben.

U. Redlich