Hannelore HeiseBildende Künstler Sachsen-Anhalts

Kennen Sie noch „Schönschreiben“, ein Unterrichtsfach in den unteren Schulklassen? Meine Erinnerungen daran zählen nicht zu den besten. Es war die schlechteste Note auf meinem sonst untadeligen Zeugnis und meine liebe Mutter, auf Bildung und Fortkommen ihres Sohnes bedacht, – „An der Schrift erkennt man den Menschen!“ – nötigte mich recht häufig zur Wiederholung meiner „Schönschreib“-Hausaufgaben. Leider zeigte sich kein Erfolg und der Makel im Zeugnis blieb. Ich hasste das Fach und es bedurfte vieler Jahre, bis sich das besserte und sich mir  die Schönheit der Schrift erschloss. Diese Schönheit empfinde ich besonders im Zusammenhang mit Zitaten oder Sinnsprüchen.

Bei derartigen Sprüchen kommt es neben des weisen Gedankens auch auf eine prägnante sprachliche Formulierung und schließlich die geschickte Interpretation der Darstellung an. So kann eine kunstvolle Schrift zu einer weiteren Steigerung beitragen. Sie weckt einerseits durch individuell gestaltete Buchstaben visuelle Aufmerksamkeit, andererseits verdeutlicht und interpretiert sie mit grafischen Mitteln den Text.
Ich möchte Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, heute eine Künstlerin vorstellen, die diese Kunst des Schreibens über alle Maßen beherrscht, Hannelore Heise.

Mit ihr lernen Sie eine sehr vielseitige Künstlerin kennen. Sie hat Grafikdesign an der Halleschen Kunsthochschule („Burg“) studiert und war später an der gleichen Hochschule als Dozentin für Schriftgestaltung tätig. Kalligrafie oder Schrift-Design stellt jedoch nur einen Teilbereich ihrer künstlerischen Tätigkeit dar. Als ich sie das erste Mal besuchte, war mir die Breite ihres Schaffens nicht bekannt, ich wusste lediglich von ihrer Schriftgestaltung und war überrascht und beeindruckt von der Vielfalt ihrer künstlerischen Tätigkeiten. Beeindruckt haben mich auch ihre Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit dem Besucher gegenüber, und nicht zuletzt der gute Kaffee und der leckere Kuchen. Mit Begeisterung spricht Hannelore Heise über ihre Arbeit. Sie wird nicht müde, mir all das zu zeigen, worüber sie gerade spricht. Immer wieder sucht sie dieses und jenes Blatt aus dem Grafikschrank, zeigt mir von ihr gestaltete Spielkarten, Briefmarken und Notizbücher aus Kalligrafie-Resten. Sie erzählt von Urkunden und Schriftstücken, die sie
u. a. für die Stadt Halle und die Leopoldina schreibt und präsentiert mir sogleich die Proben und Kopien, die ich respektvoll und bewundernd betrachte. Irgendwie finde ich es schon beeindruckend, den Text für die Urkunde zur Ehrenbürgerschaft von Hans-Dietrich Genscher auf kostbares Pergament zu schreiben. Da fallen mir meine eigenen Schönschreiberlebnisse ein und die Furcht vor dem Verschreiben. Möglichkeiten zur Korrektur gibt es kaum, erzählt Hannelore Heise. Man muss sich stark konzentrieren. Gern hört sie Musik dabei, ruhige, unaufdringliche, meist klassische. Die Klarheit und Ordnung auf ihrem Arbeitstisch mit einer großen Anzahl verschiedener Schreibutensilien, auch selbst hergestellte, wie z. B. die Schreibfedern aus Cola-Büchsenblech, lässt mich ahnen, welche Konzentration und Disziplin für derartiges Arbeiten nötig sind. Das ist richtige, anstrengende Arbeit, am Ende belohnt mit einem ästhetischen Erlebnis, einer wunderbaren, kunstvollen und klar strukturierten Schrift: Schöne Textblätter, nicht immer kleine, aber immer feine.

An einige von ihr entworfenen Briefmarken kann ich mich noch gut erinnern, an die Pflanzen im „Rennsteiggarten Oberhof“ zum Thema Naturschutz oder an die Trachtenserien aus den neunziger Jahren. Besonders gefiel mir die Marke zum Gartenreich Dessau-Wörlitz, die 2003 zur „Schönsten Briefmarke Europas“ gekürt wurde. Damals erwarb ich mehrere Blöcke davon, weil es mir Freude machte, meine Post mit schönen Briefmarken zu versehen. Leider sind sie alle verbraucht. Doch heute würden sie meine Briefe wohl auch nicht mehr so recht schmücken, denn die Deutsche Post sorgt mit regelmäßigen Portoerhöhungen für ein rasches Altern schöner Marken. Die „Schönste Briefmarke Europas 2003“ könnte heute ihre eigentliche Aufgabe nur mit Hilfe unschöner „Ergänzungsmarken“ erfüllen.

2011 wurde Hannelore Heise von der Kunststiftung Sachsen-Anhalts ein Stipendium für einen Aufenthalt in Istanbul gewährt. Dort hatte sie Gelegenheit, sich intensiv mit arabischer Kalligrafie zu befassen. Kalligrafie, deren Ornamentik sich nicht nur auf das Schrifttum begrenzt, sondern auch für die arabische Architektur große Bedeutung hat. Als Lernende war ihr anfänglich geboten, immer wieder den gleichen Satz aus dem Koran – ihren „Ersten Satz“  zu üben und zu schrei-ben. So entstanden zu diesem Thema viele reizvolle Variationen. Derartige kalligrafische Arbeiten liebe ich besonders und würde mich freuen, Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, damit anstecken zu können. Ich finde es einfach faszinierend, einen klugen Text mit den Mitteln der Schrift zu gestalten; eine Aufgabe, die üblicherweise der Illustration zukommt. Im Vergleich zur Schrift ist das sicher einfacher, deren Möglichkeiten sind wesentlich begrenzter, was durchaus kein Nachteil sein muss.

Betrachten Sie einmal in Ruhe die abgebildeten kalligrafischen Blätter. Zunächst wirken sie wie moderne abstrakte Kunst. Erst beim näheren Hinsehen tritt die Schrift hervor, die dann oft nur mit etwas Mühe zu entziffern ist. Allmählich und mit zunehmendem Vergnügen erschließen sich Worte und Sinn. Und wir wissen ja alle, was man mit Mühe erwirbt, erscheint besonders kostbar!

Dr. Wolfgang Lässig
Langenbogen

Biografie

Geb. 1941 in Widminnen/Ostpreußen,
1956 Abitur,
1960-61 Studium ABF für Bildende Künste Dresden,
1961-66 Burg Giebichenstein Halle
(bei Prof. Funkat, Grafik),
1966 Diplom.
Danach freischaffende Grafikdesignerin. Gestaltung von Spielkarten, Briefmarken, Büchern, Urkunden, Illustrationen, Leuchtwerbung, Logos, Gebrauchsgrafik und Schrift.
1980 - 2010 Lehrtätigkeit an der Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design Halle. Betätigung auf dem Gebiet der Kalligrafie seit 1990
Beteiligung an diversen Kunstausstellungen
2011 Arbeitsstipendium in Istanbul

Kontakt:
Hannelore Heise
Ernst-König-Str. 4a, 06108 Halle
Tel. 0345-3881472

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