Hrsg.: Rohnstock Biografien.
berlin edition im be.bra verlag, Berlin 2014. Festeinband mit Schutzumschlag,
208 Seiten, 38 Abbildungen, 19,95 Euro, ISBN 978-3-8148-0205-3

Ein vorbildliches Arztleben

Der Hundertjährige steht auf und spricht: „Wir als Ärzte machen natürlich Politik. Aber es ist eine Politik für den Menschen, um das Beste für ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen zu erreichen. Wir können dabei Irrtümern unterliegen, Fehler machen – gut, das ist letzten Endes menschlich.“
Die Veranstaltung mit zahlreichen Rednern zur Buchpremiere „Kurt Scheidler. Arzt mit sozialer Verantwortung“ am 07.04.2014 hatte da schon drei Stunden angedauert. Kollege Scheidler redet klar und frei, den Gehstock locker in seiner linken Hand gehalten und mit wachem Blick. Seine Augen strahlen. Die Zuhörer sind ergriffen, beeindruckt von der Kraft der Ansprache. Professor Kurt Scheidler wird am 22. Juni 2014 hundert Jahre alt.

„Ich hab das Buch noch nicht gelesen, noch nicht reinschauen können, aber sicherlich gibt es Einiges, wo ich kritisch sagen würde: Das hätte ich heute anders gemacht oder das hätte ich anders gewollt. Aber ich glaube, man sollte dieses Buch als einen Apell an uns alle verstehen, das zu tun, was unsere Mitmenschen von uns erwarten.“ Kurt Scheidler fasst die Erkenntnis eines langen Arztlebens zusammen: „Wir sollten unsere Aktivitäten immer danach ausrichten, wie helfe ich nicht den einzelnen Personen, den einzelnen Menschen – das ist natürlich die erste Pflicht – ,aber wie wirkt sich diese Hilfe für andere aus, wie kann ich die Erfahrung, die ich gesammelt habe, wirksam machen für meine Mitmenschen um mich herum.“

Kurt Scheidler steht in der Tradition der Ärzte in sozialer Verantwortung, die den Leitsatz ihrer Berufsordnung lebendig verkörpern: „Der Arzt dient der Gesundheit des einzelnen Menschen und der gesamten Bevölkerung.“ Von 1960 bis 1982 leitete Kurt Scheidler das Krankenhaus im Friedrichshain. Rudolf Virchow hatte diese Klinik 1874 gegründet. Sie war das erste kommunale Krankenhaus für die Bevölkerung. Ärzte haben sich, sagte Virchow, um zwei Bereiche zu kümmern: „Für die Gesellschaft im Ganzen durch Berücksichtigung der allgemeinen, natürlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse, welche der Gesundheit hemmend entgegentreten und für das einzelne Individuum durch Berücksichtigung derjenigen Verhältnisse, welche das Individuum hindern, für seine Gesundheit einzutreten.“
Stefan Kappner, der Autor der Arztbiographie von Kurt Scheidler, hat ein lesenswertes und anregendes Buch geschrieben, das sinnlich vermittelt, welche ärztlichen Pionierleistungen nach dem Krieg mit dem Aufbau des DDR-Gesundheitswesens verbunden waren. Die historischen Quellen sind verlässlich recherchiert und für das allgemeine Publikum in lebendigen Geschichten dargestellt. Kurt Scheidler wuchs in Hohen Neuendorf auf. Sein Elternhaus war liberal gegen die Nazis und jeden Militarismus engagiert. Der junge Kurt wurde Mitglied im Christlichen Verein Junger Männer (CVJM). Später trat er der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ) bei. 1933 begann er sein Medizinstudium an der Friedrich-Wilhelms-Universität  in Berlin, das er 1938 mit Examen abschloss. Als Militärarzt einberufen und „zur Arbeit beurlaubt“ konnte er seine Facharztausbildung am Martin-Luther-Krankenhaus abschließen. Der Marschbefehl an die Ostfront kam 1943. Eine Tuberkulose brachte ihn dann 1945 wieder nach Hause ins Hilfslazarett in der Christburger Straße im Prenzlauer Berg.

Als der Kampf um Berlin tobte, operierten die Ärzte im Keller und nach dem Ende des Krieges machte Kurt Scheidler aus dem Lazarett in der Schule ein funktionierendes Hilfskrankenhaus, rettete Leben unter widrigen Bedingungen und erwarb sich Respekt und Achtung auch bei den Siegern. Er wohnte 1946 im britischen und arbeitete im amerikanischen Sektor, als Oberarzt am Krankenhaus Neukölln. Seine wissenschaftliche Arbeit galt dem Penicillin und er entwickelte ein Verfahren zum Recycling der Substanz aus dem Urin. Ein Glücksfall für die Versorgungslage mit dem knappen Antibiotikum.  
Politisch engagierte sich Scheidler als Kommunist in der SED. Das brachte ihm 1948 im Westen die Entlassung und im Osten die Aufgabe ein, die medizinische Basisversorgung in Weißensee zu sichern. Die erste, nach dem Krieg neu errichtete Poliklinik eröffnete dort 1951. Kurt Scheidler erhielt dabei von seinen Kollegen und Patienten den Ehrentitel „Professor Mörtel“, da er immer mit Geschick und List die notwendigen Baumaterialien beibrachte. Die SED Kreisleitung beurteilte 1953 den tüchtigen Arzt: „... er trifft selbständige Entscheidungen in den Verwaltungsaufgaben, er setzt sich häufig über jede Plandisziplin hinweg. Er erreicht dadurch eine rasche augenblickliche Entwicklung des Krankenhauses, aber sein Eingreifen dient häufig nicht der gesamten Entwicklung unserer Volkswirtschaft.“

Heute würde das in privaten Krankenhäusern wohl so lauten: „Der leitende Arzt organisiert eine exzellente Patientenversorgung und ist bei den Kollegen beliebt. Die ökonomischen Interessen des Hauses interessieren ihn weniger. Damit gefährdet er manchmal die wirtschaftliche Ziele des Krankenhausträgers.“

Als Abteilungsleiter im Ostberliner Magistrat übernahm Kurt Scheidler Verantwortung für die Sozialhygiene, den öffentlichen Gesundheitsschutz, die gesundheitliche Aufklärung, die Medizinalstatistik und den Öffentlichen Gesundheitsdienst. Er setzte Zeichen, initiierte die „Berliner Ärztliche Rundschau“ (BÄR) und lehrte an der Akademie für ärztliche Fortbildung. Als die Vorgesetzten seine am Patienten- und Bevölkerungsnutzen orientierten Aktivitäten aus politischen Gründen behinderten, ging der unabhängige Kopf nach Friedrichshain und sorgte weiter für innovative Entwicklungen im Gesundheitswesen.

Die „Dringliche Medizinische Hilfe“ (DMH) und eine international vorbildliche Notfallmedizin waren mit seinem Wirken verbunden. Interdisziplinäre Kooperation, partizipatorische Führungskultur, also Freiheit und Verantwortung kennzeichnen das „System Scheidler“. Die Rehabilitationsmedizin, die Geriatrie und die Intensivtherapie erlebten unter Scheidlers Führung zukunftsfähige Ent-wicklungen. Der Nestor der Rehabilitationsmedizin Wolfgang Presber, der Gesundheitsökonom Werner Kulczyk, die Physiotherapeutin Ulrike Albrecht, die Internistin Christel Weser und der Internist Siegfried Veit, alles bekannte Namen der Medizin in Berlin, beschrei-ben eindrücklich im Buch ihre Sicht auf das Wirken von Kurt Scheidler.

Ich selbst lernte nach dem Fall der Mauer Kurt Scheidler zunächst indirekt kennen: Alle sprachen von ihm und überall traf ich Ärztinnen und Ärzte, die durch seine Schule gegangen waren. Ich suchte damals Bündnispartner für eine soziale Medizin, die das schwach gewordene westliche Versorgungssystem reformieren sollte und wollte die Polikliniken als kommunale Gesundheitszentren institutionalisieren und entwickeln. Sie waren nachweislich wirtschaftliche Einheiten und in ihrer Effizienz so gut wie die heutigen Medizinischen Versorgungszentren. Es war eine Freude, überall auf Spezialisten für den kreativen Umgang mit knappen Ressourcen zu treffen, deren ökonomisches Know-how in der Krise des Gesundheitswesens dringend gebraucht wurde.

Es gelang leider nicht, die damalige Chance zu nutzen. Die standespolitischen und medizinisch-industriellen Interessen wollten keinen nutzenorientierten und an Public-Health Erkenntnissen ausgerichteten Reformprozess zulassen. Den rüstigen, ideenreichen und begeisternden Senior Kurt Scheidler traf ich dann auf Versammlungen, wo wir die neuen Reformperspektiven für das deutsche Gesundheitssystem diskutierten. Ich bin ihm dankbar und schätze seine soziale Redlichkeit. Die Medizin unserer Zeit braucht solche Vorbilder und ich wünsche mir, dass Sie alle dieses Buch lesen. Es stimmt nachdenklich und macht Mut auf beherztes Handeln im Interesse der Gesundheit: für den einzelnen Menschen und für die ganze Bevölkerung.

Der Herausgeber Rohnstock Biografien ist seit 15 Jahren darauf spezialisiert, Autobiografien und Lebensgeschichten zu verfassen – stets auf der Grundlage mündlicher Erzählungen. Neben Werken für den privaten Kreis erschienen viele erfolgreiche Bücher in Kooperation mit Verlagen. Insgesamt hat Rohnstock Biografien schon mehr als 250 Titel herausgegeben.

Ellis Huber