Der in diesen Tagen begangene 60. Jahrestag der Gründung der Medizinischen Akademie Magdeburg als Vorgängerin der Medizinischen Fakultät der Otto-von- Guericke-Universität bietet Anlass, auf die Entwicklung dieser zweiten medizinischen Hochschuleinrichtung in Sachsen-Anhalt zurückzublicken.

Die Gründung der Medizinischen Akademie Magdeburg (MAM)

Gründungslogo der Medizinischen Akademie Magdeburg (1954)Abb. 1: Gründungs-Logo der
Medizinischen Akademie
Magdeburg. (1954)

Im September 1954 nahm zeitgleich mit den „Schwester“-Akademien in Dresden und Erfurt die Medizinische Akademie Magdeburg ihre Hochschulfunktion auf. Die drei neuen Einrichtungen sollten die im Osten Deutschlands vorhandenen sechs Medizinischen Fakultäten der Universitäten in Berlin, Halle, Leipzig, Jena, Rostock und Greifswald entlasten und dem bestehenden großen Ärztemangel begegnen. Bei steigenden Zulassungszahlen konnte dort zwar noch die vorklinische, nicht aber die klinische Ausbildung in der erforderlichen Qualität gewährleistet werden.

Trotz mancher regionaler Widerstände – schließlich hatte Magdeburg zu diesem Zeitpunkt mit der Überwindung von Kriegsfolgeschäden größere Sorgen als sich mit der Etablierung neuer akademischer Institutionen zu befassen – fand am 7.9.1954 die feierliche Gründungsveranstaltung statt. Die Akademie erhielt das Promotionsrecht und nicht zuletzt ein von ihrem ersten Rektor, dem international angesehenen Pathologen Prof. Dr. med. Hasso Essbach (1909-1992) entworfenes Siegel, auf dem die Grundelemente ärztlicher Ausbildung fixiert sind: Forschen – Lehren – Behandeln (Abb. 1).

Die Situation am Sudenburger „Gustav- Ricker-Krankenhaus“, das von nun an als Klinikum der MAM diente, war 1954 nicht unproblematisch. Die mehr als 2 000 Krankenhausbetten befanden sich in Gebäuden mit unterschiedlichem Bau- und Ausstattungszustand und an verschiedenen Standorten. Einige vom Krieg unversehrt gebliebene Klinikbereiche dienten noch als Lazarett für die sowjetische Armee. Nur zwei kleinere Hörsäle standen zur Verfügung. Im ersten Jahr des Bestehens der MAM gab es lediglich sechs Professoren für die wichtigsten Lehrgebiete: Pathologie, Innere Medizin, Chirurgie, Frauen- und Kinderheilkunde. Weitere Hochschullehrer wurden in der Folgezeit berufen oder als Gastprofessoren gewonnen.

Es existierten weder ein Studentenheim noch eine zentrale Bibliothek oder eine Mensa, und an eine Vorklinik war noch nicht zu denken.
So galten die ersten Bauprojekte einem zentralen Hörsaalgebäude mit Seminarräumen, Bibliothek und Mensa (1955), einem 1957 fertiggestellten Studentenwohnheim und dem Neubau des 1959 in Betrieb genommenen Instituts für Pathologie. Alle diese Gebäude werden auch heute noch nach inzwischen erfolgter aufwändiger Renovierung genutzt.
Nicht einfach war die Gewinnung von Studenten für ein Studium an den drei neu gegründeten Akademien. War doch zunächst unklar, wie die Ausbildung hier stattfinden und ob sie als vollwertig anerkannt würde. Die meisten Studenten hätten es vorgezogen, an einer traditionsreichen Universität, an der sie das Physikum abgelegt hatten, zu bleiben.

So musste zu administrativen Mitteln gegriffen werden! Zunächst wurden die Studenten an die neuen Einrichtungen „gelenkt“, die dort oder in der Nähe ihren Heimatort hatten. Eine weitere, größere Gruppe kam 1955 aus Greifswald, wo mit der Gründung einer Militärmedizinischen Sektion alle Studentinnen eine neue Ausbildungseinrichtung suchen mussten. Nicht wenige männliche Studenten, die im Zivildienst verbleiben wollten, verließen damals ebenfalls Greifswald und kamen nach Magdeburg, Dresden oder Erfurt. Die also mehr unfreiwillig als freiwillig an die MAM gekommenen Studenten bereuten den Wechsel zumeist nicht.

50 Studenten des ersten Jahrgangs und 150 des zweiten fanden hier sehr gute Ausbildungsbedingungen vor. Insbesondere das interaktive Verhältnis zwischen Hochschullehrern und Studenten war so günstig, wie es an den sechs traditionellen medizinischen Fakultäten nicht geboten werden konnte. Unterricht am Krankenbett war selbstverständlich, Interessierte erhielten schnell eine Doktorarbeit und die dazugehörige Unterstützung. Die Professoren und ihre Mitarbeiter kannten jeden Studenten persönlich. Sie nahmen sich auch die Zeit, ihre Schüler beim allherbstlichen Ernteeinsatz in der Börde oder in der Altmark zu besuchen.

Was tatsächlich noch fehlte, waren die vorklinischen Institute! Die Studenten der ersten vier Semester mussten bis zum Physikum entweder an einer der sechs überfüllten Medizinischen Fakultäten in der DDR studieren oder für diese zwei Jahre ins Ausland nach Bulgarien, Ungarn, Rumänien oder in die CSSR gehen.
1957 legte der erste Magdeburger Jahrgang mit 54 Absolventen das medizinische Staatsexamen ab und wurde feierlich exmatrikuliert.
1958 waren es bereits 106 Studentinnen und Studenten, die ihr Studium – übrigens fast 100%ig in der Regelstudienzeit von 5 Jahren – erfolgreich abschließen konnten. 12 von ihnen wurden übrigens früher oder später Professorinnen oder Professoren.

Dank der Weitsicht des damaligen Senats der MAM wurden zügig die baulichen und personellen Voraussetzungen geschaffen, so dass ab 1960 das volle Medizin-Studium in Magdeburg angeboten werden konnte.
Als 1964 das 10-jährige Bestehen der MAM feierlich begangen wurde, waren an dem begleitenden wissenschaftlichen Programm bereits ehemalige Studenten, nunmehr Assistenzärzte, aktiv beteiligt.

In den Folgejahren konnten die Hochschulaufgaben in Krankenversorgung, Lehre und Forschung schrittweise verbessert werden. Es entstanden u. a. Neubauten für die Vorklinischen Institute, für die Pädiatrie mit Poliklinik und Frühgeborenen-Zentrum, eine Zentrale Poliklinik mit Bettenhaus für Innere Medizin und Radiologie, Gebäude für die radiologische Diagnostik und Therapie sowie für Fahrzeug und Besatzung der 1960 eingerichteten „Schnellen Hilfe“.

Bereits 1963 war im Bereich der Kinderklinik ein weiterer Hörsaal hinzugekommen. 1985 konnte ein Mensagebäude mit Zentralküche und Zentral-Bibliothek der weiter wachsenden Zahl von Nutzern übergeben werden.
Zahlreiche Kliniken und Institute waren renoviert und den verfügbaren technischen Neuentwicklungen entsprechend ausgestattet worden. Der erste Computertomograph wurde 1980 in Betrieb genommen.

An Studienbewerbern gab es schon lange keinen Mangel mehr! In der Forschung war bereits in den 1980er Jahren eine Konzentration auf die Schwerpunkte „Neurowissenschaften“, „Immunologie“ sowie „Schwangerschaft und frühkindliche Entwicklung“ erfolgt. In Zusammenwirken mit der Akademie der Wissenschaften der DDR entstand auf dem Gelände der MAM 1986 ein Institut für Neurobiologie und Hirnforschung (INH).

Die Medizinische Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität

Der Campus der Medizinischen Fakultät (2004)  Abb. 2: Der Campus der Medizinischen Fakultät (2004)

Am 3. Oktober 1993 erfolgte mit dem Zusammenschluss der Technischen Universität, der Pädagogischen Hochschule und der Medizinischen Akademie die Gründung der Otto-von- Guericke-Universität. Aus der MAM war nach fast vier Jahrzehnten erfolgreichen Wirkens eine der neun Fakultäten der Universität geworden. Wie an allen anderen Fakultäten hatten bereits zuvor im Rahmen der Hochschulerneuerung nach der 1990 eingeleiteten politischen Wende einschneidende Veränderungen stattgefunden. Die gravierendste bestand in der durch Landesgesetz von Sachsen-Anhalt vorgegebenen personellen Erneuerung des Lehrkörpers. Maximal 25 % der Professoren, die in der DDR in ihr Amt berufen worden waren, konnten „Professoren neuen Rechts“ werden. Nicht wenige Hochschullehrer stellten sich der zunächst politischen und späteren fachlichen Evaluierung nicht und verließen die MAM.

Auch in dieser schwierigen Periode gab es keine Abstriche an den Aufgaben der medizinischen Hochschuleinrichtung, zu der der Zustrom von Studenten weiter ungebrochen anhielt. Die verbliebenen Professoren, engagierte Nachwuchs-Wissenschaftler und die nach und nach neuberufenen Lehrstuhlinhaber sorgten für einen weiterhin guten Ruf der Einrichtung. Im Wettbewerb mit den nun über 30 Medizinischen Fakultäten in Deutschland schnitt Magdeburg fast immer gut bis sehr gut ab. Zu dieser positiven Bewertung trugen neben der Qualität des Unterrichts umfangreiche weitere Modernisierungs-, Umbau- und Neubaumaßnahmen bei (Abb.2).

Bilanz nach 60 Jahren Hochschulmedizin in Magdeburg

Die nach einem halben Jahrhundert Hochschulmedizin in Magdeburg 2004 gezogene positive Zwischenbilanz kann nach mittlerweile erreichten weiteren Fortschritten in der Krankenversorgung, der Lehre und der Forschung auch 60 Jahre nach ihrer Gründung in vollem Umfang bestätigt werden.

Mit 26 Kliniken, 10 klinisch-theoretischen sowie 12 vorklinisch-theoretischen Instituten und mehr als 4000 Mitarbeitern bietet die Hochschulmedizin in Magdeburg beste Voraussetzungen für die Aufgaben eines Krankenhauses der Maximalversorgung mit 1 128 Betten für jährlich mehr als 43 000 stationär behandelte Patienten, als Ausbildungsstätte der zukünftigen Ärzte sowie für die Forschung.

Seit 2007 befinden sich bis auf die Universitätsfrauenklinik alle medizinischen Hochschulinstitutionen auf dem Hauptcampus. In dessen Zentrum entstand zwischen 2000 und 2006 ein von 13 Kliniken genutzter siebenstöckiger Neubaukomplex mit u. a. 16 Op.- Sälen und 4 Intensivstationen.

Die Behandlung der Patienten des Klinikums erfolgt mit modernsten Methoden und neuester Medizintechnik, z. B. in der Transplantations-, Herz- und Neurochirurgie, in einer Stroke Unit, einem Perinatalzentrum, mit dem intraoperativen Bestrahlungssystem INTRABEAM, dem PET-CT oder dem Tomotherapie-Gerät für Krebspatienten.

Die bereits zu Zeiten der MAM etablierten, interdisziplinär wahrgenommenen Forschungsschwerpunkte „Neurowissenschaften“ und „Immunologie“ haben kontinuierlich räumliche und personelle Erweiterung, inhaltliche Aktualisierung und nicht zuletzt nationale und internationale Anerkennung gefunden.

Die neurowissenschaftliche Forschung findet insbesondere in Zusammenarbeit mit dem aus dem INH hervorgegangenen Leibniz-Institut für Neurobiologie (LIN) statt. Der angewandten Hirnforschung dient das 1998 ebenfalls auf dem Campus erbaute „Zentrum für Neurowissenschaftliche Innovation und Technologie“ (ZENIT). 2014 konnte der Neubau des Forschungsgebäudes des „Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen“ (DZNE) am Standort Magdeburg auf dem Klinikums-Campus eingeweiht werden.

Um die Aktivitäten im zweiten Forschungsschwerpunkt „Immunologie einschließlich Molekulare Medizin der Entzündung“ unter eine Dachorganisation zu stellen, wurde im Mai 2014 der Gesundheitscampus Immunologie, Infektiologie und Inflammation (kurz GC-L) gegründet, der mit seinem Leitmotiv „Entzündung verstehen – Volkskrankheiten heilen“ die Verbindung zwischen der Grundlagenforschung und der klinischen Medizin im Sinne der translationalen Forschung herstellt.

Die Resultate wissenschaftlicher Arbeit fanden auf Tagungen und Kongressen, in zahlreichen Publikationen und in bisher insgesamt 387 abgeschlossenen Habilitations- und 4 236 erfolgreich beendeten Promotionsverfahren messbaren Ausdruck.

Für die jeweils 1 500 Studierenden auf dem Campus – die künftigen Ärztinnen und Ärzte – bestehen somit gute Vorbedingungen zur Verwirklichung des Humboldt‘schen Prinzips der engen Verknüpfung von Lehre und Forschung an einem Hochschulklinikum. Neben dem praxisnahen Unterricht haben interessierte Studenten auch die Möglichkeit, ihren Blick durch Auslandsaufenthalte zu erweitern. Bislang haben mehr als 6 000 Absolventen ihr Medizinstudium in Magdeburg erfolgreich beendet.

So erscheint es zusammenfassend nicht unangemessen, die 60 Jahre junge Geschichte der Magdeburger Hochschulmedizin als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen.

Literatur beim Verfasser
Prof. Dr. med. Wolfgang Röse
Magdeburg,
MAM-Absolvent 1958