Im Land der Palme

August von Sachsen

August von Sachsen vor
seiner halleschen Residenz
(Ausschnitt), unbekannter Meister,
um 1675, Öl auf Leinwand,
230 x 148 cm,
Foto: Wolfgang Pfauder 2014,
© SPSG

Ausstellung im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) bis 2. November 2014

Magdeburg, Regierungspräsidium: Auf die Frage, wo er denn hinfahre, antwortete der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Haseloff: „Ins Land der Palme!“ „Ach so, in den Süden“ kam zurück. „Nein, nach Halle!“ – Eine Antwort, die verblüffte. Diese kleine Geschichte wusste der Ministerpräsident kürzlich im Dom zu Halle während seines Grußwortes anlässlich der Ausstellungseröffnung „Im Land der Palme“ zum Besten zu geben.

Ein seltsamer Titel für eine Ausstellung in Halle, einer Stadt, zu der einem Vieles einfällt, aber Palmen wohl am allerwenigsten. Zumindest aber weckt er Aufmerksamkeit und Neugier, und da es sich um eine wirklich sehr sehenswerte Ausstellung handelt, möchte ich den Lesern des Landes-Ärzteblattes ein wenig Appetit machen, dieses Ereignis nicht unbeachtet verstreichen zu lassen.

Es geht um August von Sachsen, Erzbischof von Magdeburg und Fürst in Halle, der im August 1614, also vor 400 Jahren in Dresden geboren wurde und über 40 Jahre seines Lebens in Halle residierte. Dieser „Hallesche“ August – Könige und Fürsten dieses Namens gibt es ja zahlreiche – war ein besonderer Herrscher. In schlimmer Zeit, die mit den Wirren und Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges zu kämpfen hatte, gelang es ihm, getragen von der Sehnsucht nach einem guten und nützlichen Leben, das vom Krieg zerstörte, gedemütigte und hoffnungslose Land zu ordnen, Kunst und Kultur, Recht und Ordnung wieder zu beleben. Unter seiner Regierung entwickelte sich eine blühende barocke Hofkultur. Malerei, besonders Porträtmalerei und Buchkunst, wurden gefördert, Musikkultur und Oper entwickelten sich, nebenbei aber auch eine prächtige Tischkultur und die Herstellung hervorragender und schön verzierter Jagdwaffen. Sogar Büchsenmacher gab es zu dieser Zeit in Halle. Man spricht von einem „Augusteischen Zeitalter“ der Saalestadt.

Bergkristallbesteck

Bergkristallbesteck, deutsch,
17. Jh., Bergkristall geschliffen,
Silber, vergoldet, graviert, montiert,
Eisen; Messer Länge 22,5 cm,
Löffel Länge 17,0 cm,
Gabel Länge 20,5 cm,
Inv.-Nr.: MOKHWME 00351 08r,
Kunstmuseum
Moritzburg Halle (Saale),
Foto: Klaus Göltz

Immerhin entwickelte sich Halle in dieser Zeit von einer im Krieg verelendeten und traumatisierten Stadt – die Zerstörungen an der Moritzburg sind bis auf den heutigen Tag noch sichtbar – zu einer hochgeachteten Universitätsstadt mit einer reichen barocken Hofkultur.

Viele kostbare Stücke dieser Zeit sind in der Ausstellung in Halle zusammengetragen. Neben Exponaten aus eigenem Bestand finden sich auch viele Leihgaben, z.B. aus dem Dresdner Grünen Gewölbe. Die Ausstellung gliedert sich thematisch in verschiedene Bereiche, die schon in ihrer Gestaltung, Farbgebung und Beleuchtung die entsprechende Atmosphäre schaffen. So hinterlässt der erste Raum „Das Land der Palme im Krieg“ durch dunkle blutrote Wände und einer spärlichen Beleuchtung einen düsteren, bedrückenden Eindruck. Andere Räume zeigen die Hofkultur in Halle, den Lebensweg Augusts oder die Stadt Halle zur Zeit der Palme.
Ich muss gestehen, dass diese Ausstellung mir ein Kapitel der Halleschen oder Mitteldeutschen Geschichte eröffnet hat, das mir bis dahin unbekannt war.

Dieser Hallesche August, dessen 400. Geburtstag Anlass war, sich seiner Person und seiner Zeit zu erinnern, wurde kurz vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) geboren. Er war der Sohn des sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. und der Großonkel August des Starken. Bereits im Alter von 14 Jahren wurde er evangelischer Erzbischof in Magdeburg. Allerdings erkannte der katholische Kaiser Ferdinand II. ihn nicht an und beförderte seinen eigenen Sohn in diese Position. Zu gleicher Zeit tobte der Krieg in unserer Gegend. 1635 musste der Kaiser auf das Magdeburger Erzstift verzichten und August konnte im Amt bestätigt werden. Sein Versuch, in Halle zu residieren, war nur von kurzer Dauer. Bald musste er infolge der Kriegswirren fliehen, um 1643, fünf Jahre vor Ende des Krieges, endgültig zurückzukehren. August war der letzte Sachse, der das Erzbistum Magdeburg regierte. Im Westfälischen Frieden (1648), der den Dreißigjährigen Krieg beendete, war festgelegt, dass Magdeburg nach dem Tod Augusts an Kur-Brandenburg fällt.

Erwähnenswert ist noch, dass August den Bau des Schlosses Neu-Augustusburg in Weißenfels veranlasste. Der aufmerksame Leser hat sich sicherlich während der Lektüre gefragt, was es nun mit der Palme oder dem Land der Palme auf sich hat.

Die Kokospalme war ein wesentliches Sinnbild des Barock und steht für das Streben nach Überwindung des Schlechten, nach Gerechtigkeit, Fruchtbarkeit und Nützlichkeit. „Alles zu Nutzen“ war der Leitspruch der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ (1617-1680), die sich vor allem der Pflege der deutschen Sprache verschrieben hatte. Ihr Emblem war die Kokospalme. August war ihr letzter Vorsitzender. „Fruchtbringende Gesellschaft“ hört sich in modernen Ohren höchst antiquiert an. Wenn ich jedoch an die gestellte Aufgabe, die Pflege der deutschen Sprache denke, bin ich überzeugt, auch heute derartiges Tun außerordentlich nötig zu haben. Oft schmerzt es, unsere schöne Sprache so misshandelt zu sehen. Inzwischen gibt es seit 2007 eine „Neue Fruchtbringende Gesellschaft“ in Köthen, ihr sei viel Erfolg beschieden. Wie schwierig es ist, unnötige Fremdworte zu meiden, demonstrierte unfreiwillig ein Redner während der Ausstellungeröffnung. Auch er ging im Zusammenhang mit der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ auf unnötige Fremdworte ein und meinte, man könne im Internet auch etwas herunterladen, statt down zu loaden. Im nächsten Satz empfahl er, unerwartete Heiterkeit auslösend, sich während des Ausstellungsrundganges eines Audioguides zu bedienen.

Goldene Becher

Pracht der frühbarocken Kultur in Halle: Arbeiten
hallescher Goldschmiede, Mitte 17. Jahrhundert;
Willkomm und Becherglas der magdeburgischen
Hofkellerey zu Halle, 1660, und Münzen aus der
Münzstätte der Moritzburg, 1638 und 1640;
Kunstmuseum Moritzburg, Kulturhistorisches
Museum Magdeburg (Willkomm),
Foto: Falk Wenzel

Liebe Ärzteblatt-Leserinnen und -Leser,
zweierlei würde mich freuen:
1. Sie besuchen das Land der Palme und
2. Sie benutzen dabei nicht den Audioguide, sondern den „Hörführer“ – komisches Wort! Sie sehen wie schwierig das ist!

 

Dr. Wolfgang Lässig,
Langenbogen

Weitere Informationen:
Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)
Friedemann-Bach-Platz 5
Tel. 0345/21259-0
Öffnungszeiten täglich 10-18 Uhr,
donnerstags bis 20 Uhr
Ausstellungsdauer: bis 2. November 2014