Buch von Johannes Köbberling

von Johannes Köbberling

Bewertungen und Vermeidungsstrategien.

Jur. Beratung v. Rainer Rosenberger,
Verlag Versicherungswirtschaft GmbH Karlsruhe 2013,
ISBN 978-3-89952-770-4, Taschenbuch, 181 S., € 39,-

Die medizinische Diagnostik ist eine ureigene ärztliche Aufgabe. Sie verlangt neben Fachkenntnissen den Mut, mit Unsicherheiten umzugehen und Wahrscheinlichkeiten einzuordnen. Sie lässt Ermessensspielräume zu. Fehler im diagnostischen Prozess sind Behandlungsfehler. Aber nicht jede nicht zutreffende Diagnose ist auch ein Diagnosefehler. Der bloße, vertretbare Irrtum des Diagnostikers wird z. B. nicht als Fehler eingestuft und kann dann auch nicht mit einem Haftungsanspruch belegt werden.

Man muss sich eine ganze Weile in die vom Autor intensiv aus ärztlicher Sicht behandelte Problematik einlesen, immer wieder. Das mag an der juristisch getönten Sprache liegen. Es ist da die Rede von Kompetenz-Kompetenz, vertikaler und horizontaler Arbeitsteilung, ex post und ex ante u.a.m. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich aber um Angelegenheiten ärztlichen Handelns. Köbberling hilft mit seinem Fachwissen und seiner immensen gutachterlichen Erfahrung, die Fehler und die Fehlenden zusammen zu bringen. Wertvolle „Illustrationen“ der an sich spröden Texte sind die 54 Fallbeispiele aus seinem reichen Fundus abgeschlossener Stellungnahmen aus Gerichtsentscheidungen sowie aus Gutachten und Bescheiden von Gutachterkommissionen. Auch das Patientenrechtegesetz von 2013 wird mehrfach herangezogen.

Das Buch ist übersichtlich und nachvollziehbar systematisch strukturiert. Im Kapitel Diagnoseirrtum nimmt der Autor nach der Begriffsbestimmung eine Abgrenzung zum Diagnosefehler vor. Eine unzutreffende Diagnose könne auf einem Irrtum aber auch auf einem Fehler beruhen. Die Grenzen seien fließend. Es gebe zwar keinen Anspruch auf die richtige Diagnose und auch nicht auf eine maximale, wohl aber auf die fachgerechte Diagnostik. Hier kann sich Köbberling mit didaktischem Erfolg auf die Fallbeispiele aus verschiedensten Fachgebieten bezie-hen, so dass der Leser spürt, dass es sich um seine tägliche Arbeit handelt. Diese Falldarstellungen sind im Text durchnummeriert und stehen anonymisiert zur Nutzung auf Nachfrage zur Verfügung.

Dem nächsten Kapitel Diagnosefehler wird ebenfalls genügend Raum gegeben. Die ursächlichen Mechanismen der Fehlerentstehung werden differenziert abgearbeitet. Dazu gehören z. B. die haftungsbegründen-den Diagnosefehler durch ungenügende Berücksichtigung erhobener Befunde, durch nicht dokumentierte oder verloren gegangene Befunde, durch nicht indizierte Diagnostik, durch Diagnosestellung ohne Arztkontakt u. a. m. Dem groben Diagnosefehler, der zur Beweislastumkehr führt, wird ein eigener Abschnitt gewidmet.

Das folgende Kapitel Befunderhebungsfehler setzt sich durch Defizite oder Verletzungen der Sorgfaltspflicht von den vorher besprochenen Diagnosefehlern ab, ist aber auch wie diese ein Behandlungsfehler. Es fordert dem lesenden klinischen Praktiker eine sachlich-neutrale Positionierung ab, wenn z. B. festgestellt wird, dass der fehlerhafte Befund allein kein Behandlungsfehler sei und so den folgenden Befunderhebungsfehler „sperre“. Da hilft nur der gute Wille zum Verstehen bzw. Akzeptieren einer etwas verdeckten Logik. Man darf sowieso den langen Weg vom Anfangswort eines Satzes bis zum Punkt nicht scheuen, wenn sich juristisches Gedankengut Geltung verschafft.

Die abschließenden Kapitel Hilfe zur Vermeidung von Diagnosefehlern und Der Umgang mit den eigenen Fehlern sind ein besonderes Angebot des Autors, das man dankbar annehmen wird. Es versucht, den ärztlichen Kollegen auf Fallen aufmerksam zu machen, die in relevante Fehler führen können. Es macht auch auf den Wandel in der Fehlerkultur mit der unterschiedlichen Würdigung der persönlichen Schuld aufmerksam.

Besonders sei auch auf den abschließenden Abschnitt zum Gespräch mit dem Patienten bei Vorwürfen zum Behandlungsfehler hingewiesen.

Dass dieses wichtige Thema der Fehlerproblematik in der universitären Lehre bisher nicht ausreichend dargestellt werde, beklagt der Autor. Das Buch selbst könnte nach Ansicht des Rezensenten eine gewisse Hilfe für die Orientierung der Lehre an der Praxis darstellen. Auf jeden Fall aber sollte es in der Weiterbildung der jungen Berufseinsteiger etabliert werden, bei den Leitern von Praxen, Weiterbildungsverantwortlichen, Abteilungsvorständen, Chefärzten, Oberärzten etc. Sie dürften vornehmlich, bei weitem aber nicht allein, Adressaten des kleinen aber inhaltsschweren Buches sein. Als Nachschlagewerk ist es anhand des ausführlichen Inhaltsverzeichnisses brauchbar. Ein Sachwortregister fehlt allerdings. Ärztlichen Gutachtern, Kos-tenträgern und Haftpflichtversicherern ist es ebenfalls zu empfehlen. Der Preis geht angesichts des kompakten Inhalts in Ordnung. Es passt in jede Tasche!

F.T.A. Erle,
Magdeburg