Buchcover

Die 10 Zukunftshoffnungen der Deutschen

(unter Mitwirkung v. Irina Pilawa-Opaschowski)

Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2014, ISBN 978-3-579-07076-6,
Hardcover m. Schutzumschlag im Oktavformat, 219 Seiten, € 19,99

„Die Zukunft gehört denen, die der nachfolgenden Generation Grund zur Hoffnung geben.“ Dieses vielbemühte Zitat des Naturwissenschaftlers und Theologen Teilhard de Chardin wird dem vorliegenden Buch des Gesellschafts- und Zukunftsforschers Opaschowski vorangestellt. Er widmet es seinen Kindern und Enkelkindern. Damit möchte er offensichtlich dem Kreis des im Titel aufgeführten WIR ein persönliches, bei weitem aber nicht ausschließliches Ziel geben. Familie bedeutet ihm viel, wie auch aus dem Rubrum der Rezension zu erkennen ist.
Das erklärte Ziel des vorliegenden Buches ist es herauszufinden, ob Politik und Gesellschaft die richtigen Fragen zur Zukunft im Blick haben bzw. ob deren Antworten auf die Wünsche nachwachsender Generationen eingehen, vorausgesetzt, man nimmt sie überhaupt zur Kenntnis. Das Buch soll dazu Hilfen geben.

Wissenschaftlich nutzt O. die Methode der Interviews. Er legt seinen zahlreichen Feststellungen, Schlüssen und Thesen umfängliche aktuelle Repräsentationsstudien zu Grunde, die entweder in seinem Auftrag oder unter seiner wissenschaftlichen Anleitung erstellt wurden. Da ist zum Ersten ein befragtes Kollektiv von 16.000 Personen (2013/14, ab 14. Lj.) und zum Zweiten ein anderes von 1.000 Personen (2014, ab 14. Lj.) aus Haushalten der deutschsprachigen Wohnbevölkerung unseres Landes, eine etwas unscharf charakterisierte Quellenangabe. Ergebnisse dieser Untersuchungen werden im Buchtext in sieben übersichtlichen Tabellen aufgeführt, die man sich aber wegen der Alterszuordnung genau ansehen muss bezüglich ihrer Deutung. Es wird dem unbedarften Leser z. B. nicht klar, warum für nur 51 % der 14-34-jährigen „Glücklich sein“ am wichtigsten sein soll. Da darf die Untersuchungsmethode resp. die Ergebnisdarstellung bezüglich Befragungskategorien hinterfragt werden. Zumindest könnte ein hohes Maß an subjektiver Sicht in der Deutung der Ergebnisse eine Rolle spielen.
Im Gegensatz zum Titel steht der erste Teil des Buches unter der Parole: So wollen wir nicht leben. Es geht hier um fehlende Visionen und Zukunftsblindheit, um den Wunsch der Bevölkerung nach Sicherheitsgarantien und die gerechte Verteilung der sich daraus ergebenden Opfer. Die Bürger wollen sich gesund fühlen können und keine Angst vor der Zukunft haben. Sicher leben anstatt viel haben, sei eine der neuen Leitlinien des Lebens. Dem stehe entgegen, dass das Lager der gefühlten Wohlstandsverlierer stabil bleibe. Jeder vierte Deutsche halte sich für armutsgefährdet. Über 16 Millionen würden zwischen Nichtmehrwohlstand und Nochnichtarmut leben, fühlten sich von Ausgehen, Shopping und Urlaubsreisen ausgeschlossen. Ihre Zukunftsängste hießen Inflationsgefahr, Arbeitsplatzverlust, Kriminalität, Rentenfalle, Überfremdung, Krankheit, Umweltschäden und weitere Defizite.

Der zweite Teil des Buches greift auf dessen positive Titelformulierung zurück. Er enthält Forderungen an die Politik und weist auf die nötigen Opfer der Bevölkerung hin. Es geht um erschwingliche Wohnung und Energie, Betreuung von Kindern und Alten, um Bildung und Steuern - immer mit dem Gedanken an die nächsten Generationen. Bei den Zukunftshoffnungen sollten Familie, Freundschaften, das Wirgefühl und der Doppelverdienst der Eltern eine Rolle spielen. Abschließend bietet der Autor mit Blick auf das Wohlergehen der nächsten Generationen die Zehn Gebote für ein gutes Leben an, von denen eines z. B. lautet: Verdien dir deine Lebensqualität durch Arbeit und gute Werke: Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es. Das klingt dann doch etwas flach. Wüsste man nicht, dass Opaschowski einen Namen in der wissenschaftlichen Gesellschaftanalyse hat, würde man der Kritik über dieses Buch mehr freien Lauf lassen. Es handelt sich hier wohl überwiegend um einen wohlmeinenden Ratgeber mit der Sicht des Älteren auf die engeren und weiteren Folgegenerationen, bestehend aus viel Lebenserfahrung, gespickt mit wissenschaftlichen Versatzstücken und utopischen Forderungen an Politik und Gesellschaft „...auf der Suche nach Halt, Heim und Heimat“, wie er es formuliert. Es könnte aber auch nur die Sehnsucht danach sein, vermeint der Leser zu spüren, insbesondere bei Kenntnisnahme der in einer Art Infokästen hervorgehobenen Statements. Das Bild eines Rufers in die Wüste, in den unbewohnten Raum also, drängt sich auf.

Ein umfangreiches Sachregister, das Grafikverzeichnis der Tabellen und eine gut gefüllte Übersicht zur verwendeten Grundlagenliteratur schließen diese der Zukunft zugewandte Arbeit ab. Man liest sie aus vielerlei Gründen mit gemischten Gefühlen.

F.T.A. Erle, Magdeburg