Buchcover Sexualitäten von Volkmar Sigusch

Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten

Campus Verlag Frankfurt am Main 2013, gebunden im Oktavformat mit Schutzumschlag, 626 Seiten, € 39,9o

Sexualitäten - der Begriff im Plural irritiert erst einmal grammatikalisch. Der Duden gibt eine solche Wortgestaltung jedenfalls nicht her. Und so ist schon das Interesse des Hinsehers geweckt, ganz abgesehen vom erwarteten Inhalt. Im Verlauf der Lektüre klären sich dann diese Ausdrucksform und vieles andere mehr.

Volkmar Sigusch ist der wohl im In- und Ausland bekannteste Sexualforscher der vergangenen Jahrzehnte. Er war von 1973 bis zu seiner Emeritierung 2006 Direktor des von ihm gegründeten Instituts für Sexualwissenschaft an der Medizinischen Fakultät der Universität in Frankfurt am Main mit dem Lehrstuhl für Spezielle Soziologie. Er gilt als ein Pionier der Sexualmedizin in Deutschland und Begründer der kritischen Sexualwissenschaft, auch als erfahrener Empiriker und Therapeut. Philosophie, Psychotherapie und Medizin bilden die Basis seiner Arbeit. Er entstammt der Generation der sog. 68er.

Das von ihm jetzt vorgelegte inhaltsschwere Buch wird von fachnahen Zeitgenossen als sein "Opus magnum" bezeichnet, sein Hauptwerk also. Er trägt darin seine lebenslangen Erkenntnisse, Erfahrungen, Schlüsse und Theorien in den zwei Kompartimenten Kritische Sexualtheorie: Prämissen und Aporien sowie Mundus sexualis: Paläo- und Neosexualitäten vor. Gefüllt sind diese beiden Blöcke mit den sog. 99 Fragmenten. Es handelt sich dabei um Aufsätze mit ausgiebiger Behandlung von Themen, die durch Hashtags (#) und zugeordnete Ordnungszahlen (z. B. #60 Shopsex) markiert und somit voneinander abgegrenzt werden. Der Eindruck eines geschlossenen Systems wird so vermieden. Auf diese Weise kommt der Grundgedanke des Werks zur Geltung: Sexualität ist nichts Beständiges und auch nicht systematisierbar. So ergibt sich im Inhaltsverzeichnis eine bunte Reihe von ausformulierten Überschriften; die meisten von ihnen fordern den Leser geradezu zum Einstieg heraus. Untereinander haben sie aber nur bedingt miteinander zu tun. Der Buchtitel schweißt sie zusammen. Was ist also das Sexuelle? wird z. B. unter #36 gefragt. Es gehöre zu dem, was Wissenschaftler nicht erkennen können, lautet die zusammenfassende Antwort des Wissenschaftlers! Das Sexuelle sei heiß, das Wissenschaftliche aber kalt. Sexualität ohne Fantasie sei tierisch.

Es erscheint müßig versuchen zu wollen, den Inhalt des Buches auch nur annähernd in eine Rezension zu zwingen. Dafür fehlen dem Rezensenten die wissenschaftlichen, über einige Strecken auch die sprachverständlichen Voraussetzungen. Zu speziell sind die Termini, zu philosophisch viele Denkansätze. Medizinisches Wissen wird beiläufig vorausgesetzt. Und trotzdem möchte man (V. S. verwendet übrigens grundsätzlich den Ausdruck manfrau) die Aussagen dieser 99 Fragmente verstehen.

Von besonderem Interesse dürfte für den neugierigen Leser der zweite Buchteil sein (#37 Inthronisation des Königs Sex bis #99 Geht das sexuelle Zeitalter zu Ende?). Es ist mehr der gesellschaftlichen Praxis zugewandt und gründet offensichtlich auf den Berufserfahrungen des Autors. Sein besonderes Augenmerk gilt der von ihm so genannten Dritten sexuellen Revolution mit Einleitung des neosexuellen Zeitalters in den 80er Jahren. Er will damit darauf hinweisen, dass die herkömmliche Begrifflichkeit nicht mehr zur Beschreibung der praktizierten Sexualität unserer Tage ausreicht. An die Stelle der alten genitalen Fassade sei, wenn auch nicht durchgängig, eine neue psychosexuelle getreten. Die Dissoziation von Sexualität und Fortpflanzung, die sexuellen Wünsche und Praktiken im demografischen Wandel (#84 Silver Sex), die Missbrauchsdebatte, neue Formen der homo-, bi-, inter- und transsexuellen Praxis mit und ohne Paarbindung u. v. a. m. verlangten nach gesellschaftlicher Beachtung, wenn nicht gar Anerkennung, nach einem Umdenken also.

Auf seinen theoretisierenden Strecken ist das Buch mitunter hochgradig schwierig. Es ist viel Nachschlageklärung erforderlich. Auch begibt sich V. S. manchmal in Nischen, die mit Sexualität nur noch einen sehr losen Zusammenhang zu haben scheinen. Aber dann ist es auch wieder sehr faszinierend, wenn es z. B. um die infantile Erotik (# 52 ff.) oder um die aggressive und die zärtliche Sphäre der Sexualität (#51) geht. Er nimmt den Leser auch mit in ein Sexkino (#63), spricht über die perverse und die normale Sexualität (#70), geht auf die Beziehungen zwischen Einsamkeit und Haustier ein (#392), macht die Wollust der Jugend zum Thema (#82). Ein ihm an Herzen liegendes Thema scheint das der Asexualität (#90) zu sein, für das er um aufmerksame Wahrnehmung bittet. Und selbst die gewalttätigen Hooligans kommen unter diesem Generalthema menschlicher Existenz vor (#99). Selbstverständlich geht es in diesem Buch auch um Liebe, Familie, Kinder und den Weg vom Paläo- in den Neozustand. Diese oder jene semantische Fehlleistung nimmt der literarisch gewandte Autor genüsslich, mitunter sarkastisch aufs Korn, übersetzt die erektile Dysfunktion als schwellfähige Fehlfunktion und möchte dem sexuellen Missbrauch nicht den Gebrauch gegenüberstellen. Dieser oder jener Ausdruck dürfte auch eine seiner Wortneuschöpfungen sein. Hinsehenswert auch eine Liste von Akronymen und Decknamen zur Entschlüsselung von Angeboten aus der einschlägigen Szene, z.B. zum Gebrauch von High Heels im Sado-Maso-Instrumentarium (#59). Und der eingangs herausgestellte Plural? Er ergibt sich nach Aussage des Autors aus der Differenzierung der Sexualität in die unverwechselbare und vielfache eigenständige Existenz mit ihren Entwicklungsphasen, Prägungen, Ausdrucksformen etc. in jedem Individuum. Die Sexualität gebe es nicht, habe es auch nie gegeben. Wir denken, leben, lieben und sterben heute anders, so Volkmar Sigusch 2013. Dafür habe in jüngerer Zeit schon allein die Digitalisierung unserer Tage und Nächte gesorgt.

Das Buch stellt in vieler Hinsicht eine Herausforderung dar, nicht nur wegen der sehr kleinen Schrift. Man wird den Autor nicht bedingungslos um sein angestautes Wissen zur Sexualität beneiden, vielleicht lieber "Paläo" bleiben wollen. Ein fleißig differenziertes Sachregister macht dieses Opus aber zu einer Art Nachschlagewerk. Das umfangreiche und mit einem deutlichen Eigenanteil versehene Literaturverzeichnis könnte eine größere Handbi-bliothek füllen.

F.T.A. Erle, Magdeburg

Cover: Verlag