Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)

Fälschungen, Plagiate und dergleichen sind keine Erscheinungen der Neuzeit, sondern reichen weit in die Antike zurück. Schon damals brachten weniger erfolgreiche Dichter oder Bildhauer ihre Werke unter dem Namen berühmterer Künstler in Umlauf. Das Motiv war damals wie heute materieller Art, obwohl auch Ehrgeiz, Anerkennung und sogar Vergnügen denkbar sind. Fälschungen kommen in allen Bereichen des Lebens vor, nicht nur in der Kunst. Urkunden, Unterschriften, Geld werden gefälscht, Markenartikel, Doktorarbeiten,…. die Aufzählung ließe sich unendlich fortsetzen. Erinnert sei an Reliquien. Im Mittelalter war die religiöse Sammelleidenschaft groß, das Angebot „echter“ Reliquien klein oder gar nicht vorhanden. Echtheitsprüfungen gab es nicht; ein großes Geschäft für Fälscher und Betrüger!

Wolfgang Beltracchi - Zwei rote Pferde
Wolfgang Beltracchi - Zwei rote Pferde

Was hat aber nun ein Kunstmuseum wie die Moritzburg in Halle bewegt, sich dieser Thematik anzunehmen, zumal es eine heikle Angelegenheit ist, an etwas zu rühren, von dem man selbst betroffen sein kann? Es war der „Fall Beltracchi“, so schreibt Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg, in seiner Einleitung zum Katalog, der den Anstoß gab, sich mit den Methoden der Fälscher und den Möglichkeiten ihrer Enttarnung zu beschäftigen. Und es geht um den Umgang mit diesem Problem. Warum ist uns das Original so viel wert? Sind doch heute mit modernen Druckmethoden Kopien aller möglichen Kunstwerke zu erschwinglichen Preisen möglich, ganz vorzügliche Drucke, oft sogar auf Leinwand mit Keilrahmen. Wenn es wirklich nur um Kunst geht, mit der wir leben wollen, wäre eine Kopie ausreichend. Warum ist das Original so wertvoll? Ist es lediglich der weit höhere materielle Wert, oder spielt da noch etwas anderes eine Rolle? Vielleicht ist es die Vorstellung, wie und unter welchen Verhältnissen der verehrte Künstler dieses Werk geschaffen hat? Ist es eine Art Kult? Ist es die Aura des Originals? Warum wird ein als gefälscht erkanntes Bild aus dem Museum verbannt, ein Kunstwerk, das vorher große Beachtung fand? Das Objekt ist nach wie vor das gleiche!

Han van Meegeren - Christus und die Ehebrecherin
Original bis 1947: Han van Meegeren in
der Manier von Jan Vermeer: Christus
und die Ehebrecherin, 1941/42,
Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 90 cm,
Museum de Fundatie, Heino/Wijhe en
Zwolle. The Netherlands. Loan from
Cultural Heritage Agency of the
Netherlands,
Foto: Tim Koster, Cultural Agency of
the Netherlands, Rijswijk/Amersfoort

Auf der anderen Seite ist es der knallharte Betrug, um den es geht und die damit verbundenen erheblichen materiellen Gewinne beziehungsweise Verluste. Fälschungen sind kriminelle Handlungen, selbst wenn man sich als Unbeteiligter einer gewissen Bewunderung der Fähigkeiten und Geschicklichkeit der Fälscher nicht ganz entziehen kann.

Die Ausstellung beschäftigt sich mit drei der bekanntesten Kunstfälscher des 20. Jahrhunderts. Es sind dies der van Gogh-Fälscher Otto Wacker (1898 – 1970), Han van Meegeren (1889 – 1947), der den niederländischen Meister Jan Vermeer fälschte und Wolfgang Beltracchi (*1951), der 2011 entlarvt wurde. Er fälschte zahlreiche Bilder der klassischen Moderne.

Grundlage all dieser Fälschungen ist das zunehmende Interesse an bildender Kunst im 20. Jahrhundert. Einerseits war – und ist noch immer – genügend Geld vorhanden. Andererseits steht diesem gut anzulegenden Geld nur eine begrenzte Anzahl beutender und gewinnversprechender Kunstwerke gegenüber. Die Preise steigen hoch und höher. Das Tätigkeitsfeld der Fälscher ist bereitet.
Eine Anmerkung sei mir gestattet: besonders einfach zu fälschen sind die „Kunstwerke des kleinen Mannes“, die Druckgrafiken. Da genügt oft schon ein guter Farbdrucker und der Miro oder Chagall, in einer offiziellen Auflage von 3000 Exemplaren (unsigniert) in den Handel gebracht, vermehrt sich leicht um einige Blätter; bei einem Preis pro Blatt von 300 bis 600 € ein gutes Geschäft!

Günter Hopfinger: 1000-DM-Banknote
Günter Hopfinger: 1000-DM-Banknote,
ca. 1973, Buntstift auf Papier,
199 x 118 mm, HVB-Stiftung
Geldscheinsammlung, München,
Foto: HVB-Stiftung Geldscheinsammlung,
München

Die Geschichten der drei in der Moritzburg vorgestellten Kunstfälscher lesen sich wie ein Krimi. Das wäre Stoff für einen „Tatort“, ohne Mord und Totschlag und trotzdem spannend.
Beispiel Wolfgang Beltracchi: Der „verkrachte“ Maler Wolfgang Fischer (geb. 1951) knüpft Kontakte zu Kunstexperten, die ihm Möglichkeiten eröffnen, seine Fälschungen moderner Kunst zu legalisieren, indem sie in Werkverzeichnissen erscheinen. Da man ihm offensichtlich auf die Schliche kommt, nimmt er den Namen seiner Frau Helene Beltracchi an, die er 1993 heiratet. Damit ist Wolfgang Fischer nicht auffindbar, die Ermittlungen sind erfolglos. Das Ehepaar erfindet nun die „Sammlungen von Knops und Jägers“ aus denen die vermeintlichen Gemälde der Expressionisten stammen. Frau Beltracchi bringt die Fälschungen in Umlauf. Es werden Millionen verdient. 2010 kommt es zur Verhaftung. Der Betrugsgewinn wird auf 20 bis 50 Millionen beziffert. Wolfgang Beltracchi legt ein Geständnis ab. Er erhält sechs Jahre Haft, kommt aber bald in den offenen Strafvollzug. Es folgt die Karriere als „Jahrhundertfälscher“, mit einem Film und zwei autobiografischen Büchern steht er erneut im Interesse der Medien.

Otto Wacker Sämann
Original bis 1932: Otto Wacker in der
Manier von Vincent van Gogh: Sämann,
Ende der 1920er Jahre, Öl auf Leinwand,
75 x 58,5 cm, Privatbesitz,
Foto: Ralf Lehmann

Diese und viele andere spannende Geschichten, interessante Einblicke in die Machenschaften und Raffinessen der Fälscher sowie naturwissenschaftliche Methoden zum Nachweis von Fälschungen (u. a. Computertomografie und Röntgenuntersuchung) erwartet den Besucher der Ausstellung. Ein Besuch lohnt sich. Etwas Zeit ist mitzubringen.

Dr. Wolfgang Lässig,
Langenbogen

Weitere Informationen:
Kunstmuseum Moritzburg Halle
Geöffnet tägl. 10-18, donnerstags bis 20 Uhr
Tel.: 0345 / 21259-0
Ausstellungsdauer bis 01.02.2015