Prof. em. Dr. sc. med. Rudolf Ewald RichwienAm Tag nach der Sommer-Sonnenwende endete das Leben eines Mannes der halleschen Universitätsmedizin. Sein Leben spiegelt exemplarisch die Zeitläufte wider ebenso wie die jüngste deutsche Medizinhistorie. Seine Ehrung liegt uns aus eben diesen beiden Gründen am Herzen.

Rudolf Richwien wurde als sechstes Kind im thüringischen Niederorschel geboren. Als Kind kompensierte er seine schwächliche Statur durch Beharrlichkeit, Intelligenz und Durchsetzungsfähigkeit. Eine rheumatische Erkrankung fesselte ihn im 10. Lebensjahr für zwei Jahre an das Krankenbett. In dieser Zeit las er alles was an naturwissenschaftlicher und technischer Fachliteratur für ihn erreichbar war.

Er gewann in dieser Zeit die seltene Gabe eines außergewöhnlichen visuellen Gedächtnisses, die ihn in die Lage versetzte, sich jedes einmal gelesene Buch jederzeit wieder Seite für Seite vor Augen führen zu können.

Der Besuch eines Gymnasiums wäre auf Grund der wirtschaftlichen Lage der großen Familie nicht möglich gewesen.

Seine außergewöhnliche Begabung bewog seinen älteren Bruder Karl und einen seiner Lehrer sowie andere Fürsprecher ihn mit Erfolg für einen schulgeldbefreiten Oberschulbesuch zu empfehlen.Rudolf Richwien begann sich in dieser Zeit in beobachtender Weise für Menschen zu interessieren und es reifte in ihm der Wunsch, Mediziner zu werden.

Als Jugendlicher zeigte sich auch sein Talent, durch illusionistische Zaubertricks oder selbst beigebrachtes flottes Klavierspiel Publikum zu unterhalten.

1944 hatte er auf Grund seiner erfolgreichen Teilnahme an einem funktechnischen Wettbewerb das Glück, von seiner Dienstverpflichtung als Sanitäter in ein Sonderausbildungslager der Marine für Hochfrequenztechnik an den Traunsee in Österreich abkommandiert zu werden. Durch die dort erhaltene Ausbildung konnte er seine elektrotechnischen Grundlagenkenntnisse wesentlich erweitern, was ihm in seiner zukünftigen Laufbahn als Mediziner zu Gute kommen sollte.

Auf einer Funkstation in den österreichischen Alpen erlebte er als Ohrenzeuge über Kopfhörer den schrittweisen Zusammenbruch des Naziregimes. Das Kriegsende ersparte ihm, wie eigentlich vorgesehen, als U-Boot-Funker auf Feindfahrt sein Leben aufs Spiel setzen zu müssen. Seinen 17.Geburtstag verbrachte er auf einem Gewaltmarsch entlang vereister Berghänge, um der drohenden russischen Kriegsgefangenschaft zu entgehen.

Nach kurzer Internierung durch die Amerikaner arbeitete Rudolf Richwien zunächst als Schlosser und setzte seinen kriegsbedingt unterbrochenen Oberschulbesuch fort.

Seine Begabung ermöglichte ihm, Klassen zu überspringen und vorzeitig das Abitur zu erlangen.

1946 wurde er als einer von 50 unter 2000 Bewerbern zum Medizinstudium an der Martin-Luther-Universität in Halle immatrikuliert. Nebenher belegte er damals auch das Fach Psychologie und erhielt zusätzlich eine private Psychotherapie-Ausbildung – dies zunächst mit dem Ziel psychoanalytischer Psychotherapeut zu werden.

Nach 10 Semestern legte er 1951 sein Staatsexamen mit „Sehr gut“ ab. Durch seine Mitgliedschaft in der Katholischen Studentengemeinde Halle/Saale erhielt er zusätzliche theologische und philosophische Anregungen. Er beschäftigte sich über dies auch mit mystischen Traditionen oder ostasiatischen Weisheiten. Sehr lebhaft erinnert sich der Koautor dieses Nachrufs an die zahlreichen kostbaren und langen Abende mit seinem Lehrer und Doktorvater, die zunächst als Besprechung von Manuskripten und medizinischer Literatur begannen, um dann beim Bhagavad Gita, Karl Popper oder anderen philosophischen Unterweisungen und Grenzgebieten zu enden – damals „schwer verdaulich“ für einen jungen Absolventen und mit Langzeitwirkungen behaftet.

1952 heiratete er seine Jugendliebe Sigrid Hartung auf dem „Kerbschen Berg“ bei Dingelstädt unter zeittypisch bedingt dramatischen Umständen.

Sein Frau Sigrid, bis dahin Keramikerin an der Kunstschule der „Burg“, schenkte ihm später drei Kinder.

Zunächst arbeitete Rudolf Richwien als Pflicht-Assistenzarzt in verschiedenen Abteilungen der Universitätsklinik Halle und am Kreiskrankenhaus Suhl.

An der Martin-Luther-Universität in Halle promovierte er 1954 am Institut für experimentelle Pathologie über „Untersuchungen zur Atemwirksamkeit schwacher Stenosen“.

1957 erlangte er seinen Facharztabschluss an der Universitäts-Nervenklinik Halle als Neurologe und Psychiater, die er noch unter Prof. Pönitz begonnen hatte und nahm 1958 seine Tätigkeit als Oberarzt für Neurologie an der Neurochirurgischen Abteilung der dortigen Chirurgischen Universitätsklinik auf, die er in den folgenden Jahren maßgeblich mit prägte.

Seine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und sichere klinisch-neurologische Diagnostik waren unter seinen Fachkollegen und dankbaren Patienten „Legende“. Angeregt von den Arbeiten Wartenbergs, Gottschicks und denen von Clara, Bing und Merrem brachte er es in der klinischen Neurologie zu wahrer Meisterschaft. Er fügte der neurologischen Reflexlehre schlussendlich sogar – wenn auch nach seiner eigenen Einschätzung zur Unzeit weil „unmodern“ geworden – seine Beobachtung des sogenannten „Kombinationsreflexes“ hinzu. Dieser kann vom Geübten zur sehr feinen Pyramidenbahn-Diagnostik eingesetzt werden.

Seine Prognosen zur räumlichen Lokalisation von Gehirntumoren bestätigten sich unter dem Skalpell der Neurochirurgen mit nahezu regelmäßiger Zuverlässigkeit. Dies war zur damaligen Zeit – anfangs ohne CT und ganz und gar ohne MRT - keineswegs selbstverständlich. Deshalb bezeichneten ihn seine ehemaligen Assistenten damals voller Achtung als den „Hochmeister der topischen Diagnostik“. Sein eigenes Manuskript „Einführung in die praktische-neurologische Diagnostik“ durfte in der ehemaligen DDR wegen „Papiermangels“ niemals erscheinen, wurde aber unter seinen Schülern als Lehrbuch genutzt und gehandelt.

Obgleich primär fest in der Schulmedizin verwurzelt, ließ sich Rudolf Richwien – beeindruckt durch dessen exzellente Anamnesetechnik und sichtbare Auswirkungen der Therapie wie auch gerade unter dem Eindruck spezifischer Nebenwirkungen - von dem seinerzeit über Halles Grenzen hinaus hochgeschätzten homöopathischen Arzt Adolf Meißner auch in dieser Kunst ausbilden. Fest in Klinik und Phänomenologie verwurzelt ist auch dieser Weg nachvollziehbar. Er selbst erzielte damit später unerwartete Heilerfolge.

Als Rudolf Richwien seine Habilitationsarbeit zu einem rein schulwissenschaftlichen Thema einreichte, wurde ihm trotz unbestrittener fachlicher Kompetenz durch eine Intrige im sozialistischen Lehrbetrieb als Anhänger der im offiziellen marxistisch-leninistischen Betrieb als „unwissenschaftlich“ verpönten homöopathischen Lehre zunächst die Zulassung verweigert, was ihn nachhaltig verletzte und verbitterte. Er wurde erst 1969 rehabilitiert.

Auch in einem gänzlich anderen Zweig der Medizin leistete Rudolf Richwien interessebedingt Außergewöhnliches: Er verfasste 1968 zusammen mit Dr. Rudolf Millner (Medizinische Physik) das Standardwerk „Grundlagen der medizinischen Elektronik“, wozu kein Geringerer als Manfred von Ardenne das Geleitwort schrieb.

In den 70er Jahren dann entwickelte Rudolf Richwien durch patententierte Neuerungen den internen Herzschrittmacher zur Funktions- und Produktionsreife, deren Prototypen er eigenhändig zusammenlötete. Damit gehörte er – auch wenn die Entwicklung späterer Geräte in andere Richtung ging – zu den Pionieren der Herzschrittmachertechnik und wurde mit einer Goldmedaille der Leipziger Messe und anderen Auszeichnungen geehrt.

Der Persönlichkeit von Prof. Dr. Richwien wäre nicht umfänglich die Ehre erwiesen, würden wir nicht an seine Verdienste um die Ophthalmologie bzw. Neuroophthalmologie der hiesigen Fakultät erinnern. Stellvertretend sei an seinen Beitrag zur ätiologischen Klärung des sogenannten Adie-Iridoplegie-Areflexie-Syndroms bzw. die Pupillotonie erinnert. Er arbeitete über zahlreiche andere Phänomene: zentrale Störungen des Cornealreflexes im afferenten Schenkel, Marcus-Gunn-Phänomen, reflektorisches Enophthalmus-Syndrom bei Leber-Galle-Krankheiten, okulomandibuläre Blickrichtungssynergie.

Als angehenden Kinderarzt beeindruckte den hier Mitverfassenden, die minutiöse Beobachtung zum Wallenberg-Syndrom im Kindesalter.

Auf chirurgischem Felde arbeitete er zu funktionellen Bewegungsstörungen der oberen Extremität wie auch zur posttraumatischen Fehlinnervation der Hand.

Die Liste seiner Publikationen bzw. in Co-Autorenschaft verfassten Beiträge in medizinischen Fachzeitschriften umfasste, Stand Mai 1976 (!), 64 Titel, wobei sich der Umfang seines gesamten Werkverzeichnisses in den folgenden Jahren noch beträchtlich vergrößerte.

Darüber hinaus hielt er bis 1989 insgesamt mindestens 57 Vorträge auf Kongressen.

Schließlich lernte er auch noch aus eigenem Interesse in einem Intensivkurs die russische Sprache.

Trotz verliehener Ehrentitel wie „Dr. scientiae“ oder „Medizinalrat“ blieb ihm auf Grund seiner konsequenten Parteilosigkeit, er war 1952 aus der zwangsvereinigten SED ausgetreten, die Professur bis zum tatsächlich allerletzten Tag der DDR versagt. Seine Ernennungsurkunde zum „Ordentlichen Professor“ trägt das denkwürdige Datum 2. Oktober 1990.

Die letzten Berufsjahre war Prof. Richwien – dies zumindest ungewöhnlich in der deutschen Kliniklandschaft – als neurologischer Oberarzt an der Klinik für Innere Medizin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig und war gesuchter Gesprächspartner für Kliniker aus den verschiedensten Arbeitsbereichen der Klinik. Es war ein Geschenk, ihn unter der Woche wie auch an Wochenenden bei seinen klinischen Visiten persönlich und nach antikem Vorbild im Schüler-Lehrer-Verhältnis zu begleiten. Den komplexen Erläuterungen am Patientenbett stand in beeindruckender Weise der anschließende kurze und prägnante schriftliche Befund und deren Deutung gegenüber, die an praktisch-intellektueller Grazie und Genauigkeit ihresgleichen suchten aber nie fanden.

Die Wende und Wiedervereinigung gerieten ihm, obwohl er sie herbeisehnte, zur persönlichen Enttäuschung, wäre doch seine berufliche Karriere damals nur unter unangemessenen Bedingungen fortzusetzen gewesen.

Wir haben in ihm einen großen Lehrer verloren – das ist sicher. Fest steht außerdem, dass er selbst niemals wusste – und diesen Widerspruch im Gespräch auch immer wieder bekundete - ob er denn nun als „Wissenschaftler“ oder „Arzt“ zu bezeichnen sei. Wir ehren und achten ihn, weil wir durch ihn erfahren durften, dass es möglich ist, alle diese drei Facetten in einer genialen Persönlichkeit zu vereinen.

Wir erinnern an ihn heute, weil er uns gezeigt hat, dass Exzellenz keiner Bühne und keiner Selbstdarstellung bedarf um zu wirken.

Nicht zuletzt trauern wir um einen weisen Berater, der in allen menschlichen Situationen Trost und Hilfestellungen geben konnte.

Wir wollen sein Andenken in Ehren halten!

Dr. phil. Gerhard Richwien
Freiberuflicher Restaurator und Kunsthistoriker

Dr. med. Thomas Gerd Müller
Oberarzt
Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin
Universitätsklinik Halle/S.

Prof. em. Dr. med. habil. Winfried Burkert

Halle, den 05.09.2014

Foto: Familie Richwien, Halle und Heilbad Heiligenstadt