Wie unser Essen produziert wird - Auf der Suche nach Lösungen für die Ernährung der Welt.

Ludwig Verlag, München 2014, ISBN  978-3-453-28063-2, Broschur, 24  farbige Abbildungen, zahlreiche Graphiken, 320 Seiten, € 16,99

„Vor allem wünschen wir uns friedlich grasende Kühe, Schweine, die bis zu ihrem sanften Ende ein glückliches Leben führen dürfen und giftfreies Obst von Bauern aus der Region“. So die Autoren im Klappentext! Man ahnt schon, dass da eine sanfte Ironie mitgeschrieben hat. Denn die Autoren Valentin Thurn und Stefan Kreutzberger, Dokumentarfilmer und Umweltjournalisten, weisen sich in der Thematik dessen, was uns auf die Teller kommt, als ziemlich bewandert aus. Sie waren auf ähnlichem Gebiet schon erfolgreich tätig und wenden sich hier der mehr als nur spannenden Frage zu: Was und wie viel essen wir, was werden wir morgen essen. Denn bereits 2050 wird die Erde ca. 10 Milliarden (10 000 000 000) Menschen tragen müssen. Mehr als 7 Milliarden sind wir bereits. Eine Milliarde davon hungert oder verhungert, zwei Milliarden sind mangelernährt. Dabei würde die aktuelle Nahrungsmittelproduktion rein rechnerisch genug aufbringen, um 14 Milliarden Mägen zu füllen. Es bestünde also kein Grund zur Resignation.

Jedoch die Lebensmittelproduktion wird heute wie Krieg betrieben auf den Ebenen industriell versus bäuerlich, global versus lokal. Das vorliegende Buch bearbeitet das Thema der Welternährung vielseitig in den Kapiteln:
1. Werden wir genug zu essen haben, 2. Das Saatgut-Monopoly, 3. Düngemittel: In 40 Jahren ist Schluss, 4. Soja aus dem Süden für die Tierställe im Norden, 5. Fleisch für die Welt, 6. Geld regiert die Welt, 7. Gaga Food, 8. Neues Denken. Seine Unterstrukturen werden von neugierig machenden Zwischenüberschriften gebildet. Eingestreut sind informative Grafiken bzw. Diagramme. Grundsätzliches wird durch grau unterlegte Textfelder hervorgehoben. Den Hauptinhalt aber machen unpathetische Erlebnisberichte, Besuchsprotokolle und Reportagen von aufgesuchten Personen, Konzernen, Anlagen, Bauern und anderen in der Land- und Bodenwirtschaft tätigen Machern und Malochern in der ganzen Welt aus. Das Signetbildchen  einer Filmklappe kennzeichnet die Abschnitte, die Eingang in einen geplanten Dokumentarfilm finden werden. Insbesondere gehen die Autoren der Behauptung nach, das Essen der Zukunft sei nur durch großflächigen monokulturellen Anbau, Kunstdünger, Pestizide und Gentechnik zu sichern. Sie kommen so sehr bald zu der Erkenntnis, dass die Bemühungen um die Ernährung der Weltbevölkerung eine hochpolitische Angelegenheit ist und dass Hunger heute kein Mangel- sondern ein Verteilungsproblem ist. Noch wächst die Produktion von Nahrungsmitteln weltweit schneller als die Bevölkerung. Das Lamento über einen immensen Menschenzuwachs trifft nicht den Kern des Übels. Allerdings verbraucht unsere westliche Welt anderthalb mal mehr, als absehbar nachwachsen kann. So, wie die Einwohner nur der Stadt New Yorks täglich mehr Energie verbrauchen als der ganze afrikanische Kontinent. Die Konsumansprüche privilegierter Minderheiten setzten sich bisher immer durch.

50% der zum Verzehr geeigneten Nahrungsstoffe werden fremdverwendet oder als Lebensmittel weggeworfen, eine zynischer Umgang mit Hunger im Schlepptau explodierender Nahrungsmittel- und Bodenpreise. Allein die vernichteten Nahrungsmittel verursachen ein Viertel des weltweiten Wasserverbrauchs. Die durch sie erzeugten Emissionen sind größer als die des gesamten Verkehrsbereiches. Der große Hunger nach Fleisch ist ein treibender Faktor dieses erschütternden Zustandes. Denn die Tierhaltung ist der weltweit größte Landverbraucher. Am importierten Fleisch hängt ein virtueller Input von Ackerland aus Entwicklungsländern. Der ökologische Fußabdruck unseres Fleischkonsums von durchschnittlich 88 kg/Jahr ist tief und breit. Auch die Meere sind total überfischt. Was nicht direkt zur Ernährung taugt, wie der Krill, wird zu Tierfutter gemahlen oder für die Kosmetikindustrie u. v. a. m. vermarktet.

Landwirtschaft lohnt sich heute insbesondere für die Großen, für Konzerne, Märkte und Börsen. BAYERs Agrikultursparte heißt CropScience. Sie arbeitet mit hybridisiertem Designer-Saatgut unter dem Bewusstsein: Wer das Saatgut beherrscht, beherrscht unsere Lebensmittel und die Menschheit. Grundlage ist eine Hybrid-Zuchtmethode, die bei guten erstjährigen Erträgen diese in den folgenden Generationen der Aussaat immer weiter zurück gehen lässt, also für den Käufer nicht zur weiteren Saatgutgewinnung aus dem Feldertrag taugt. Es muss jedes Jahr neu gekauft werden, dazu die passenden Pestizide, Fungizide und die Bodendroge Dünger, alles im aufeinander angewiesenen Designpaket. Das treibt den indischen oder afrikanischen Kleinbauern in die Verschuldung, die Existenzaufgabe, überdurchschnittlich häufig auch in den Suizid.
Die Ressourcen sind endlich, es sind neue Wege zu denken. Das Themenspektrum des Buches ist da breit gefächert. Es umfasst das Hühnerklein ebenso wie den rasanten Boom der Zuchtfische, das Gemüse aus den vertikalen Kulturen großstädtischer Hochhäuser wie die frittierten Insekten und stammzellgezüchteten Burger. Es macht deutlich: Einfach nur mehr produzieren wollen, ist nicht die Lösung. Nach Ansicht der Autoren gäbe es aber noch ausreichend Spielraum, den Hunger im Überfluss zu verhindern. Dazu gehörte auch die Förderung einer regionalen Erzeugung bei und fern von uns, das Direktmarketing. Und selbst die Veredlung unserer Exkremente zu phosphatkonzentriertem Kunstdünger wäre nicht vom Teller zu weisen. Die Autoren schlagen eine Bresche für den Geschmack der Heimat, für Weniger ist mehr. Die Lektüre des Buches hinterlässt eine gewisse Ratlosigkeit aber gleichermaßen auch Hoffnung. Es ist ein Buch zur Zukunft unseres Anthropozän.

F. T. A. Erle, Magdeburg