Eine Ketzerschrift

Kulturverlag Kadmos, Berlin 2015, ISBN 978-3-86599-207-9,
Format 22 x 22 cm, 168 Abbildungen, 176 Seiten, 24,90 €

„In Stadien, auf Plätzen und in Hallen und Becken werden siegreiche Männer und Frauen in der Form von Aposteln und Heroen mystifiziert und in synodaler Form gefeiert...“ So der Einstieg des Autors an anderer Stelle in das Thema der Kultur des Leistungssports als moderne Form von Religion. Diese Sicht liegt auch den Thesen seines hier vorgelegten Buches zugrunde. Der habilitierte Sportwissenschaftler und Kulturhistoriker Peter Kühnst will mit seiner reich illustrierten „Ketzerschrift“ die Parallelität der Erscheinungsformen und Kulte des Sports und der Religion nachweisen.

Die Themenkomplexe „Tempel der Körper“, „Kult des Fleisches“, „Kulissen der Architektur“, „Körperliche Religion – Olympionismus“ geben dem Buch eine Struktur, seine vielen Bilder machen es zu einem Schauerlebnis. Schon das Cover mit seinem außerirdischen Feuerwerk am olympischen Himmel über London 2012 lenkt den Blick nach innen. Dem elitären Anspruch Ketzer sein zu wollen, gibt der Autor reichlich Nahrung. Unter Religion versteht er allerdings überwiegend nur die katholische Kirche in ihrer architektonischen und öffentlichen Äußerung und er arbeitet sich weidlich in Bild und Text an ihr ab. Dabei benutzt er gern das Vokabular von Religion und Kirche, wenn auch bei weitem nicht immer treffend. Überhaupt erscheinen Vergleiche und Einlassungen religiösen bzw. theologischen Inhalts nicht sehr fundiert und lassen Fragen offen. Worin soll z. B. die Parallelität zwischen Heroen und Aposteln oder mittelalterlichem Ablasshandel und heutigem Doping bestehen? Das Kapitel über den Kult des Fleisches hält, was die Überschrift vermuten lässt. Versportung, Bemuskelung, Verfleischlichung seien als Ausprägung des Gläubigen und Religiösen zu verstehen. Die Vokabel „geil“ verwendet er gern und häufig. Dazu passt z. B. sein geäußertes Empfinden, dass der quasi als Stöhnen hörbare Ausatmungsstoß mancher Tennisspielerinnen beim Schlag Teil ihrer sexuellen Akustik sei oder der Toreinschuss ein koitales Erlebnis. Sport und Spiel seien verschleierter Exhibitionismus. Sie seien lüsterne Projektionen verfremdeter Triebe und sexueller Lust in sakraler Kulisse, berstend vor wollüstiger Spannung, die sich entladen möchte. Wir sähen, begafften und beschwärmten die sich kokett öffnenden und schließenden rehschlanken Schen-kel der Sportlerinnen. Es seien Madonnenspiele und letztlich Venuskulte zwischen Scheinheiligkeit und Heiligenschein. Letztere Formulierung lässt eine gewisse Neigung zu sprachlicher Effekthascherei des Autors erkennen. Sein Sprachduktus vermittelt mitunter Züge eines Predigerstils, inhaltlich nicht bar jeden Schwulstes aus eigener oder zitierter Feder.
Der Part zur Architektur der Sportstätten fällt da schon etwas nüchterner aus, besonders betreffs der Baugeschichte der olympischen Bewegung. In schöner chronologischer Reihe wird die Entwicklungsgeschichte bemerkenswerter Olympiastadien vom wiedererstandenen Panathenaikos-Halboval der Griechen 1896 über die zirkusähnlichen Münchener Zeltdächer 1972, das Pekinger Vogelnest 2008 bis zu den Londoner Bauten von 2012 gewürdigt. Die Bilder dazu faszinieren in der Zusammenschau. Wie aber das Moskauer Leninstadion letztlich den Glauben an die göttliche Herrlichkeit versinnbildlichen soll, bleibt dem harmlosen Leser ein Rätsel.

Die ganz eigene Sicht des Autors ergibt sich auch aus der Doppelseite 126/127 mit den Abbildungen 125 - 142. Dort werden 18 Porträts von prominenten aktuellen Sportfunktionären und von geistlichen Würdenträgern unserer Tage in einer von ihm zur Kurie gemachten Gruppe dargeboten, die die Auslegung seiner Thesen unterstreichen sollen. Da ist es ganz logisch, wenn er Reinhard Kardinal Marx, den Münchener Erzbischof und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz als reformfähigen Katholiken – aber Kardinal klassifiziert. Überhaupt ist so manche peinliche Überheblichkeit gegenüber der Geschichte spürbar, wodurch er sich weniger als Ketzer als vielmehr als Ätzer offenbart. Eine Literaturauswahl, eine eigene Publikationsauswahl und eine Aufzählung von einschlägigen Ausstellungen schließen das Buch vor dem Quellennachweis der Abbildungen ab.
Der allerletzte Satz des Buches lautet: „Eingebettet zwischen einer alten anmaßenden Religion und einem neuzeitlich aufdringlichen Aktionismus taumelt unser humanistisches wie demokratisches Wollen per aspera ad astra.“ Klingt irgendwie umnebelt!

F.T.A. Erle, Magdeburg