Leserbrief von Prof. Dr. Frank P. Meyer zum Editorial von Dipl.-Med. H. Thurow im Ärzteblatt Sachsen-Anhalt,
Heft 6/2015, S. 5

Sehr geehrte Frau Dr. Heinemann-Meerz,

dem Editorial „Verstehen wir uns?“ im Ärzteblatt Sachsen-Anhalt 2015; 26/6: 5 kann man zustimmen, insofern es um Sprachprobleme ausländischer Ärzte in Deutschland geht. Dieser spezielle Aspekt ist ohne Weiteres zu verallgemeinern, wenn man an Goethe in „Eigenes und Angeeignetes“ (1821) denkt: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen“.

Das Editorial impliziert jedoch auch ein gravierendes ethisches Problem, wenn formuliert wird, dass zum 31.12.2014 in Sachsen-Anhalt 965 ausländische Ärzte, vorwiegend aus osteuropäischen Ländern, gemeldet waren. In Deutschland dürfte diese Zahl um Dimensionen höher sein. Das ist deshalb ethisch relevant, weil diese Ärzte, die in ihren Heimatländern auf Kosten der Steuerzahler studiert haben und ausgebildet wurden, dort den Patienten fehlen.

Wir waren in der DDR mit diesem Problem ebenfalls über Jahre konfrontiert, wenn gut ausgebildete Fachärzte in die ehemalige Bundesrepublik übersiedelten. Letztlich führte das im Jahr 1954 zur Gründung der drei Medizinischen Akademien in Magdeburg, Dresden und Erfurt, um dem so entstandenen Ärztemangel zu begegnen.

In diesem Kontext ist interessant, wie der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl dieses ethische Problem sah, als er 1991 zur Eröffnung des 94. Deutschen Ärztetages in Hamburg sagte: „... Und ich wünsche mir eigentlich, dass wir in diesen Tagen, wo immer noch so viel von hüben und drüben geredet wird, nicht vergessen, welcher Dienst dort geleistet wurde: zu einem Zeitpunkt – ich klage das nicht an, ich stelle es nur fest – in dem andere weggegangen sind, um günstigere Möglichkeiten wahrzunehmen. Es sind Ärzte, Pfleger, Ärztinnen und Schwestern geblieben, weil sie sich dem Dienst am Patienten verpflichtet fühlten; ihnen gebührt unser besonderer Dank ...“

Dem ist auch 25 Jahre später nichts hinzuzufügen.

Mit freundlichen Grüßen
 
Prof. Dr. med. Frank P. Meyer
Wanzleben-Börde