Wer noch einen Hut männlich zu tragen pflegt, sollte ihn ziehen vor dieser Frau, sofern er auf ihre Spuren trifft. Und das kann täglich passieren. Dass Frauen heute in aller Selbstverständlichkeit promovieren, wenn man sie nur lässt, und den Beruf einer Ärztin in For-schung, Lehre und Praxis ausüben –  Dorothea Christiane Erxleben hat es erkämpft. Vor 300 Jahren wurde sie im Vorharz geboren. Man kennt sie hier in Mitteldeutschland und angrenzenden Regionen. Kliniken, Bildungseinrichtungen, Wissenschaftsprogramme, Preise und Straßen tragen den Namen der Dr. Dorothea Erxleben aus dem Quedlinburg des ausgehenden Barock und beginnenden Klassizismus, aus der Zeit der Aufklärung, letztere besonders evident an der preußischen Reformuniversität Halle a. d. Saale.  Eike Pies, der Autor des hier vorzustellenden Bändchens, hat sich ihrer bereits 2011 publizistisch bemächtigt. Aus seinen Tasten stammt u. a. ein Buch über Johann Andreas Eisenbarth (1663-1723, s. ÄB SAT 1/2005), diesen modernen Praktiker seiner Zeit.  Die Struktur des Buchinhalts zu Dorothea Erxleben mit 10 Kapiteln incl. Literaturauswahl verrät den populärwissenschaftlichen Ansatz seines Schöpfers. Es beginnt mit den Frauen in der Medizin von Hildegard von Bingen bis Lydia Rabinowitsch-Kempner. Es folgt dann ein Abschnitt zum Elternhaus Leporin mit Wurzeln resp. Stationen in Dreileben und Aschersleben. Das Kapitel Die erste promovierte Ärztin in Deutschland

Verlag Dr. Eike Pies, Sprockhövel 2011,  ISBN 978-3-928441-8o-3,
Broschur i. Oktavformat, 63 S., zahlr. sw. Abb., € 15,-

Wer noch einen Hut männlich zu tragen pflegt, sollte ihn ziehen vor dieser Frau, sofern er auf ihre Spuren trifft. Und das kann täglich passieren. Dass Frauen heute in aller Selbstverständlichkeit promovieren, wenn man sie nur lässt, und den Beruf einer Ärztin in Forschung, Lehre und Praxis ausüben – Dorothea Christiane Erxleben hat es erkämpft. Vor 300 Jahren wurde sie im Vorharz geboren. Man kennt sie hier in Mitteldeutschland und angrenzenden Regionen. Kliniken, Bildungseinrichtungen, Wissenschaftsprogramme, Preise und Straßen tragen den Namen der Dr. Dorothea Erxleben aus dem Quedlinburg des ausgehenden Barock und beginnenden Klassizismus, aus der Zeit der Aufklärung, letztere besonders evident an der preußischen Reformuniversität Halle a. d. Saale.

Eike Pies, der Autor des hier vorzustellenden Bändchens, hat sich ihrer bereits 2011 publizistisch bemächtigt. Aus seinen Tasten stammt u. a. ein Buch über Johann Andreas Eisenbarth (1663-1723, s. ÄB SAT 1/2005), diesen modernen Praktiker seiner Zeit.

Die Struktur des Buchinhalts zu Dorothea Erxleben mit 10 Kapiteln incl. Literaturauswahl verrät den populärwissenschaftlichen Ansatz seines Schöpfers. Es beginnt mit den Frauen in der Medizin von Hildegard von Bingen bis Lydia Rabinowitsch-Kempner. Es folgt dann ein Abschnitt zum Elternhaus Leporin mit Wurzeln resp. Stationen in Dreileben und Aschersleben. Das Kapitel "Wehmüthige Angelegenheiten" ist der der z. T. politisch brisanten Lern- und Studienzeit der Protagonistin gewidmet, wobei sie ihre Kränklichkeit als Glück bezeichnet, da ihr dadurch das väterliche Programm einer wissenschaftlichen und praktischen Ausbildung zu Hause eröffnet wird.

In dieser Zeit entsteht auch ihr berühmtes Traktat zu den Ursachen bzw. die Begründungen der Verhinderung des akademischen Studiums von Frauen. Aber erst 1742 publiziert sie es in Berlin auf Drängen des Vaters und mit seinem Vorwort. Als dann in der Familie eine Notsituation auftritt, heiratet sie den 18 Jahre älteren Witwer Diakon Erxleben  mit fünf unmündigen Kindern nach dem frühen Tod einer ihrer Cousinen. Sie tut dann noch vier Kinder aus der gemeinsamen  Ehe dazu, führt einen großen Pfarrhaushalt von 11 Personen und arbeitet mit in der ärztlichen Praxis ihres Vaters. Das ruft jedoch aus dem Berufsstand Neider auf den Plan.  Sie wird von "Kollegen" angezeigt wegen Verstoßes gegen die junge Preußische Medizinalordnung und wegen  angeblicher "Kurpfuscherey". Der Vater hat es nicht miterlebt. Es folgt das Praxisverbot. Die Promotion an der Medizinischen Fakultät in Halle mit Sondergenehmigung des Königs und unter Vorlage einer offensichtlich beeindruckenden Dissertation zu praktischen Fragen des Umgangs mit ärztlicher Therapie auf wissenschaftlicher Grundlage schafft Abhilfe. Der bereits reiche Erfahrungsschatz aus der väterlichen Ordination, u. a. auch als fürstliche Leibärztin, kommt ihr dabei zugute. Sie besteht das zweistündige Rigorosum von fünf Professoren  in Halle in lateinischer Sprache  am 6. Mai 1754 kurz nach Entbindung von ihrem Sohn Johann mit Bravour. Dieser Nachweis einer unbestreitbaren Kompetenz in der Medizin auf der Höhe der Zeit lässt sie dann ungehindert in der Praxis wirken, im Hintergrund immer die große eigene Familie.

Etwa 150 Jahre soll es dann gebraucht haben, bis in Deutschland wieder eine Frau in der Medizin promoviert wurde. Dorothea Erxleben starb im für unsere Begriffe noch jungen Alter von 46 Jahren 1762 an einer schweren, akut verlaufenden und nicht näher mitgeteilten Krankheit und folgte so einem ihrer Söhne (1755) und ihrem Ehemann (1759) auf den Nikolaifriedhof.

Ihr Nachruhm ist unübersehbar, nicht zuletzt infolge des wachsenden Frauenbewußtseins. Mehrere  historisch gebundene und literarisch bearbeitete Biographien sind bisher erschienen. Ihr wurde 2004 eine vielbeachtete Veranstaltungsreihe als Jubiläumstrilogie anlässlich des 250. Jahrestages ihrer Aufsehen erregenden Promotion 1754 an der Magdeburger Universität gewidmet. Eike Pies führt den Sammelband dazu, herausgegeben von Eva Brinkschulte und Eva Labouvie,  in seiner Literaturauswahl auf. Die von Dorothea Erxleben  selbst ins Deutsche übersetzte und bearbeitete Dissertation ist als Reprint bei Stecovics erschienen und wurde von Kornelia Markau wissenschaftlich analysiert. Das Geburts- und Sterbehaus ist im Eigentum des nach Ihr benannten Quedlinburger Klinikums und wird als pittoreske Herberge geführt. Einige ihrer männlichen Nachkommen haben es an deutschen Universitäten zu hohem Ansehen gebracht.

Das vorliegende Büchlein ist eine bescheiden daherkommende, nichts desto trotz aber gut brauchbare und übersichtliche Würdigung der Dorothea Erxleben, in Aufmachung und Illustration kein Hochglanzstück, sieht man vom  Umschlag ab. Man muss nicht Mediziner sein, um es zu verstehen. Es ist gut lesbar und informativ ausgelegt.

Bleibt noch die Frage nach der Schreibweise ihres zweiten Vornamens, Christiana oder Christiane! Das ist noch offen. Selbst der Buchautor verwendet abwechselnd beide Formen. Da ist also noch Raum für die Forschung zu dieser Powerfrau, für die Verstand kein Geschlecht hatte und Gelehrsamkeit die wahre Glückseligkeit bedeutete.

F.T.A. Erle, Magdeburg