Hans-Joachim Hahn und Lutz Simon - Höllensturz und HoffnungnWarum unsere Zivilisation zusammenbricht und wie sie sich erneuern kann.

Lau Verlag Reinbek 2014, ISBN 978-3-95768-022-8, gebunden im Oktavformat, Schutzumschlag, 256 Seiten, 22,90 €

Die reale Geschichte des am Berg zerschellenden Flugzeugs erzeugt den bildlichen Rahmen der fürchterlichen, unaufhaltsamen, im Ablauf rekonstruierbaren Wirklichkeit einer Schicksalsgemeinschaft. Die Autoren des Buches bemühen einleitend eine wahre Begebenheit, die in der Katastrophe endet. Sie benutzen es als Abbildung für ihre These, dass unsere Zivilisation kurz vor dem Zusammenbruch stehe, allen Ernstes.

„Wir sind national und international anerkannte Topexperten in den Feldern Medizin, Finanzen, Ethik, Psychologie, Biophysiologie, Wirtschaft, Informatik, Rechtswesen und Biophysik. Und wir sehen den Berg, an dem unsere Gesellschaft zerschellen wird, auf uns zukommen“. So sagen es von sich ohne falsche Bescheidenheit die namentlich aufgeführten zehn Professoren, die ihr Wissen in den Pool dieses Buches einspeisen. Man darf wissenschaftliche Reputation, Lebenserfahrung und ein höheres Durchschnittsalter – hier sind es 71 Lebensjahre – voraussetzen. Daraus haben sie den beiden Buchautoren etwas in die Kollekte gegeben, auf dass es zu einem homogen erscheinenden Gesamtwerk werde. Im Text bieten sie dann aber auch ihre Web-Adressen an, hinter denen sich der Leserschaft ggf. Näheres zu den aufgerufenen Themen eröffnet.

Kurz vor Zwölf (I), Zwölf (II) und Kurz nach Zwölf (III) , so lauten die Titel der drei Teile des Buches mit ihren 13 Kapiteln. Vordergründig kümmert sie nicht die Zerstörung unseres physischen Lebensraumes. Dies kann man fast täglich in entsprechenden Kriegs- und Horrorfilmen auf den großen Kinoleinwänden und den häuslichen Bildschirmen konsumieren, gar nicht zu sprechen von den allgegenwärtigen Spielkonsolen und den Darbietungen der Pop-Kultur. Die Autoren haben vielmehr den Kollaps unserer christlich-jüdisch generierten Zivilisation im Visier. Gründe für deren, nach ihrer Erkenntnis unumkehrbaren Untergang seien hausgemachte Umweltschäden und Klimaveränderungen, feindliche Nachbarn, abnehmende Unterstützung durch freundliche Nachbarn und vor allem die Reaktion unserer Leistungsgesellschaft als Folgen eines notorisch optimistischen Machbarkeitsdenkens. Sie enden im Schreckensszenario einer völlig entgleisten Zivilisation durch den Verlust ihrer Mitte, ihres Kerns, der in unserem Alltag nicht mehr vorkomme. Aus christlicher Sicht wollen sie mit dem Buch zu diesem Verlust Anstöße zum Nachdenken geben. Sie sind sich bewusst, dass sie damit in unserer heutigen Gesellschaft als reaktionäre, erzkonservative und dogmatische Rufer abgetan werden. Denn offen christlich gelebte Religiosität sei eher ein Verdachtsmoment als ein Tugendausweis. Das hinduistische Om sei angenommener als das christlich-jüdische Halleluja. Die so erzeugte innere Leere sei der Grund der Angstlust zur ausufernden Katastrophenberichterstattung, weit über den Informationsbedarf hinaus. Die Gräueltaten der IS-Milizen mit ihren perfiden Videodokumentationen entsprächen dem.

Kennzeichen einer zivilisatorischen Entwicklung sei die lineare Planung. Die Wachstumskurven unserer westlichen Zivilisation verliefen aber exponentiell, d.h., ihr prozentual getriebener Verlauf bekomme nach einem anfangs beruhigendem Gang über längere Zeit die immer deutlicher werdende Richtungsänderung in den Anstieg. Dieser könne de facto nicht ins Unendliche führen, er breche irgendwann ab. Denn jedes Wachstum sei endlich. Der Punkt des Übergangs in den Zustand des no return aber wird meist unbemerkt verpasst oder verdrängt. Eine Regelkatastrophe ereigne sich. Beispiele gibt es viele in den Krisen unserer Zeit. Die Finanzkrise sei nur eine davon. Da kämpfe Jeder gegen Jeden, rund um
die Uhr und rund um die Welt. Die modernen Informationstechniken machten es möglich. Facebook und Twitter seien die erste große Völkerwanderung unseres Jahrtausends. Das Ganze finde in Tempozonen statt, an deren Ende die steht, in der Zusammenhänge nicht mehr zu verstehen seien. Dann bewirke das gewollte Gute letztlich das Böse, bezahlt werde mit Geld, das man nicht hat. Der allgemeine Vertrauensverlust und die Zunahme des Betrugs, z. B. gegenüber der Steuer einnehmenden Finanzverwaltung, zerstörten die Fundamente der Gemeinsamkeit, ohne die eine Zivilisation nicht funktioniere. Auch die fehlende Übereinstimmung zwischen Wort und Tat, sichtbar z. B. am großen Buchstaben C in Parteinamen, sei solch ein Indiz. Kultur und Zivilisation seien nur mit Einschränkungen, Verzicht und Triebbegrenzungen, nicht mit grenzenloser Freiheit denkbar.

Eine besondere Aufmerksamkeit widmen die Nachdenker dem Sexualverhalten und dem Niedergang der Familien als ein konstruktiver Ort der Zivilisation. Desweiteren sind u. a. die Zerstörung der Identität des Einzelnen, die frühe Sexualisierung, die Gierexzesse, die käufliche Demokratie, die nicht mehr kompensierbare Staatsverschuldung ihre Themen. Die Entwicklungen zeigten, dass die kurze Party des Westens innerhalb der Weltgeschichte mit einem Knalleffekt enden würde, am wahrscheinlichsten in Bürgerkriegen.

Und die im Titel angekündigte Hoffnung? Die Menschheit wird nicht untergehen, meinen die Professoren, nur die aus den Fugen geratene derzeitige Zivilisation. Nicht technische Projekte könnten die Lösung sein, sondern Glaube, Hoffnung und Liebe böten Ansätze für eine neue Zivilisation. Im Nachwort geben sie der Hoffnung etwas Raum mit Vorstellungen, wie es besser laufen müsste

Dem Buch ist zu wünschen, dass es Leser gibt, die sich von seiner Apokalyptik nicht abschrecken lassen. Es enthält so manchen Ansatz für das Verständnis unserer Ängste und Lähmungen und stellt eine Herausforderung für unsere schleudernde Gesellschaft dar. Es gibt aber nachvollziehbare Gründe, es nach kurzem Anlesen aus der Hand zu legen. Die uns im Nacken sitzende Wirklichkeit trägt sicher dazu bei.

F.T.A. Erle, Magdeburg