Giovanni Maio - Den kranken Menschen verstehenFür eine Medizin der Zuwendung

Herder Verlag Freiburg 2015, gebunden mit Schutzumschlag/Oktavformat, ISBN 978-3-451-30687-7, 223 Seiten, 19,99 €

Die hochentwickelte moderne Medizin ist dabei, sich auf Abwege zu begeben. Ohne Korrektur ihres jetzigen Selbstverständnisses als ausschließlich naturwissenschaftliche Disziplin wird sie ihrem Anspruch als Hilfe für den Menschen nicht mehr vollends gerecht werden können. So in etwa äußert sich Giovanni Maio in seinem neuesten Buch zu einem grundlegenden und zunehmenden Defizit im Arzt-Patienten-Verhältnis.

Maio geht das Thema mit philosophischem Denken an. Philosophie und Medizin sind seine akademischen Berufsfelder. Er ist einer der gefragtesten Medizinethiker unserer Zeit, Lehrstuhlinhaber und Institutsdirektor an der Freiburger Universität. Auf dem Gebiet der Bio- und Medizinethik forscht, lehrt und publiziert er. Seit längerem schon ist sein Thema der Verlust an geisteswissenschaftlichem Zugang zur Medizin, dieser an sich typischen zwischenmenschlichen Betätigung. Er wendet sich dabei an alle tagtäglich in der Heilkunde tätigen Berufe, heilende, pflegende und anderweitig betreuende, stationäre oder ambulante. Er will ihnen Mut machen, bei der Sache zu bleiben und sich ihre inneren Werte nicht durch die Ökonomen rauben zu lassen. Das klingt banal. Bei genauerem Hinsehen ist es aber eher schon brisant. Er packt mit seinen Einlassungen das mehr und mehr vernachlässigte, da nur schwer wirtschaftlich fassbare Interesse an der zwischenmenschlichen Seite im Verhältnis der Medizinberufe zu ihren Patienten an. Dabei handelt es sich um Professionen mit hohem Grad an Sinnstiftung, oft und möglichst auch eine Berufung.

Der Arzt und Philosoph Giovanni Maio wählt hier den philosophischen Zugang. Die sich daraus ergebenden Besonderheiten der Sprache und der Argumentation sollten den auf Praxis orientierten Leser nicht davon abhalten, sich um Sinnerfassung zu bemühen. Die Texte sind verständlich formuliert und leiden nicht an fach- oder fremdsprachlicher Überfrachtung.

Hauptausgangspunkt seiner Erörterungen ist, dass unsere moderne Medizin sich mehr auf die Seite des Machens und Erfassens als die des Dialogs und Verstehens schlage. Messen, optisch prüfbar abbilden, Laborergebnisse analysieren, sich daraus eine Diagnose kreieren – häufig seien das die ausschlaggebenden Voraussetzungen für die weitere Behandlung. Das Gespräch mit dem Betroffenen, eine nach Ansicht des Autors gleichwertige Komponente der Gesamtschau auf die Erkrankung resp. das Leiden eines um Hilfe nachsuchenden Patienten, komme zu kurz, falle sogar mitunter mehr oder weniger weg. Das habe viele Gründe, auf die der Autor den Leser aufmerksam machen will. Sie ergäben sich letztlich aus der Sicht, dass der Medizinbetrieb wie ein Industriebetrieb funktioniere. Im ersten Buchteil (Moderne Medizin – oder wenn das Verstehen des Patienten zur Nebensache wird) geht er auf die andere, essentielle Seite einer guten Medizin mit ihren singulären Lösungen, mit Fingerspitzengefühl, mit Reflexion und Synthese, Erfahrung und Urteilskraft ein, macht auf Vernachlässigungen aufmerksam. Im zweiten Buchteil (Eine kleine Phänomenologie des Krankseins – Beispiele aus der Praxis) widmet er sich auswahlweise den Themen Schmerz, Krebs, Demenz und Sterben, sämtlich Zustände, die mehr als Apparate, Medikamente und anderweitiger kodier- und abrechenbarer Diagnostik und Behandlungsmethoden bedürfen.

Der Schmerz sei ein Tyrann, mache einsam, führe zum Gefühl des persönlichen Versagens, werde aber zu einer Bewältigungsaufgabe, wenn das Credo der Machbarkeit oder des Scheiterns völliger Schmerzfreiheit verlassen werde. Den Krebs nennt er das Herausgeworfensein aus der Normalität, als deren abrupte Unterbrechung. Damit trifft er den Kern seiner Sicht, dass die Scheinbarkeit von Ausweglosigkeiten bewusst gemacht werden müssten, die krankheitsbedingte Metamorphose des Körpers aushaltbar gemacht werden sollte. Maio erkennt da noch Reserven, z. B. in der Anerkennung der Unheilbarkeit und der Akzeptanz einer verkürzten eigenen Biographie und ihrer Erfüllungschancen. Weiter befasst er sich mit der Demenz und ihrem verstellten Zugang zur eigenen Geschichte sowie dem unbedingten Bemühen der Begleiter um eine aus deren Trümmern wiederherstellbare und so erfahrbare Identität.

Und schließlich geht er auf das Sterben des Menschen ein, für den Zuwendung zu Lebensfreude werden kann. Der Wunsch nach Selbsttötung sei für ihn eine tragische Notlage. Die Tragik beginne bereits dort, wo in unserem Bewusstsein die Vorstellung reife, unser Leben sei nur solange lebenswert, als wir ohne die Hilfe anderer, auf uns gestellt, alles allein machen könnten. Dieser Anspruch sei von vornherein und auch ohne Krankheit nicht einlösbar. Maio macht sich unter diesem ausgiebig diskutierten Thema stark für eine Anerkennung und Reintegration der Schwerkranken in die Gesellschaft – eine Bewährung für unsere bestorganisierte auch als humane Medizin.

Im dritten Buchteil (Wege der Bewältigung) plädiert er für die Umsetzung von Notwendigkeit in Freiheit. Hochinteressant sind darunter seine Einlassungen zu den Begriffen Schicksal, Widerfahrnis, zur Annahme des Gegebenen und zum Wert der Selbstbejahung. Er diskutiert die ungute Wirkung der Ökonomisierung der Medizin auf die menschliche Beziehung zwischen Arzt und Patient, geht auf die Bedeutung des Gesprächs und des Zuhören Könnens ein und stellt die notwendige Verbindung von Sachlichkeit und Empathie in diesem besonderen Verhältnis heraus. Er wirbt ganz einfach für die im Titel genannte Medizin der Zuwendung.
Inhalt und Intention dieses gehaltreichen, äußerlich unscheinbaren Büchleins erlauben es nicht, es auch nur annähernd vollständig in einer Rezension zu würdigen. Es ist Seite für Seite eine Herausforderung an den vielleicht nur beiläufig zugreifenden Leser. Die Betroffenen werden es verstehen, Patient, Arzt und Ärztin und die anderen von der Thematik angesprochenen Berufe. Man entwickelt beim Lesen den Ehrgeiz, es auch in seiner philosophischen Problematik erfassen zu können. Man sollte es sich für den ständigen Zugriff zum Nachschlagen und zur gedanklichen Anregung zurecht legen. Keine Zeit? Wenn das aus Gründen der unabdingbaren Zuwendung zum Patienten passieren sollte, wäre das sicher kein Problem. Bei dieser ärztlichen Pflicht wäre Giovanni Maios Hilfe aber sicher auch nicht zu verachten!

F.T.A. Erle, Magdeburg