Im Mai des Jahres 1946 unterbrach Thomas Mann (1875-1955) die Arbeit an seinem neuen Roman „Dr. Faustus“, da er sich einer schweren Operation unterziehen musste. Er hatte sich seit einigen Jahren damit beschäftigt, war jedoch vor der Ausführung dieses Unternehmens lange zurückgeschreckt, weil er es immer als sein letztes betrachtet hatte.

Als sich jedoch die Niederlage des Hitler-Deutschlands abzeichnete, suchte er den aus dem Jahre 1901 stammenden „Drei-Zeilen-Plan“ heraus. Darin hatte er die Idee zu einer Novelle skizziert, in deren Mittelpunkt der symbolische „Teufelspakt“ eines Künstlers stehen sollte.

Am 23. Mai 1943 begann Thomas Mann mit der Niederschrift dieses Buches, in dem er das Schicksal seines Titelhelden, des „Tonsetzers Adrian Leverkühn“, der dem Teufel verfällt, symbolisch mit dem Weg Deutschlands in die Katastrophe des Nationalsozialismus verbindet. Dabei stellte der Autor einen Kontext mit der deutschen Geistesgeschichte und dem eigenen Leben her. So entstand ein Bekenntnisbuch, in dem er sich nicht nur mit dem Versagen der deutschen Eliten im „Dritten Reich“, sondern auch mit sich selbst kritisch auseinandersetzte. Dass Thomas Mann im Zusammenhang mit dem „Dr. Faustus“ das Schillerwort „und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird das Leben gewonnen sein“ häufig zitierte, zeigt, wie ernst es ihm damit war. Da verwundert es nicht, dass sich bei dem Autor Arbeitshemmungen in Form von Katarrhen und Magenverstimmungen einstellten. Im Jahr 1946 entwickelte sich bei Thomas Mann aber eine lebensgefährliche Krankheit.

Mitteldeutschland als Schauplatz der Kindheit und Jugend des Haupthelden von Thomas Manns Roman „Dr. Faustus“

Diese gefährdete die Vollendung des Romans, der in Mitteldeutschland, der Wiege der protestantischen Kultur, spielen sollte. Hier wuchsen seine Haupthelden auf. In einem Dorf bei Weißenfels befand sich das Gut der Familie Adrian Leverkühns, der Zentralfigur des Buches. Die dem Heimatdorf Adrians nahegelegene Stadt Kaisersaschern, in der er die Schule besuchte, lag nach dem Willen des Autors im Zentrum Sachsen-Anhalts. Dort befinden sich sowohl das Quedlinburger Kaisergrab, als auch die Stadt Aschersleben, woraus Thomas Mann den Namen Kaisersaschern bildete.

Als Studienort für seinen „Dr. Faustus“, der sich zunächst der Theologie widmete, wählte Thomas Mann die protestantische Stadt Halle/S. aus. Adrian ließ der Autor in einer „Studentenbude“ am Marktplatz wohnen, von der man die Hausmanns-türme der Marktkirche sah, „zwischen denen“, so heißt es im Text, „eine Art Seufzerbrücke geht“. Die „Bude“ des Freundes und Erzählers Serenus Zeitblom befand sich in der „Hansastraße, einem Gäßchen hinter der Moritzkirche“. In der theologischen Fakultät hörten die beiden Freunde Vorlesungen sowohl bei dem Altlutheraner Professor Kumpf, als auch bei dem zwielichtigen „Schleppfuß“, einer diabolischen Gestalt. Bald schon wechselte der Hauptheld zur Musik und ging nach Leipzig, wo er sich bei einem Bordellbesuch mit Syphilis infizierte, die zunächst zu gesteigerter Genialität führte, letztlich jedoch seinen körperlichen und geistigen Zusammenbruch verursachte. Vorher aber hatte er einige ganz neuartige musikalische Werke komponiert. Diese fiktiven Kompositionen konzipierte Thomas Mann mit Hilfe des Komponisten und Philosophen Theodor W. Adorno (1903-1969). Das letzte Werk Adrian Leverkühns, die gleichfalls fiktive Kantate „Dr. Fausti Weheklag“, bildet den abschließenden Höhepunkt des Romans. Den beschreibenden Text zur vorletzten Komposition, der „Apocalipsis cum figuris“, hatte Thomas Mann vor seiner Operation in der Zeit von Mitte Januar bis Anfang März 1946 geschrieben, wobei ihn Nervenschwäche und „absurde“ Müdigkeit beeinträchtigt hatten. Waren schon im Verlaufe des Jahres 1944 bei dem exzessiv rauchenden Schriftsteller nächtlicher Husten und „chronischer Luftröhrenkatarrh“ aufgetreten und hatte sich das Gewicht im Spätherbst des Jahres 1945 seit März um „2 Pfund verringert“, so traten in der zweiten Märzhälfte 1946 rezidivierende Fieberschübe auf.

Entdeckung und operative Therapie eines Bronchialkarzinoms bei Thomas Mann

Bald darauf deckte eine Röntgenaufnahme der Lungen einen tumorverdächtigen Befund auf. Katia Mann (1883-1980), die Ehefrau des Autors, sorgte dafür, dass er die Diagnose nicht erfuhr. Dafür hatte sie berechtigte Gründe. Findet sich doch in seinem Tagebuch eine Notiz, die sich mit den Folgen der Aufklärung Krebskranker beschäftigt. Es heißt dort: „Oft psychischer Collaps vor der Zeit“. Katia Mann, die bei ihrem Ehemann etwas Ähnliches befürchtete, drängte deshalb trotz des Risikos energisch zur Operation, wohl wissend, dass die Operationsmortalität zwischen 15 und 20% schwankte. Sie behauptete ihm gegenüber, er habe „einen Abszeß in der Lunge“. Die Operation wurde am 24. April 1946 im Billing`s Hospital von Dr. William E. Adams (1902-1973), einem der Mitbegründer der Thoraxchirurgie, ausgeführt. Vorher nahmen die Ärzte eine Bronchoskopie in Narkose vor, sodass der Patient danach nur eine „leicht blutige Reizung des ganzen Atmungstraktes“ bemerkte und „mit Preis und Dank von der magischen Spritze“ sprach, durch die sein „Bewußtsein so sanft wie restlos“ entschwunden war.

Bei dem danach vorgenommenen Eingriff wurden die VII. Rippe in einer Ausdehnung von 25 cm reseziert und die beiden unteren Lungenlappen entfernt. Die postoperative Phase gestaltete sich bemerkenswert unkompliziert. Verblie-ben war die Verziehung der Mediastinalorgane, die basale Verschwartung sowie ein rechtsseitiger Zwerchfellhochstand. Thomas Mann lebte nach dem Eingriff weitere 9 Jahre, ohne dass es zu einer Metastasierung gekommen war. Die später aufgekommenen Zweifel an der Bösartigkeit des Tumors konnten durch den im Jahre 1998 aufgefundenen Gewebebefund ausgeräumt werden. Darin wird ein 10 x 15 mm großes zentrales, hilusnahes Plattenepithelkarzinom mit invasiver Ausbreitung beschrieben. Zwei der fünf peribronchialen Hiluslymphknoten zeigten Tumorinvasion und fast die gesamte posteriore Hälfte des Unterlappens war zu einer Atelektase geschrumpft. Angesichts dessen verwundert es nicht, dass nach dem Bericht Thomas Manns „in Ärztekreisen“ von einem „fast sensationellen klinischen Erfolg“ der Operation die Rede war.

Die Zeit der Rekonvaleszenz und das weitere Leben und Schaffen des Autors

Als er am 28. Mai 1946 wieder in sein Haus in „Pacif. Palisades“ zurückgekehrt war, erschien ihm „das Ganze, das Geschehen dieser letzten 6 Wochen wie ein Traum“. Schon am 28. Mai 1946 erklärte Thomas Mann die Vollendung des Romans zum „Hauptziel“ und stellte eine Arbeit über Friedrich Nietzsche zurück. Leider begann er am selben Tage wieder „einige Cigaretten“ zu rauchen, obwohl ihm Dr. Rosenthal davon abriet. Bei diesem Arzt fragte Thomas Mann „wegen Kinder-Meningitis“ an. Denn inzwischen hatte er „Echo“, einen liebreizenden Knaben, in die Romanhandlung eingeführt, für den Adrian Leberkühn eine große aber aufgrund des „Teufelspaktes“ verbotene Zärtlichkeit entwickelte. Deshalb musste der Junge sterben. Zur großen Erleichterung des Autors blieb sein geliebter Enkel, Frido Mann (geb. 1940), das Vorbild für das Kind im Roman, gesund und munter. Die Arbeit an diesem anstrengenden Buch schritt kontinuierlich voran, obwohl bei sei-
nem Schöpfer weiterhin ständige Beschwerden auftraten. So litt er erneut unter Luftröhrenkatarrhen und an einem quälenden Analekzem, das ihm unruhige und „zerstückelte Nächte“ bereitete. Am 29. Januar 1947 war der Roman endlich vollendet. Sein Hauptheld war in Gegenwart der Freunde beim Vortrag seiner Kantate „Dr. Fausti Weheklag“ zusammengebrochen und erwachte nach 12-stündiger Bewusstlosigkeit „nur noch als Hülle seiner selbst“. Er lebte wie sein Vorbild, der Philosoph Friedrich Nietzsche, noch 10 Jahre in geistiger Umnachtung und wurde von der Mutter gepflegt. Thomas Mann beschäftigte sich nun auch direkt mit der Gestalt Friedrich Nietzsches und verfasste den Aufsatz „Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung“. Darin distanzierte er sich vom „wilden und trunkenen Prophetentum“ des Denkers, das er für entartet hielt. Er hatte sich bei der Arbeit am Roman und am Essay durch anstrengende und schmerzhafte Selbstreflektion von der verführerischen Anziehungskraft dieses Denkens befreit und war zu geistiger Genesung gelangt. Man hat den Eindruck, dass sein durch diese Katharsis gestärkter Überlebenswille und das Bedürfnis, seinen Roman zu vollenden, den Operationserfolg und die nachfolgende schnelle Genesung entscheidend gefördert haben.
In der nun gewonnenen Lebensspanne schuf Thomas Mann den Roman „Der Erwählte“ und fügte der Schelmengeschichte des „Felix Krull“ einige Kapitel hinzu. So heiter es darin zugeht, so unter Anfechtungen und Selbstzweifeln litt sein Autor. Im Tagebuch klagt er über Lebensmüdigkeit und Hoffnungslosigkeit. Unerwartet starb Thomas Mann an einem perforierten Aneurysma der linken Art. iliaca com. am 12. August 1955. Hinweise für eine Metastase des operierten Tumors fanden sich bei der Teilsektion gegen alle Erwartung nicht.
 
MR. Dr. med. Dietmar Seifert