DIE BURG in Halle ist eigentlich keine Burg, sondern eine Kunsthochschule. „Burg“ deshalb, weil sie in einer Burg, der Burg Giebichenstein, beheimatet ist. Im soeben vergangenen Jahr wurde sie 100 Jahre alt. Dieses Jubiläum nahm die zweite Burg in Halle, das Kunstmuseum Moritzburg, zum Anlass, ihre Kunstschwester mit einer Ausstellung „MODERNE in der WERKSTATT“ zu ehren. Schön, dass die beiden Kunstburgen zusammenhalten, schön auch für die Stadt, die ihr Image als „Diva in Grau“ mit ihrem hohen Kulturangebot aufbessern kann. Die aktuelle Ausstellung mit dem sonderbaren Titel, der eher an eine Reparaturwerkstatt für die Moderne erinnert, hat sich eine Reflektion der Geschichte der BURG mit ihren Idealen und Ideen zur Aufgabe gemacht, wie der Rektor der Hochschule Dieter Hofmann in seinem Katalogvorwort schreibt. Das fordert auch den Besucher. Ihn erwartet eine Ausstellung, die von der üblichen Form einer Kunstausstellung abweicht. Er sollte Zeit mitbringen; bloßes Anschauen genügt nicht. Man muss sich auf die Ausstellung einlassen, um reich beschenkt nach Hause zu gehen.

DIE BURG ist eigentlich viel älter als 100 Jahre. Ihre Wurzeln reichen bis ins Jahr 1852 zur „Provinzial-Gewerbeschule Halle“, die sich 1879 mit einer Zeichenschule zur „Gewerblichen Zeichen- und Handwerkerschule“ zusammenschloss. Die Geburtsstunde der heutigen BURG schlug am 1. Juli 1915, als der Architekt Paul Thiersch das Direktorat dieser Einrichtung übernahm.

Das alles fiel in eine Zeit, in der die moderne Industrie zunehmend in der Lage war, billige Massenprodukte herzustellen. Um diese nicht in stumpfer Uniformität verkommen zu lassen, mussten gewisse ästhetische Prinzipien berücksichtigt werden. Folgerichtig gründete sich 1907 der Deutsche Werkbund, eine Vereinigung namhafter Künstler, Architekten, Intellektueller und Industrieller, mit dem Ziel, Kunst, Werkstatt und Industrie zusammenzuführen. Dafür bedurfte es Ausbildungsstätten, die beides lehrten, Kunst und Handwerk, Kunst und Gewerbe. Der neue Direktor in Halle, Paul Thiersch, übernahm genau mit diesen Vorstellungen sein Amt, doch zunächst begrenzte der Krieg seine Möglichkeiten. Ihm schwebte als Ideal die mittelalterliche Bauhütte vor, eine Art Lebens- und Arbeitsgemeinschaft aller am Bau Beteiligten, Handwerker, Künstler, Bildhauer, Meister, Lehrlinge, um ein gemeinsames großes Werk zu schaffen.

Nach Kriegsende – die Schule nannte sich jetzt „Handwerker- und Kunstgewer-beschule“ – begann Thiersch seine Ideen und Pläne umzusetzen. Die Stadt Halle unterstützte ihn durch Aufnahme eines Kredits tatkräftig. 1922 erfolgte der Umzug in die entsprechend umgestaltete Unterburg der Burg Giebichenstein. Ideale Werkstätten standen für die künstlerischen Leiter und Werkstattmeister bereit und gaben vorzügliche Ausbildungsmöglichkeiten. Nur einige seien genannt: Bildhauerwerkstatt (Gustav Weidanz), Malerwerkstatt (Erwin Hahs), Buchdruckerwerkstatt, Buchbinderwerkstatt, Metallwerkstatt. Die Kunstgewerbeschule hatte sich endgültig zur BURG entwickelt.
Vier Jahre später wurde das „Bauhaus“ in Weimar gegründet. Es überlebte nur 14 Jahre. Die BURG überstand alle Widrigkeiten und ist auch nach 100 Jahren eine lebendige, moderne Kunsthochschule geblieben.

Diese Ausstellung ist einfach ein Muss für jeden Kulturinteressierten!

Dr. Wolfgang Lässig
Langenbogen

Kunstmuseum Moritzburg Halle
16. 11.2015 – 14.2.2016