K.-R. Otto u. H. F. Späte - Leben nehmen Verführung zum Leben — Gedanken zur Suizidverhütung

Verlag Ille & Riemer, Leipzig/Weißenfels 2015, Bd. 12 der illri Bibliothek Wissenschaft,
ISBN 978-3-95420-008-5, Taschenbuch 21 x 14,5 cm, 181 Seiten, 19,80 €

„Betrachtung der Suizidalität als Kommunikationsform in der Sehnsucht nach einem anderen Leben.“ So kennzeichnet ein Werbetext diese Neuerscheinung mit dem ambivalenten Ausdruck im Titel. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird darunter an erster Stelle die mehr oder weniger gewaltsame Beendigung eines menschlichen Lebens durch dritte Hand zu verstehen sein, in der reflexiven Form jedoch der Suizid.

Die beiden Autoren, über weite Strecken ihrer Biographien mindestens fachlich-beruflich verbundene Psychiater mit mittelöstlichem Werdegang (Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt) möchten diesen Haupttitel „Leben nehmen“ ihres gemeinsam verantworteten Buches (auch als ePUB und ePDF auf dem Markt) jedoch so verstanden wissen, das Leben nicht wegzuwerfen sondern danach zu greifen, es zu nehmen. Unter solcher Prämisse bekommt das bunte Coverbild seinen Sinn.

Man könnte, besser nach als vor der Lektüre, lange dazu meditieren, zur strukturierten Profilblechwand auf dem geometrischen Kleinpflaster mit der kümmerlichen aber blühenden Vegetation, dem Moosansatz an den Betonklötzchen des Pflasters und vor allem mit dem wie aus dem Nichts auftauchenden sattgrünen Zweig einer Heckenpflanze, der sich durch einen Spalt in der Wand geradewegs auf die andere Seite des Blechs aufgemacht hat und hier in die Höhe strebt.

Das Buch handelt vom Leben in einer dunklen Situation, der der scheinbaren Ausweglosigkeit, die in den „Freitod“ führt. Nichts ist frei an dieser unbegreiflichen Alltäglichkeit! Es sterben Jahr für Jahr in Deutschland mehr Menschen durch eigene Hand (Suizidrate 12,4/2013) als durch Verkehrsunfälle, Drogen und AIDS zusammen. Und trotzdem wird das Thema in der Gesellschaft weitgehend gemieden.

Die beiden Psychiater machten es zu einer ihrer beruflichen Aufgaben, sahen es als ihren psychosozialen Auftrag. Sie wollten einer auf das Leben gerichteten Suizidprophylaxe bzw. Suizidverhinderung trotz aller damit verbundenen Schwierigkeiten eine wissenschaftlich basierte und praktizierbare Chance geben. So können sie jetzt auf den reichen Fundus eines in Eigeninitiative vor Jahrzehnten mühevoll installierten und effektiv einsetzbaren Dispensaires für Suizidgefährdete in ihrer Region zurückgreifen und in diesem Buch darüber berichten. Dass sie dabei aus einer großen Sammlung von Ana- und Katamnesen zitieren können, stützt ihre Berichte und Schlussfolgerungen. Der kompetente Umgang mit der philosophischen und medizinischen Literatur dazu tut ein übriges.
Mit dem wahrhaft aufschlussreichen Inhaltsverzeichnis nehmen sie den dem Stoff fremdelnd gegenüber stehenden Leser an die Hand und führen ihn durch das unbekannte Gelände von Theorie und Praxis des Umgangs mit suizidgefährdeten Patienten. Es geht darin nach der Annäherung an das Thema um einen unverzichtbaren wissenschaftsgeschichtlichen Abriss, um die Mei-nungsbildung über den Suizid, den Streit um die Zuständigkeit für Suizidalität und die Auswirkungen des Phänomens auf die Wissenschaftsentwicklung im 20. Jahrhundert.

Nach einer Kaffeepause, in der u. a. das Hallesche "Gännchen Gaffee" seine Würdigung erfährt, geht es um die Verführung als ein Lebensprinzip, um die Stellung der Kommunikation, um alternierendes suizidales Verhalten in Konfliktgemeinschaften und um das magische Denken in dieser Lebenslage. Des Weiteren stellen sie ihre Gedanken zur praktischen Suizidverhütung vor und kommen immer wieder auf die Wichtigkeit der Erkennung der Symptome des warnenden präsuizidalen Syndroms zu sprechen.

Ein eigenes Kapitel ist dem Dispensaire für Suizidgefährdete gewidmet, weitere der Rolle der Depression, der Vereinsamung der Alten, der so ganz anderen Lage bei Kindern und Jugendlichen. Dass der wichtige Abschnitt zur Erfahrung mit Sucht und Suizid im Text, nicht aber im Inhaltsverzeichnis vorkommt, mag ein verlegerisches Versehen sein. Die Neuauflage wird es richten. Schließlich geht es dann um die Suizidverhinderung als soziale Aufgabe und darum, ob eine Suizidprophylaxe überhaupt möglich ist. Im Anhang befindet sich eine seinerzeit auch international viel beachtete Arbeit zur Thematik: Suizid und Ideologie. Wer von den beiden Autoren welchen Abschnitt geschrieben hat, bleibt offen.

Man sollte sich bei der Lektüre vor Augen halten, dass das Thema der Selbsttötung in der sozialistischen Gesellschaft kein gern gesehenes war, zumindest was statistische Angaben betraf. Es gab sie trotzdem in nennenswertem Umfang, darf man zwischen den Zeilen aus den Einlassungen der Autoren, die ja auch Zeitzeugen sind, schließen.

Letztlich schlägt das Buch von der Anfangsfrage „Warum bringen wir uns um?“ den Bogen zur Schlussfrage „Warum bringen wir uns nicht um?“ Vor diesem Hintergrund versuchen Otto und Späte, Suizidgefährdeten Wege eines Weiterlebens ohne Furcht vor der Zukunft aufzuzeigen, sie aus ihrer Sackgasse zu führen. Sie überzeugen menschlich!
Das umfangreiche Literaturverzeichnis schließt das Buch ab. Ein sicher hilfreiches Sachregister gibt es nicht. Aber – es handelt sich bei diesem Werk weder um ein Lehrbuch noch um populärwissenschaftliche Literatur, vielmehr um Anteile einer Art Lebenswerk. Und so wird man beim Lesen so manches finden, das man gar nicht vor hatte zu suchen! Wahrscheinlich ist der interessierte Leserkreis größer als der der professionell Berufenen. Man sollte sich auf die mitunter unvermeidliche fachspezifische Sprache einlassen.

F.T.A. Erle, Magdeburg