Cover: Jens Förster - Was das Haben mit  dem Sein machtDie neue Psychologie von Konsum und Verzicht

Pattloch Verlag, München 2015, ISBN 978-3-629-13069-3, geb. im Oktavformat, Schutzumschlag, 333 S., € 19,99

Ich bin was ich habe, sagt der Philosoph Jean Paul Sartre 1944 in seinem berühmten Essay „Das Sein und das Nichts“ und stellt damit beide Eigenschaften menschlicher Existenz gleich. Erich Fromm, Philosoph und Psychoanalytiker, nennt 1976 sein wohl bekanntestes Werk „Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“ und erkennt eine Gegnerschaft zwischen beiden angewandten Begriffen in Form dieser substantivierten Hilfsverben der deutschen Sprache. Dass es dazu eine Menge zu sagen gibt, weist allein schon die umfangreiche Literaturliste des vorliegenden Buches aus. Jens Förster sah sich offensichtlich veranlasst, die grundsätzlichen Gedanken seines großen Vorgängerautors zu hinterfragen, sie unter den Bedingungen der weiterentwickelten Gesellschaft auf praktische Anwendbarkeit hin zu überprüfen. Er ist Professor für Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum.

Haben und Sein – kann auf zwei solch verkürzten Begriffen ein ganzes Gedankengebäude errichtet und darüber gar ein Buch geschrieben werden? Es kann, zu Recht und mit Gewinn! Hat doch schon Martin Heidegger das Haben als den Hof, das Sein als das darauf befindliche Haus charakterisiert. Försters Buch ist an das öffentliche Lesepublikum gerichtet. Es ist sicher nicht einfach, einen spezifischen humanwissenschaftlichen Sachinhalt für möglichst viele Interessenten lesbar zu gestalten. Überzeugende Illustrationen bieten sich nicht an; sie werden sich in den Köpfen der Leser generieren. Dafür wird der vielseitige Text durch eine tief gestaffelte Gliederung in verdaulichen Portionen aufgelockert mit den Kapiteln: Haben als Problem; Haben und Sein – Worum geht es; Versionen des Habens; Versionen des Seins; Warum wollen wir haben?; Warum wollen wir etwas sein?; Macht Haben glücklich?; Macht Sein glücklich?; Eine selbstregulatorische Theorie vom Haben und Sein.

Und schon kommt Neugier auf, wenig später natürlich auch die Gewissenserforschung seiner selbst. Heute Konsummonster, morgen bescheidenes Veilchen, übermorgen vielleicht Klassensprecher der Vernunftbegabten? Der grundüble soziale Vergleich hilft da wenig weiter. Irgendjemand in unmittelbarer Nähe hat immer noch etwas mehr oder besser oder stilvoller. Die meisten von uns leben sowieso über Niveau. Prestigesucht ist ein Hauptmotiv unseres Habenwollens. Es kann keine sorglose Konsumgesellschaft geben. Förster verdeutlicht das an zahllosen Beispielen aus seiner Eigen- und Fremdbeobachtung. Seine Psychologie der Zielkonflikte und Umgehungsstrategien zeugt von großer Flexibilität. Ist es in seinem heimatlichen Ostwestfalen der großräumige Bollerwagen in Form eines SUV (Esjuwi/ Sport Utility Vehicle), markiert im Straßenbild New Yorks der große Hund die Bedeutung des Habens. Falsche Jeans – das geht nicht. Neuester Trend: Kindstaufen auf Markennamen. Förster züngelt: „Irgendwo spielt schon ein Armani mit Chanel im Sandkasten, während der gemeine Porsche die niedliche L`Oréal an den Haaren zieht“. Marken drücken unsere Identität aus. Das Sein muss das abkönnen.

Der Professor plaudert munter, betont aber immer wieder seine wissenschaftliche Kompetenz. Anders als bei Erich Fromm stehen sich bei Jens Förster Haben und Sein nicht fast feindlich gegenüber. Aber zwischen den beiden Autoren liegt zeitlich das nachhaltige Scheitern eines sozialistischen Modells. Neid und Gier, Raffen und Prassen, impulsives Kaufen, pathologisches Kaufverhalten, Horten, Sammeln, Festhalten, Sparen – Ausdrücke eines puren Haben-Materialismus. Anders die Ziele des Seins mit Identitäts- und Sinnsuche, Entwicklung der Persönlichkeit, sozialem Leben und Arbeit ohne Entfremdung. Dazu gehören auch Freizeit, Natur und Kunst ohne Erwerbsabsichten, lernen, trainieren, üben, lieben, zuhören, erinnern, planen, denken – Tätigkeiten, die einem gelingenden Leben zuzuordnen sind. Dabei lässt sich unter jedem der aufgeführten Kriterien auch ein gewisser Kommerz und somit das Habenziel mitdenken.

Warum wollen wir eigentlich etwas sein? Wir wollen etwas besonderes sein, genießen, uns selbst verwirklichen, Sicherheit und Kontrolle unserer Existenz wissen, einen Lebenssinn erkennen u.v.a.m. Am Sein macht uns glücklich, dass wir einen Zugang zum Erleben im Hier und Jetzt finden. Sein Fazit also: Weder Haben noch Sein ist gut oder schlecht. Nach seiner Erkenntnis lassen sich die Ziele einteilen in die Typen: Haben um zu haben, Haben um zu sein, Sein um zu haben, Sein um zu sein. Er billigt diesen Kategorien aber auch einen Wechsel in eine der anderen Typenkombinationen und somit Lebensformen zu. So kann z. B. der Künstler, der allein von seiner Kunst lebt, durchaus bei extrinsischen Einflüssen zum Kunsthersteller des Geldes wegen werden. Förster lässt jedoch keinen Zweifel daran zu, dass Haben allein nicht glücklich macht. Was aber macht es mit dem Sein (s. Buchtitel)?

Es schafft wahrscheinlich die notwendige Spannung zwischen beiden. Man wird an diesem Punkt an die Geschichte der schaffenden Martha und der zuhörenden Maria aus der Bibel erinnert.

Eins stellt Jens Förster deutlich klar: Unsere Erde ist kein Habenmittel, sie ist Sein für alle. Und zum Sein gehört auch der Verzicht, ohne den ein soziales Leben nicht funktionieren kann. Der Autor ist, bei aller grundsätzlichen Kompetenz für das Thema, ein Plauderer. Man sollte seine Einlassungen und Forschungsergebnisse mehr als Sein denn als Haben verinnerlichen. Und deshalb schon erscheint das Buch lesenswert. Zuviel Haben haben wir allemal.

F.T.A. Erle, Magdeburg