Cover Meine Sicht der DingeIm Gespräch mit Hans-Dieter Heumann

Propyäen Verlag Berlin 2015, ISBN 978-3-549-07464-0,
gebunden im Oktavformat mit Schutzumschlag, 30 s/w-Fotos, 189 Seiten, € 22,-

Die politisch Interessierten der Generation Ü 40 dürften bei Wahrnehmung des Namens Hans-Dietrich Genscher sofort das Konterfei dieses populären Zeitgenossen „auf dem Schirm“ haben, Ostdeutsche mehr und Hallenser am meisten. Seine frohe Botschaft vom Balkon in Prag am 30. September 1989, die mehrmals lautstark und anhaltend von den Adressaten unterbrochen wurde, ist unvergessen. Dass er vor der Hauptaussage zu sagen versuchte: „Sie werden mir erlauben, dass ich den unter ihnen befindlichen Hallensern einen besonderen Gruß...“, ging schon in der freudigen Reaktion darauf unter. Erst recht dann: „Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ Wie der Satz geendet haben mag, gibt die Tonaufzeichnung nicht wieder. Es war nach eigener Bekundung einer der emotionalsten Momente im Leben dieses gestandenen Politikers, geblendet vom Scheinwerferlicht der Kameras und mit einem im Rhythmus gestörten Puls, kurz nach einem Herzinfarkt.

Dieses Buch nun, aus dem Munde des Titelhelden und der Feder seines Biographen, des Diplomaten Hans-Dieter Heumann, ist keine Biographie. Eine solche war von diesem bereits 2011 herausgegeben worden. Die vorliegende Schrift widmet sich ganz der Strategie und Taktik Genschers als Innen- resp. Außenminister und Vizekanzler der Bundesregierung und Parteivorsitzender der Freien Demokraten im Zeitraum zwischen 1974 und 1992. Sie ist gegliedert in die drei Teile: I. Die Welt im Umbruch, II. Der Weg zur deutschen Einheit und III. Vermächtnisse. Die einzelnen thematischen Komplexe und Artikel folgen letztlich den darüber stehenden ausformulierten und mehr oder weniger umfassenden Fragen des Gesprächsführers, fiktiv oder nicht sei dahingestellt. Genscher jedenfalls dienen sie offensichtlich als methodisches Mittel der Inhaltsführung. Losgelöst von diplomatischen Zwängen kann er seiner subjektiven Sicht von heute auf die Personen und Verhandlungen von damals freien Lauf lassen und sie mit den aktuellen Entwicklungen vergleichen.

Als Innenminister fühlte er sich für den katastrophalen Fehlschlag der versuchten Geiselbefreiung der israelischen Olympioniken 1972 in München verantwortlich. Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang sein persönliches Angebot des Austausches mit den Gefangenen, von den palästinensischen Entführern jedoch nicht angenommen. Dass er darauf hin die Bildung einer wirksamen Spezialtruppe für den Antiterroreinsatz der heutigen Bundespolizei initiiert hat, dass er am Erfolg des Einigungsprozesses teilhat, dass es ein internationales Friedenssicherungs- und Menschenrechtsabkommen (OSZE) gibt, dass das politische Europa größer geworden ist und v. a. m. hält er sich zugute. Dagegen schmerzt ihn die Stagnation wenn nicht gar die Gefahr des Zerfalls des geeinten Europa – und natürlich auch der Niedergang seiner FDP und Ihres Verschwindens aus der Bundespolitik. Auch gegen seine große Vision einer stabilen Weltordnung von Vancouver bis Wladiwostok bauen sich immer wieder Hindernisse auf, wie die derzeitige internationale Lage belegt. Mit seiner Erkenntnis, dass die Globalisierung zur Überlebenspartnerschaft der Völker zwingt, sind unipolares Machtstreben und der amerikanische Versuch der Deklassifizierung Russlands nicht vereinbar.

Hans-Dietrich Genscher gibt mit seinen Antworten Einblicke in das schwierige politische Geschäft des Chefdiplomaten unter der Kanzlerschaft eines Helmut Schmidt und eines Helmut Kohl, dieser zwei ganz verschiedenen Charaktere trotz gleichen Vornamens. Hauptinhalte der Arbeit für sein Land, bei dem er immer auch dessen Ostteil im Auge gehabt haben will, waren die Öffnung zum Osten und die Erhaltung der Allianz mit den USA, beides Voraussetzungen für die heutige Einheit Deutschlands und beides zu seiner Zeit nicht unter einer gleichbleibenden Koalition denkbar. Die Rolle seiner kleinen, mitunter aber entscheidenden Partei mit ihren Lagerwechseln wurde von vielen Wählern kritisch gesehen. Der Liberalismus kam ins Gerede.

Wenn man Genscher liest, hört man ihn auch, seine etwas heisere Stimme mit dem unverkennbaren Halleschen Sprachduktus, der ihm aus Kindheit und Jugend im hohen Alter noch anhängt. Seine Rolle in der deutschen und internationalen Politik sieht er ohne falsche Bescheidenheit und zählt seine Verdienste auf. Das sagt auch die ins Buch eingeheftete Fotostrecke aus, immer in Gesellschaft der Politgrößen seiner aktiven Zeit. Er ist mit seinen fast 90 Lebensjahren heute noch ein gern in Anspruch genommener und hochdotierter Redner auf honorigen Veranstaltungen. Das Titelbild dieses aus Sachsen-Anhalt stammenden agilen Politikers mit dem fast erhobenen Zeigefinger und dem gelben Pullover hätte etwas weniger Phlegma ausdrücken dürfen, darf man den Gestaltern des Covers anlasten. Man kann ihm aber in und zwischen den Zeilen gut zuhören.

F. T. A. Erle, Magdeburg