Foto: Repro aus „Diego Rivera, Sus Frescos, Mexico, D. F. 1946“
Foto: Repro aus „Diego Rivera, Sus Frescos, Mexico, D. F. 1946“

Der aus der Bretagne stammende Arzt Theophile Hyacinthe Laënnec (12.02.1781 – 13.08.1826) berichtete 1816: „... wurde ich wegen einer jungen Person zu Rathe gezogen*, bei der sich allgemeine Symptome einer Herzkrankheit zeigten, und bei welcher das Auflegen der Hand und die Perkussion wegen der Körperfülle wenig Erfolg hatten. Da mir das Alter und das Geschlecht die in Rede stehende Untersuchungsweise (Auflegen des Ohres auf den Körper des Kranken, D. S.) verboten, so fiel mir eine sehr bekannte akustische Erscheinung ein, wenn man nämlich das Ohr an das Ende eines Balkens legte, so hört man deutlich einen am anderen Ende angebrachten Nagelschlag**: Es schien mir, dass man vielleicht in diesem Falle von dieser Eigenschaft des Körpers Nutzen ziehen könnte. Ich nahm einen Bogen Papier, rollte ihn fest zusammen, setzte das eine Ende auf die Präkordialgegend, legte das Ohr an das andere, und hört zu meinem Erstaunen und zu meiner Freude die Herzschläge weit reiner und deutlicher, als ich sie jemals beim unmittelbaren Auflegen vernommen hatte …“ (Zitat nach Übersetzung von Fr. Ludw. Meissner, Leipzig 1839, S. 5/6). Nach dieser Erfahrung beschäftigte sich Laënnec systematisch mit der von ihm als „mittelbare“ Auskultation benannten Methode.

Aus dem ersten Pappzylinder wurde in der Folge ein durchbohrter Holzzylinder von ca. 20 cm Länge und knapp 4 cm Durchmesser, aus zwei miteinander verschraubbaren Teilen und abnehmbaren Endstücken.

Laënnec machte im auf Erkrankungen der Brustorgane spezialisierten Hôpital Necker umfängliche Beobachtungen und setzte sie zu den nachfolgenden Leichenöffnung in Beziehung. Die über drei Jahre gesammelten Daten veröffentlichte L. 1819 in dem Buch „Traité de l‘auscultation médiate, et des maladies des poumons et du coeur“ in 1. und stark erweitert 1826 in 2. Auflage.
L. beschrieb erstmals Bronchiektasen, das Lungenemphysem, Stadien der Lungenentzündung und der Tuberkulose sowie des Lungenkrebses.

Es fanden sich viele Studenten, auch aus dem Ausland (vorwiegend Briten) bei L. ein. Deutsche Mediziner verhielten sich gegenüber der französischen Neuerung reserviert.

Nachteilig für die Verbreitung der „Stethoskopie“ in Deutschland war die geringe Bettenzahl der Kliniken, doch 1824 wurde in Heidelberg von Friedrich August Puchelt und 1827 in Würzburg durch Johannes Lukas Schönlein die Auskultation gelehrt. Bei den Berliner Klinikern Hufeland, Behrends und Nesmer war nach G. Fr. Strohmeyer 1825/26 von physikalischer Diagnostik und pathologischer Ana-tomie nicht die Rede.
Eine anhaltende Belebung der physikalischen Diagnostik im deutschen Sprachraum erfolgte erst durch die verdienstvolle Arbeit des in Wien lebenden Joseph Skoda (1805 – 1881).
Dieser veröffentlichte 1839 „Abhandlung zur Auskultation und Perkussion“ (Mösle u. Braunmüller, Wien), worin er ein völlig neues System zur Klassifikation und Interpretation vorstellte und vereinfachte, gleichzeitig fehlerhafte Angaben von L. korrigierte.

Wenn also – im Gegensatz zur 1761 von Joseph Leopold Auenbrugger (1722 – 1809) beschriebenen Perkussion – in Deutschland das „Stethoskopieren“ wenig verbreitet war, kann hier mit lokalpatriotischem Stolz berichtet werden, dass es sich an der preußischen Friedrichs-Universität Halle/S. anders verhielt. Am 23.11.1815 wurde Christian Friedrich Nasse (1778 – 1851) Direktor der Medizinischen Klinik und machte Wenzel Krimer zu seinem Hilfsarzt. Dieser hatte zuvor in Paris Kontakt zur französischen Medizin bekommen, folgte 1819 Nasse an die Universität Bonn und wird in Halle für die Einführung physikalischer Untersuchungsmethoden hauptsächlich verantwortlich gewesen sein.

Jedenfalls schrieb Nasse 1828 in einer Vorrede zu dem Buch von V. Collin („Die Untersuchungen der Brust zur Erkenntnis der Brustkrankheiten“ ): „Ich fühle zu lebhaft den großen Werth von Laënnecs Bereicherungen der Dia-gnostik,…“ und „von welcher Seite man auch Laënnecs Untersuchungsweise beurtheilen möge, von allen zeigt sie sich schätzenswerth …“.

Der ebenfalls in Halle wirkende David Peter Krukenberg (1787 – 1865) – vor Nasse und 1819 – 1822 kommissarischer Leiter der Klinik – hatte vor 200 Jahren (1816) in Halle eine ambulatorische Poliklinik für die 6 Distrikte der Stadt Halle gegründet. Die vielen Kranken waren für die angehenden Ärzte von großem Erfahrungswert. Schüler von Krukenberg (z. B. Gustav Hauck und Karl Barriés) berichteten von dessen Lehrtätigkeit, so Barriés 1866 in seiner biografischen Skizze: „Als Laënnecs große Entdeckung in den meisten, wenn nicht in allen deutschen Kliniken noch vornehm belächelt wurde, galt in der Hallischen das Stethoskop bereits für das unentbehrliche Hilfsmittel bei der Diagnose der Brustkrankheiten …“. Das Stethoskop als Instrument entwickelte sich auf alle Fälle zu einem ärztlichen Statussymbol, erfuhr im 19. Jahrhundert zahlreiche Variationen (u. a. Schlauchstethoskop von P. G. Cammans 1855; Allisons Differenzialstethoskop 1861), wurde im 20. Jahrhundert durch die Untersuchungen von M. B. Rappaport und H. B. Sprague (1951) verbessert, um den bisherigen Höhepunkt der Entwicklung im Patent von David Littmann (Kombinationsstethoskop 1963) zu finden. Mit der Verbesserung ärztlicher Erfahrung bei physikalischer Diagnostik und technischer Entwicklung grafischer Aufzeichnungsmöglichkeiten speziell für den Herzschall (Phonokardiografie) kam es in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer „Renaissance“ auf internationaler Ebene (Ch. Laubry; Orias u. Braun-Menendez; A. Calo; A. Luisada, V. A. McKusick; C.Lian ) und in Deutschland durch R. Zuckermann (1910 – 1995) mit dem Buch „Herzauskultation“ (1963; 1965).

Es war damals möglich, nach der systematischen Darstellung der angeborenen Herzfehler durch Helen Taussig (1898 – 1986) 1960 in der Synopse von physikalischen, röntgenologischen und elektrokardiografischen Befunden exakte Diagnosen zu stellen, die in der Vor-Echokardiografie-Ära eine operative Korrektur von „reinen“ Herzfehlern ermöglichte (siehe Hallesche Herz-Lungen-Maschine 1962). Kurioserweise sollte der Verfasser dieser Zeilen beim Staatsexamen 1962 in der I. Medizin. Klinik Halle (Prof. R. E. Mark) kein Schlauch- sondern Holzstethoskop benutzen.

Fast zeitgleich schrieb der Kardiologe R. Zuckermann „Das Stethoskop ist ein Symbol der ärztlichen Kunst, die Auskultation jedoch keine symbolische Handlung. ... Die Auskultation am Krankenbett kann durch keine andere Unterrichtsmethode ersetzt, weder fließbandmäßig geführt noch tonbandmäßig imitiert werden. Sie ist eine Kunst, die in täglicher Übung erarbeitet und gepflegt sein will wie ein Geigenspiel …“ (1963).

Wie anders klingen dann Meinungen prominenter amerikanischer Kardiologen der Gegenwart Jagat Narula und Bret Nelson. Sie äußerten: „Die Zeit ist sicher reif für den Wechsel; so wie die Langspielplatten durch CDs und MP-3-Technik ersetzt wurden, wird das Stethoskop dem Ultraschall weichen“ (Global Heart, 2013/8; dt. Übersetzung nach A. Müller-Lissner, Tagesspiegel 21.03.2014).

Es verwundert nicht, wenn bei einem Test während der ACC-Kongresse 2011 – 2014 1.100 Ärzte leichtere Fälle nur zu fast 50 % richtig deuteten.

Immerhin gelang es uns „Trainierten“ in der Vorultraschallära mit der billigen „Stethoskopie“ zu über 90 % „harmlose“ Ton- und Geräuschphänomene – vor allem im Kindes- und Jugendalter – von pathologischen Befunden abzugrenzen.

In der modernen monitär-gesteuerten spezialisierten Medizin begünstigen versicherungsrechtliche Ängste der Ärzte eine Geräte-affine Handlungsweise, welche zwar das Auge schult, aber das Gehör verkümmern lässt. Man kann den Bedenken von Th. Klingenheben (9.12.2015/Kardiologie.org/Nachrichten) mit der Angst vor Kardiologietechnokraten nur zustimmen. Auch Narula und Nelson könnten sich geirrt haben, denn auch bei musikalischen Tonkonserven existiert wieder der Trend zum Plattenspieler. Es ist hohe Zeit, der angehenden Ärztegeneration wieder intensiv das „Hören“ nahezubringen, doch wo sind die „Trainer“?

MR Dr. med. Dieter Schwartze
Petersberg

* 17. Februar 1816 (zit. nach Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)
** L. erinnerte sich an eine Beobachtung spielender Kinder im Garten des Louvre vom Oktober 1815.